„Wir geben auf, was uns so viel bedeutet“

 

 

Professor Hasselhorn, wir Deutsche gelten gemeinhin als Arbeitstiere. Trotzdem ist Arbeiten bis 67 unbeliebt. Wie passt das zusammen?
Das ist in der Tat ein Widerspruch. Dieses gesellschaftliche Phänomen untersuchen wir mit unserer repräsentativen LidaStudie. Lida steht für „Leben in der Arbeit“. Seit 2011 befragen wir die BabyboomerJahrgänge 1959 und 1965 auf ihrem Weg von der Arbeit in den Ruhestand. Die Babyboomer-Generation bildet heute die größte Erwerbsgruppe in Deutschland.

Was waren die Ergebnisse der Befragung?
75 Prozent der erwerbstätigen Babyboomer sagen, dass die Arbeit ihnen viel oder sogar sehr viel bedeutet. Trotzdem will nur ein kleiner Teil von ihnen bis zum gesetzlichen Regelrenteneintrittsalter arbeiten. Ich war überrascht, wie stark diese „Kultur des Frühausstiegs“ aus dem Berufsleben noch immer ausgeprägt ist. Jüngere Menschen sehen das übrigens ganz ähnlich.

Viele Menschen könnten also länger arbeiten, wenn sie wollten.
Richtig. Der möglichst frühe Ausstieg aus dem Berufsleben ist für die meisten normal und erstrebenswert. Diese Menschen empfinden nicht ihre Tätigkeit, sondern „das Arbeiten“, das ihnen aufgezwungen wird, als etwas Belastendes. Das gilt auch für Personen mit einer hohen Leistungsfähigkeit und guter Gesundheit. Die positiven Aspekte des Arbeitens sind ihnen oft zu wenig bewusst.

Welche positiven Aspekte meinen Sie?
Ich spreche nicht vom Geldverdienen. Erwerbsarbeit schafft eine Alltagsstruktur und sorgt für soziale Kontakte. Für viele ist sie identitätsstiftend. Arbeit trägt maßgeblich dazu bei, dass wir zufrieden sind und gesund bleiben. Wer plötzlich keine Arbeit mehr hat, spürt das meist schnell. Arbeitslose haben ein höheres Risiko, an psychischen Störungen zu erkranken und vorzeitig zu sterben. Mehrere Studien bestätigen diesen Zusammenhang.
 

»In Schweden herrscht ein deutlich besseres Bild von der Arbeit vor als hierzulande. «

Hans Martin Hasselhorn, Arbeitswissenschaftler
 

Wie erklären Sie diese positiven Faktoren der Arbeit einem schlecht bezahlten Paketboten?
Wie soll man bei einer eintönigen und körperlich schweren oder psychisch belastenden Tätigkeit die positiven Seiten der Arbeit sehen? Das ist tatsächlich schwer vorstellbar. Schlechte Arbeit ist oft noch schlimmer, als gar keine Arbeit zu haben.

Warum ist Arbeiten bis 67 so unbeliebt in Deutschland, und das in allen Schichten?
Die Gründe dafür sind komplex und nur schwer zu fassen. Antworten findet man etwa in Skandinavien: Schweden hat eine andere Arbeitskultur. Dort herrscht in der Gesellschaft ein deutlich besseres Bild von der Arbeit vor als hierzulande.

Was machen die Schweden anders als wir?
Schlechte oder gesundheitsgefährdende Arbeit ist in Schweden gesellschaftlich weniger akzeptiert. Dort soll die Arbeit nicht nur gesundheitsfördernd sein, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung stärken. Auf die Frage, wie lange die Menschen arbeiten werden, antwortet man dort eher mit „Ich will …“ statt mit „Ich muss …“. Diese Einstellung zur Arbeit hat viel mit einer historisch gewachsenen sozialen Gesinnung zu tun, die Arbeit und beruflicher Qualifizierung eine viel höhere Bedeutung zumisst als in Deutschland. Zusätzlich drohen härtere Sanktionen, wenn Unternehmen die Arbeitsschutzregelungen und schlechte Arbeitsbedingungen ignorieren.

In Deutschland will mehr als die Hälfte der Befragten so früh wie möglich in Rente gehen. Dabei herrscht Fachkräftemangel…
Das ist problematisch. Wir müssen erforschen, warum gesunde, aktive Menschen ihren Job frühzeitig an den Nagel hängen.

Wie lange werden Sie arbeiten?
Solange es meine Gesundheit zulässt. Ich bin 58 und zum Glück noch immer fit.
 

Der Denkanstoßer

Prof. Dr. med. Hans Martin Hasselhorn (58) leitet als Arbeitsmediziner den Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft an der Universität Wuppertal. Nachdem er sich im Berliner „Tagesspiegel“ für ein besseres Image der Arbeit im Alter ausgesprochen hatte, erreichten ihn ungewöhnlich viele Leserbriefe.
 

Info: Stimmen aus der Selbstverwaltung

Gabriele Frenzer-Wolf und Jens Dirk Wohlfeil sind alternierende Vorsitzende der Bundesvertreterversammlung der Deutschen Rentenversicherung Bund.

„Ein zentraler Aspekt für ein positives Verhältnis zur Arbeit sind gute Arbeitsbedingungen. Dazu gehört auch eine gute Work-Life-Balance. Allerdings werden in Deutschland besonders viele Überstunden geleistet, rund die Hälfte davon unbezahlt. Das trägt nicht dazu bei.“
 

„Gesellschaftliche Veränderungen haben bereits zu einem erheblichen Wandel der Arbeitskultur beigetragen. Arbeitgeber bieten zunehmend flexible Arbeitsbedingungen und ermöglichen so eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf. Zudem haben sich die Rahmenbedingungen für einen flexiblen Renteneintritt deutlich verbessert.“