Nicole Kirsch lächelt in die Kamera



Pioniere der Arbeit


Bevor Nicole Kirsch ins Büro fährt, bucht sie sich einen Schreibtisch in der Zentrale der Deutschen Telekom in Bonn. Dort schließt sie ihren Laptop an die Tastatur und den Monitor an, mit dem jeder der frei wählbaren Arbeitsplätze ausgestattet ist. Aus ihrem abschließbaren Schrankfach holt die Projektleiterin ein paar Unterlagen. Viele sind es nicht. Die meisten Arbeitsprozesse laufen bereits digital ab.
 

66% der Beschäftigten können laut einer repräsentativen Umfrage mit dem Homeoffice Beruf und Familie besser vereinbaren.

QUELLE: DAK, JULI 2020


Für die erste Videokonferenz an diesem Tag setzt sie sich in einen mit Glas abgetrennten Raum namens „Think Tank“ auf ein Sofa, streckt ihre Füße auf dem blauen Teppich aus und stellt den Laptop auf einen kleinen, weißen Beistelltisch in genau der richtigen Arbeitshöhe. Anschließend steht ein Brainstorming mit einem Kollegen auf ihrer Agenda. Sie treffen sich in der Lounge ihres Stockwerks – einem Raum mit Himmel und Wolken an den Wänden, bunt gemischten Polstermöbeln und einem aus alten Büchern gebauten Tisch. Alles hier strahlt aus: Man darf kreativ sein, einfach mal herumspinnen, neue Ideen entwickeln oder auch verwerfen. Und wenn es stockt, hilft im Zweifel eine Runde am Kicker weiter.

Nicole Kirsch hat die freie Wahl: einen Schreibtisch nutzen oder im „Think Tank“ arbeiten.


Nicole Kirsch ist unheimlich gern in ihrem Büro mit den vielen liebevoll-verrückten Details, die in Zusammenarbeit mit Kunststudenten entstanden sind. Aber sie mag auch ihr Homeoffice, allein schon deshalb, weil sie dann geschlagene zwei Stunden Fahrtzeit spart. Vor der Corona-Pandemie hat sie einen Tag ihrer Vier-Tage-Woche von zu Hause aus gearbeitet. Inzwischen hat sie sich auf zwei Tage festgelegt. „Ich nutze das Homeoffice, wenn ich zum Beispiel viele Videokonferenzen habe oder in Ruhe ein Konzept schreiben will“, erklärt Kirsch. „Die Zeit im Büro ist eher von Treffen mit Kollegen, dem gemeinsamen Arbeiten an Themen und kreativen Prozessen geprägt.“

Bei der Telekom ist schon länger Alltag, was in anderen Unternehmen erst durch die Corona-Einschränkungen im Schnellverfahren gelernt werden musste: digitales und mobiles Arbeiten. Die Bonner Zentrale ist deshalb auch ein Blick in die Zukunft der Berufswelt. Experten sind sich einig, dass eine Rückkehr zur reinen Büropräsenz unwahrscheinlich ist und es viele Mischformen geben wird – Konferenzen, bei denen beispielsweise ein Teil der Kollegen zugeschaltet wird, oder Homeoffice und Büro kombiniert. Die Pandemie hat einen gewaltigen Modernisierungsschub in Gang gesetzt.
 

Neues Verständnis von Vertrauen

In Deutschland ist die Arbeitszufriedenheit ausgerechnet in der Krise gewachsen. Nach einer Studie der DAK ist das tägliche Stresserleben während der Corona-Pandemie um 29 Prozent zurückgegangen. Arbeitnehmer empfinden das Homeoffice als Entlastung – und zwar in weit größerem Maße als vermutet, belegen die Zahlen der DAK. Über die Hälfte der Befragten gibt an, das Arbeiten zu Hause als angenehmer zu empfinden und produktiver zu sein.
 

Bei der Telekom gehört der klassische Büroraum der Vergangenheit an.

Die Zukunft der Arbeit, auch „New Work“ genannt, bedeutet allerdings nicht nur mehr Homeoffice, Videokonferenzen und eine bessere digitale Arbeitsweise. Es erfordert von den Vorgesetzten vor allem Vertrauen in das eigenverantwortliche Arbeiten der Teams. Kurzum: eine digitale Neuordnung der Arbeitsprozesse. Einige Unternehmen nehmen sich den erfolgreichen Musik-Streamingdienst Spotify zum Vorbild. Zum Spotify-Modell gehören Tribes, Squads, Chapter und Gilden.
 

Die Mischung macht’s: Die Telekom-Büros bieten
Schreibtische, Rückzugsorte und Tischkicker.

Stämme und Stammesführer

Jeder Tribe hat ein Thema, zum Beispiel Digitalisierung. Umgesetzt wird es in fachübergreifenden Teams, den Squads, die eine bestimmte Mission oder Aufgabe haben und wie Start-ups agieren: kreativ, eigenständig und weitestgehend hierarchiefrei. In Chapter sind alle organisiert, die dasselbe Fachwissen haben, etwa IT-Fachkräfte oder Personalentwickler. Sie sind disziplinarisch zuständig, etwa bei Gehaltsverhandlungen. In Gilden sind über das ganze Unternehmen verteilte Fachleute vernetzt, die ihr Wissen über ein bestimmtes Thema teilen.
 

»Die Nähe von Berufs- und Privatleben macht glücklich.«

Oliver Herrmann, Tribe Leader „Neue Arbeitsweisen“ bei der Telekom


Einer von fünf Stammesführern bei der Deutschen Telekom ist Oliver Herrmann. Er leitet den Tribe „Neue Arbeitsweisen“ (New Ways of Working). Seine Squads haben vieles von dem ausgearbeitet, was schon heute die Arbeitsplätze seiner Firma prägt: Kreativflächen, Lounges, Sofaecken und Homeoffice. Die große Zufriedenheit mit dem Arbeiten von zu Hause aus wundert den dunkelhaarigen Mitfünfziger nicht. „Erst mit der Industrialisierung kam eine Trennung von Arbeits- und Privatleben, mit der auch eine Entfremdung einherging“, sagt er. Das Homeoffice verwische diese scharfe Grenzziehung. „Die Glücksforscher sagen: Je näher wir die beiden Bereiche wieder zusammenbringen, desto glücklicher sind die Menschen.“

Seit Beginn der Pandemie ist es normal geworden, dass bei Videokonferenzen immer mal Kinder durchs Bild laufen, Katzen es sich auf der Tastatur gemütlich machen oder private Wohnzimmer mit Bügelbrett im Hintergrund zu sehen sind. Doch trotz der neuen Glücksgefühle entstehen auch reale Nachteile. Der Hälfte der Beschäftigten fehlt eine klare Trennung von Berufs- und Privatleben im Homeoffice, so die DAK-Studie. Auch der Abschied vom persönlichen Schreibtisch mit dem Familienfoto und der Topfpflanze fällt vielen schwer. Denn Nicole Kirsch und ihre Kollegen haben keine eigenen Arbeitsplätze mehr. In ihrem Unternehmen reserviert man sich einen Platz für die Zeit im Büro. Drei Viertel der Menschen vermissen außerdem im Homeoffice den Kontakt zu Kollegen. In der Zukunft bedeutet mehr Homeoffice deshalb, dass informeller Austausch nicht mehr einfach so passiert, sondern das „Wir-Gefühl“ und Team Building feste Termine und mehr Zeit brauchen.
 


Die Entwicklung lässt sich dennoch nicht mehr bremsen. Die Digitalisierung in Deutschland beschleunigt seit der Pandemie nicht mehr wie ein VW Käfer, sondern wie ein TeslaElektroauto: von 0 auf 100 Stundenkilometer in zwei Wimpernschlägen. Der Grund: Statt lange abzuwägen, wird seit Corona einfach gemacht.In Branchen, die nicht fürs Homeoffice geeignet sind – Handwerksbetriebe, Versorgungsbetriebe, Dienstleistungen etwa –, wurden oft mehrere feste Teams gebildet, die sich nicht begegnen, um dann trotz eines Corona-Falls weiterarbeiten zu können.

Gleichzeitig haben sich noch nie so viele, auch Kleinunternehmen, getraut, etwas Digitales auszuprobieren. 3D-Drucker für das richtige Ersatzteil, digitale Kundenpflege oder auch Skype-Klavierunterricht und therapeutische Videosprechstunden. Vom Heizungsinstallateur über den Italiener um die Ecke bis zum Bauern in der Provinz. Konkret kann die Digitalisierung dann so aussehen: ÖkoLandwirt Reinhart Langenberg aus dem Osnabrücker Land richtet sich mithilfe des Start-ups Regioshopper eine Verkaufswebsite für seinen Hofladen ein. Die Kisten, die sich die Kunden online zusammenstellen, holen sie coronasicher und ohne Wartezeit auf dem idyllischen Fachwerkhof mit Milchkühen, Kartoffel- und Getreideanbau ab. Langenberg kann sein Sortiment und die Preise auf der Webseite je nach Lage im Gemüsebeet selbst aktualisieren.
 


Das Kompetenzzentrum Lingen hatte den Kontakt zwischen Start-up und Bauern vermittelt. Das Interesse an digitalen Lösungen wächst beträchtlich. Gerade unter Druck haben viele Betriebe erkannt, dass in traditionellen Arbeitsbereichen digitale Angebote den unternehmerischen Erfolg sichern können. Das Regioshopper-Modell läuft jedenfalls so gut, dass Start-up-Gründer Hauke Rehme-Schlüter überlegt, in den nahe gelegenen Städten feste Standorte mit Kühlungen einzurichten, wo Kunden ihre online bestellten Hofkisten abholen können. „Die Leute sind jetzt viel offener für digitale Ideen geworden“, findet Rehme-Schlüter.

Im Vorteil ist, wer bei der Digitalisierung schon zu Beginn der Pandemie gut aufgestellt war. Dazu gehört auch die Deutsche Rentenversicherung. Die schiere Datenmenge – das gesamte Erwerbsleben jedes Versicherten – hat schon früh zum Umdenken geführt.
 

Digitalisierung bei der Rentenversicherung

„Wir digitalisieren schon seit den 1970erJahren“, weiß Karlheinz Keller, stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle Digitalisierung. Als nun Corona kam, hätten die Rentenversicherungsträger kurzfristig alle systemrelevanten Prozesse geschützt, um die Zahlungen von Renten und Übergangsgeldern sicherzustellen. „Dafür wurden viele zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kunden-, Finanz- und IT-Bereichen kurzfristig mit Laptops ausgestattet“, sagt Keller. Teilweise könnten damit auch Beratungen aus dem Homeoffice erfolgen, weil der Zugriff auf die Versicherungskonten möglich ist: „Telefonund punktuell auch Videoberatungen lösen die Präsenzberatungen ab.“
 

»Wir wollen mehr als nur das Papierangebot digital bereitstellen.«

Karlheinz Keller, Geschäftsstelle Digitalisierung der Deutschen Rentenversicherung
 

Immer mehr Versicherte machen auch von den Online-Diensten Gebrauch; seit 2009 ist die Zahl der registrierten Nutzer von rund 2.000 auf 170.000 Ende Dezember 2020 angewachsen, sagt Manuela Kroeger, Produktmanagerin eGovernment. Und es könnten noch viel mehr sein, denn „viele Versicherte wissen gar nicht, wie weit wir bei diesem Thema schon sind“. Gerade während der Pandemie sind die online gestellten Rentenanträge sprunghaft angestiegen. Die Deutsche Rentenversicherung will sich nicht damit begnügen, das Papierangebot elektronisch zur Verfügung zu stellen, so Keller. Es gehe darum, digital zu denken. „Wir wollen zum Beispiel in Zukunft nur noch Daten abfragen, die wir tatsächlich noch nicht haben, etwa bei Rentenanträgen.“ Das würde es Versicherten und Rentnern leichtermachen. Digitalisierung bedeute nicht nur einen reibungslosen Umzug ins Homeoffice, sondern auch digitalen Service: „Kunden und Beschäftigte gestalten mit, um später davon zu profitieren.“
 

Digital denken: Susanne Christ (links, Geschäftsstelle Digitalisierung) mit ihren Kolleginnen Alina Sanojca (Mitte, Zukunftscampus und Geschäftsstelle Digitalisierung) und Manuela Kroeger (rechts, eGovernment) von der Deutschen Rentenversicherung.


Um sich über Ideen und schon laufende Projekte auszutauschen, vernetzen sich die digitalen Pioniere auf einem sogenannten Marktplatz, einer internen Plattform der Rentenversicherung. Und sie tauschen sich auf jährlichen Zukunftsevents aus. „Das Thema Sicherheit und Datenschutz spielt bei uns immer eine große Rolle“, sagt Alina Sanojca, die den Zukunftscampus plant und die trägerübergreifende Zusammenarbeit in der Geschäftsstelle Digitalisierung mit koordiniert. „Wir tragen die Verantwortung für sehr viele Daten und können in den meisten Bereichen nicht einfach mal losprobieren.“ Jeder Schritt muss sicher und wohlüberlegt sein. „Für uns ist wichtig, dass jeder seine Ideen einbringen und auf Augenhöhe mitdiskutieren kann“, sagt Susanne Christ von der Geschäftsstelle Digitalisierung. „Nur so kommt man auf Lösungen, die es sonst nicht geben würde.“ Überall bei der Rentenversicherung würden neue Herangehensweisen als Ergänzung zu bewährten Methoden erprobt.
 

Corona schafft Fakten

Nicht nur bei der Deutschen Rentenversicherung ist der Erneuerungswille groß. Selbst Firmen, die bisher hinterherhinkten und meinten, auch ohne neue Arbeitsweisen und ernsthafte Digitalisierung gut klarzukommen, haben sich inzwischen eines Besseren belehren lassen. 73 Prozent der Unternehmen sagen, die Corona-Krise habe dazu geführt, dass sie neue digitale Formen etwa bei Dienstleistungen entwickelt haben, zeigt das FraunhoferInstitut in einer im Juli 2020 veröffentlichten Befragung unter 500 Unternehmen. „Die Ergebnisse sind beeindruckend“, so Studienleiterin Josephine Hofmann. Diese Veränderungsgeschwindigkeit sei bis vor Kurzem undenkbar gewesen. Kurzum: ein gigantisches Experiment, das geglückt ist. So haben die Coronavirus-Beschränkungen Fakten geschaffen und „New Work“ breitflächig möglich gemacht, eine neue Arbeitswelt.
 

...Immer mehr Online-Nutzer

Die Zahl der registrierten Nutzer, die vom Online-Angebot der Deutschen Rentenversicherung Gebrauch machen, ist von 4.000 (2011) auf 170.000 (Ende 2020) angewachsen. Das ist eine Steigerung von rund

FÜNF DINGE, DIE SICH NACH CORONA ÄNDERN

Professor Werner Eichhorst forscht am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn zu Reformprozessen und dem Wandel in der Arbeitswelt.

1. Fünf Tage im Büro wird es in Zukunft nicht mehr geben. Homeoffice und Büro haben beide Vor- und Nachteile. Wir werden deshalb eine Mischform sehen – mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Die Kunst liegt darin, Strukturen zu schaffen, bei denen es gar nicht mehr so entscheidend ist, ob es zwei, drei oder vier Tage im Büro sind, und wo es viele Wahlmöglichkeiten für die Mitarbeiter gibt.

2. Persönliche Schreibtische für die gesamte Belegschaft gehören der Vergangenheit an. Es wird weiter ausreichend Kapazitäten geben, aber nicht mehr einen Schreibtisch für jeden und zu jeder Zeit, sondern für drei Viertel oder vier Fünftel der Beschäftigten eines Unternehmens. Ein Schreibtisch wird gebucht für die Zeit, in der man ihn benötigt. Das Firmenprestige wird in Zukunft nicht mehr dadurch bestimmt, ob man Büros in einer Toplage oder einen Büroturm hat.

3. Besprechungen werden auch nach der Pandemie viel öfter digital stattfinden als in früheren Zeiten, vor allem kleinere Meetings, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stundenlang unterwegs wären. Dienstreisen werden in Zukunft kritischer hinterfragt als vor Corona.

4. Kreative Prozesse finden in neuen Räumlichkeiten statt, die eher Begegnungsstätten als Konferenzräume sind. Sie finden weiter analog statt, denn Kreativität benötigt direkte und auch informelle Kommunikation. Es muss Raum sein für intensiven Austausch, Reibungen und auch Ungeplantes.

5. Zusammenhalt wird künftig bewusster organisiert und ritualisiert. Trotz Homeoffice wird es Termine geben, wo man sich als Team persönlich trifft und dafür sorgt, dass niemand „verloren geht“. Gemeinsame Unternehmungen der Belegschaft wie Feiern oder Betriebsausflüge werden für den Erhalt des Gemeinschaftsgefühls wichtiger und häufiger als vor der Pandemie. Das muss organisiert werden.
 

<strong>Professor Werner Eichhorst,></strong>
Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA)