Arbeit anders angehen

 

Neuburg an der Donau, ein kleines Städtchen westlich von Ingolstadt, auf halbem Weg zwischen München und Nürnberg gelegen. Hier steht das Haus der Maschinenringe, einer Vereinigung von fast 200.000 landwirtschaftlichen Betrieben. Über den Ring nutzen die Bauern beispielsweise teure Maschinen gemeinsam. Von dem modernen, repräsentativen Neubau aus wird das Ganze verwaltet. Man wird lange suchen müssen, um eine Branche zu finden, die stärker in ihren Traditionen wurzelt als diese. Und dennoch stellen auch hier die jungen Bewerber auf freie Stellen ganz andere Ansprüche als noch vor wenigen Jahren. Dazu gehören Auszeiten wie ein „Sabbatical“, Fernarbeit von zu Hause oder flexible Arbeitszeiten – Privilegien einer neuen Klasse von Werktätigen, die eine neue Balance zwischen Job, Leben, Gesundheit und Selbstverwirklichung suchen.
„New Work“, das sogenannte Neue Arbeiten, ist damit selbst in den konservativsten deutschen Unternehmen angekommen. Seminare, in denen es um mehr „Miteinander reden, Achtsamkeit und gegenseitiges Verständnis“ geht, bieten auch die Maschinenringe an, deutschlandweit. Kaum eine Firma kommt noch an solchen Maßnahmen vorbei, Grund ist der Fachkräftemangel. Für mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen stellt er eine der größten Herausforderungen der Zukunft dar, wie eine Studie vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) offenbart. „Auch wir müssen Leute finden und binden, um die Digitalisierung zu meistern“, bestätigt Achim Schreiber, Teamleiter Personal bei den Maschinenringen. „Und weil sich die Vorstellung von Leben und Arbeit verändert, reagieren wir darauf.“ Arbeiten, um Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren, reicht den Jungen nicht aus. Sie wollen mehr Flexibilität, mehr Selbstbestimmung und mehr Sinn. Bei Vertretern älterer Generationen führt das oft zu gehobenen Augenbrauen: Mit welcher Begründung legt ein neuer Mitarbeiter schon nach wenigen Berufsjahren ein Sabbatical ein? Wovon und auf welchen Leistungen will er sich denn ausruhen?

Von zu Hause arbeiten, den Jobgelassener angehen, mehr im Team arbeiten: Die Generation Y achtet im Job mehr auf weiche, menschliche Faktoren als die vorangegangenen Jahrgänge.

Leistung plus Lebensgenuss

„Die jüngere Generation weiß um die Leistungsgesellschaft“, schreibt Jutta Rump, Professorin am Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) der Hochschule Ludwigshafen, über die Generation Y, die in etwa den Jahrgängen 1980 bis Mitte oder Ende der 1990er entstammt. Diese Generation scheut keine harte Arbeit, um hoch gesteckte Ziele zu erreichen, analysiert Rump: „Gleichzeitig kennt sie die Gefahren hoher beruflicher Belastung. So strebt sie eine Synthese aus Leistung und Lebensgenuss an.“ Allerdings zeigen Studien, dass ein Teil der jungen Generation einen realitätsfernen Blick auf den Unternehmensalltag hat, besonders unter den Höherqualifizierten.
Das erfahren auch Mittelständler wie die Maschinenringe. „Die Ansprüche an den Arbeitgeber waren vor ein paar Jahren noch anders“, weiß der Personaler Achim Schreiber. „Wir versuchen so darauf einzugehen, dass auch die älteren Mitarbeiter, die nicht von der Auszeit träumen, etwas davon haben.“ Das sei oft ein Spagat und ein gegenseitiges Geben und Nehmen: „Homeoffice wird den Mitarbeitern ermöglicht und schafft Freiraum. Wer diesen Freiraum in Anspruch nimmt, ist aber auch für die Transparenz seiner Arbeitsinhalte verantwortlich.“

Wertschätzung statt Boss-Gehabe

Die neue Arbeitswelt hat auch viel mit Kommunikation zu tun. Flache Hierarchien, Feedback-Kultur, Fortbildung oder Wertschätzung sind Begriffe, die gelebt werden wollen. „An der Führung und Zusammenarbeit auf Teamebene sind immer Vertreter mehrerer Generationen beteiligt. Diese Vielfalt an Potenzialen, Erfahrungen und Sichtweisen gilt es noch besser zu nutzen“, sagt Peter Kels, Professor für Führung, Organisation und Personal an der Hochschule Luzern.

»Ist der Mitarbeiter motiviert und gesund, hat auch der Arbeitgeber etwas davon.«

Achim Schreiber, Teamleiter Personal, Maschinenringe

Das bestätigt auch Achim Schreiber: „Jüngere haben andere Wege gelernt, um zu kommunizieren, über Chats und Messenger. Bei uns aber ist das persönliche Gespräch die Basis der Zusammenarbeit.“ Das sei für die jüngere Generation gewöhnungsbedürftig. „Umgekehrt ermutigen wir aber auch unsere älteren Mitarbeiter, sich stärker für die Jungen zu interessieren“, ergänzt er.
Wenn Leistung und Lebensgenuss zusammengehen, können letztlich also alle profitieren: die Generation Y, die skeptischen Babyboomer, die Arbeitgeber und die Gesellschaft. Auch wenn die ständige Erreichbarkeit ihre eigenen Gefahren birgt – vielleicht kann man den Ruf nach mehr Achtsamkeit, Wertschätzung und freierer Zeiteinteilung sogar als betriebliches Gesundheitsmanagement betrachten. Der Praktiker Schreiber sieht das pragmatisch: „Ist der Mitarbeiter motiviert und gesund, hat auch der Arbeitgeber etwas davon.“

 

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