Klick-Jobs für Babyboomer

 

Neulich las ich einen Bericht über die Zukunft der Arbeit. Schon bald werden wir uns nicht mehr an garstigen Kollegen messen müssen, sondern an Maschinen. Nur solange wir Menschen billiger sind, ist unser Job sicher. Das Prinzip der Klick-Arbeit ist so einfach wie brutal: Kleine Aufgaben, etwa das Eingeben einer Restaurant-Quittung, werden weltweit online ausgeschrieben, sehr preisgünstig, denn die Arbeitskraft muss billiger sein als der Strom für die Maschine. Überlege ich noch, ob zwölf Cent Lohn für den Job fair sind, hat mir bereits der Rivale aus der Mongolei den Auftrag weggeschnappt. Erste Tests haben ergeben: Wer auf fünf Euro in der Stunde kommt, muss richtig gut sein. Dafür kann ich zu Hause arbeiten – sehr praktisch, wenn man rund um die Uhr im Einsatz ist. Da ist sie wieder, die Idee von der Ich-AG, die Kanzler Schröder einst forderte. Und kalorienreduziert noch dazu. Denn zum Kühlschrank gehen die künftigen Heimwerker nur selten. Man könnte ja einen Job verpassen. Der Mongole schläft nicht.
Plötzlich sehe ich das fortwährende Computerspielen meiner Söhne sehr viel optimistischer. Die Jungs sind derart fingerfertig, dass ich mir um meine Rente keine Sorgen machen muss. Kleines Problem: Es gibt noch kein Game, das sich ums Abtippen von Quittungen dreht. Ist doch ganz einfach: Auf dem ersten Level muss man langweilige Tankbelege eingeben; wer sich weiter hocharbeitet, wird mit Fressquittungen aus Drei-SterneRestaurants belohnt. Auf dem Toplevel werden Rechnungen für Luxusjachten angeboten. Schön, wenn man am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben kann. Das ist soziale Gerechtigkeit.
Ich bin ein Vierundsechziger, Vertreter des geburtenstärksten Jahrgangs aller Zeiten. Wir sind über 1,3 Millionen und waren immer zu viele, so wie die Nachbarjahrgänge auch: 40 Kinder in der Klasse, Uniseminare auf umgedrehten Mülleimern. Wir waren Mediziner- und Lehrerschwemme, von klein auf an Horrormeldungen über knappe Arbeitsplätze gewöhnt. Derzeit sind wir die Rentenkassenschwemme. Denn mit Mitte fünfzig verdienen wir gut und zahlen tapfer ein. Unsere Kinder sind keine Schwemme mehr, sondern Rohdiamanten. Sie werden sich ihre Klick-Jobs aussuchen können. Bleibt die Frage, ob wir uns auf die Kinder mit Klick-Jobs und ihrem notorischen Chill-Bedürfnis verlassen können? Ich bin der festen Überzeugung: Aber ja! Demnächst gehe ich bei meinen Söhnen ins Trainingslager für Computerspiele, damit ich auch mit achtzig noch kraftvoll zutippen kann. Zocken für die Zukunft. So sieht lebenslanges Lernen aus.

Dr. Hajo Schumacher, 54, ist Journalist und
Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein
aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet
moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018).
Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.