„Zinsen", was war das, Papa?

 

 

In unserer Familie gehörte der Weltspartag früher zu den hohen Feiertagen! Ich bekam von Mama die gute Hose rausgelegt und wickelte den grünen Plastikelefanten in zwei Schals, um das Klimpern der Münzen zu dämpfen. Auf dem Weg zur Filiale unserer Eisenbahnerbank sollten keine Wegelagerer auf die Schätze aufmerksam werden, die ich auf dem Rad transportierte. Schweigend führten die Bankleute, so will es die Erinnerung, meinen Vater und mich in den Keller, wo der Safe mit Rädern und Geheimcodes geöffnet wurde. Auf einem Samttuch entriegelte der Bankmensch mit weißen Handschuhen das goldene Schloss am Bauch des Elefanten. Minutenlang purzelten Münzen heraus, dazu gefaltete Scheine, die ich von Onkeln und Tanten mitsamt einer Tüte Schokolinsen bekommen hatte, damals, als es noch Verwandtenbesuche gab. Die Schokolinsen inhalierte ich, was zu spontanem Sodbrennen führte, woran die weißen Linsen schuld waren; die rosanen waren milder. So lernte ich den Unterschied zwischen „kurzfristig“ (viele Schokolinsen, Gier, Bauchweh) und „langfristig“ (kleine Scheine, Geduld, Reichtum).

Sparen war ein Ritual für uns, Zen für Wirtschaftswunderkinder, die selbstverständlich darauf vertrauten, dass es vier, fünf, sechs Prozent Zinsen geben würde – weshalb aus 100 nach zwei Jahren bereits 110 Mark geworden waren und später, wenn man mal groß sein würde, zumindest ein VW Variant herausspränge oder besser noch ein Bulli, der damals schon als cooles Gefährt galt. Meine Jungs gähnen, wenn ich von diesen sagenumwobenen „Zinsen“ erzähle. Als langfristig gilt für meine Söhne alles, was nicht am selben Tag geliefert wird. Mein Zentralwert Sparen ist von der Nullzinsphase gekillt worden. Klar: Eine Million auf der Bank ist ein Jahr später nur noch 950.000 Euro wert. Neulich überlegten wir, was passiert, wenn die Strafgebühren weiter steigen, auf, sagen wir, vier, fünf, sechs Prozent. Ich bin zwar kein Volkswirt – ein Wort, das nicht ohne Grund mit denselben Buchstaben beginnt wie „Voodoo“ –, aber eines Tages müssten doch Kredite dann auch negativ verzinst werden. Bald schon leihen wir uns also eine Million und müssen nach einem Jahr nur noch 950.000 Euro zurückzahlen. Zehn, zwölf Jahre, bisschen negativer Zins und noch negativerer Zinseszins, und, schwupp, steht die persönliche schwarze Null wieder scholzstolz. Was das für die Binnenkonjunktur bedeutet! Die Kreuzfahrtbranche! Und Rente brauchen wir auch nicht mehr! Unsere Kinder würden uns verfluchen, wenn wir in diesen Jahren nicht leihen, bis es kracht. Ach Kapitalismus, ick liebe dir. 
 

Dr. Hajo Schumacher, 55, ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein jüngstes Buch „Männerspagat“ beleuchtet moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.