Der gebürtige Wiener Armen Avanessian lehrte an der Freien Universität Berlin. Heute ist er Gastdozent an Kunstakademien und Publizist.
Der gebürtige Wiener Armen Avanessian lehrte an der Freien Universität Berlin. Heute ist er Gastdozent an Kunstakademien und Publizist.



"Entschleunigung ist eine Mittelklasse-Fantasie"

 

Herr Avanessian, noch mal kurz erklärt: Bedeutet Akzelerationismus, dass die Welt immer schneller wird – und das ist auch gut so?
Die Theorie dahinter fordert nicht, dass sich unser Leben immer mehr beschleunigen soll. Das ist ein häufiges Missverständnis. Der Akzelerationismus stellt fest, dass viele Menschen das Gefühl haben, in einer immer schneller werdenden Gesellschaft zu leben. Er fordert aber keine Entschleunigung, sondern die positiven Seiten dieser Entwicklung zu sehen – als Ausdruck des Fortschritts. Haben wir nicht schon längst die technologischen und wissenschaftlichen Mittel an der Hand, eine ganz andere Gesellschaft, eine ganz andere Arbeitswelt herzustellen?

Nehmen wir das einmal an. Warum sind viele dann immer noch so pessimistisch, was den Fortschritt betrifft?
Es hat sich eine Gleichung eingeschlichen, die nicht mehr hinterfragt wird: Moderne = fortschrittlich = kapitalistisch = Beschleunigung. Wenn also jemand an irgendeinem Punkt damit nicht zufrieden ist, dann denkt er, er müsse automatisch gegen alle vier Punkte der Gleichung sein. Ich stelle mich gegen diese Vereinfachung und Gleichsetzung, denn Fortschritt ist und bleibt etwas Gutes, eine positive Kategorie. Wir brauchen dringend wieder einen positiven Zukunftsbegriff. Uns ist der Glaube an den Fortschritt verloren gegangen.

Was erwarten Sie und der Akzelerationismus denn von der Zukunft der Arbeit?
Man muss Arbeit erst einmal genauer definieren. Was wird als Einkommensarbeit gewertet und was nicht? Und welche Gründe hat es, dass beispielsweise Hausarbeit oft nicht als Arbeit zählt? Insgesamt sehe ich drei große Tendenzen: Zum einen die fortschreitende Automatisierung und Robotisierung, die in Zukunft noch eine viel größere Rolle spielen werden. Zum anderen wirken nach wie vor die Industrialisierung und ihre Konsequenzen nach. Und zum Dritten lässt sich überspitzt formulieren, dass eine Arbeit umso schlechter honoriert wird, desto sozial wertvoller sie ist. Stichwort: soziale Berufe, Altenpflege, das sind zunehmend Tätigkeiten, die immens wichtig für die Gesellschaft sind und von denen man trotzdem kaum leben kann. Was uns fehlt, ist ein progressiver und dennoch realistischer Umgang mit den Entwicklungen, die uns in der Arbeitswelt bevorstehen. Wir sollten das, was auf uns zukommt, als eine große Chance begreifen.

Was kommt denn auf uns zu?
Dass wir alle weniger und kürzer der klassischen Lohnarbeit werden nachgehen müssen. Warum sollen wir alle bis ins hohe Alter und immer länger arbeiten müssen, wenn die Rahmenbedingungen und Produktivitätsverhältnisse schon längst ganz andere sind?
 

»Fortschritt ist und bleibt etwas Gutes. Wir brauchen dringend wieder einen positiven Zukunftsbegriff.«

Armen Avanessian, Philosoph, Literaturwissenschaftler und politischer Theoretiker
 

Trotzdem haben viele Menschen Zukunftsängste, gerade wenn es um ihre Arbeit geht. Woran liegt das?
Wenn es eine Sache gibt, in der sich Marx und die bürgerlichen Ökonomen einig sind, dann diese: Der Mensch definiert sich über seine Arbeit. Der Gedanke vom Mensch als animal laborans, das arbeitende Tier, reicht zurück bis in die Antike. Wir verstehen uns über unsere Arbeit, egal, ob wir in kreativen Berufen zum Beispiel als Schriftsteller arbeiten oder in der Industrie. Die Arbeit prägt unser Selbstverständnis. Helmut Schelsky...

... der deutsche Soziologe...
... hat einmal gesagt: Familie und Beruf geben unserem Leben Innenstabilität. Beides befindet sich derzeit im Umbruch, aber vor allem die Arbeit stabilisiert uns immer weniger. Und sowohl als Individuen als auch gesellschaftlich haben wir noch nicht gelernt, uns über andere Kategorien zu definieren als über unsere Lohnarbeit. Solange wir das nicht können, ist verständlich, dass die Zukunft und ihre technologischen Entwicklungen uns mit Angst erfüllen.

Manche erwarten, dass es bald nur noch wenige Menschen geben wird, die Maschinen sagen, was diese tun sollen – dafür aber viele Menschen, die Anweisungen von Maschinen empfangen. Ist das ein realistisches Szenario?
Die entscheidende Frage ist eher, wen diese Plattformeffekte bevorteilen: Warum Firmen wie Uber jahrelang Verluste machen können und sich trotzdem ausdehnen. Das liegt zum einen an Steuerschlupflöchern und Steueroasen und den deswegen vorhandenen Billionen von Risikokapital, mit denen sich diese Firmen eine Monopolstellung erzwingen wollen. Der amerikanische Designtheoretiker Benjamin Bratton spricht von „Cloudfeudalismus“. Gegen diese Tech-Unternehmen, die Volkswirtschaften nicht nur umstrukturieren, sondern alle Profite einsacken, hat sich noch keine ausreichende politische Gegenbewegung organisiert. Aber auch während der Industrialisierung hat es Jahrzehnte gedauert, bis Gewerkschaften entstanden sind, die Widerstand gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen leisten konnten.

Noch einmal zurück zum Akzelerationismus: Was stört Sie eigentlich so am derzeit oft gehörten Ruf nach Entschleunigung?
Zunächst einmal ist es inkonsequent und führt nicht weit, ein bisschen Slow Food zu essen und im Spa-Hotel ein paar Tage offline zu gehen. Das als Lösung der gegenwärtigen und künftigen Probleme auszugeben, ist zudem verlogen und kann sich ja nur ein ganz kleiner Teil der Gesellschaft leisten. Entschleunigung ist für mich eine Fantasie der gehobenen Mittelklasse und keine politische Strategie.