Karikatur einer Personen, die eine Treppe runter läuft.



Fast Vertraut

 

Früher, als das Leben noch sicher war und das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern grenzenlos, da schlich ich mich zuweilen nachts aus unserem hellhörigen Reihenhaus. Zuvor hatte ich Müdigkeit vorgetäuscht und gab vor, früh ins Bett zu wollen. Mein funktional eingerichtetes Jugendzimmer lag direkt neben dem Elternschlafzimmer, im ersten Stock. Filmreifes Türmen, etwa über die Regenrinne, fiel aus, weil keine da war. Abseilen mit Bettlaken wäre spektakulär gewesen, leider nur hinab. Aber wie wieder raufkommen? Während ich darauf wartete, dass unten der Fernseher verstummte, modellierte ich mit Sportsachen und Bettdecke eine Skulptur, die bei flüchtigem Blick einen schlafenden Schüler vermuten ließ. Dann Warten. Erst das Geklimper im Bad, dann der Lichtschalter, dessen Klacken ich bei „Wetten, dass..?“ unter hundert klackenden Lichtschaltern zweifelsfrei herausgehört hätte. Ich hatte unten einen Satz Klamotten gebunkert, denn den ersten Teil der Flucht durchs Treppenhaus wollte ich im Pyjama absolvieren. Für den Fall des Erwischtwerdens hätte ich mich mit einem nächtlichen Kühlschrankbesuch herausgeredet. Die Flucht gelang. Um Mitternacht stand ich vor einem Tanzlokal, wo einige Kumpels warteten. Leider forderte der Türsteher meinen Personalausweis. Mist. Flucht geglückt, Experiment gescheitert.

Hinters Licht geführt

In der Corona-Pandemie hat sich das Frischluftverhalten unseres Jüngsten massiv verändert. Statt unentwegt auf einen Bildschirm zu starren, ging er selbst im Winter vor die Tür. Einmal hatte er unseren Autoschlüssel mitgenommen und sich mit Freunden bei Musik im Wagen aufgewärmt. Und ich hatte mich gewundert, dass die fast neue Batterie entleert war.
Eltern freuen sich, wenn Kinder rausgehen: Wenn schon Corona, dann wenigstens nicht kurzsichtig wie viele Kinder, die überwiegend in ihren Smartphones wohnten. Und wenn die halbe Wirtschaft Homeoffice auf Vertrauensbasis anbietet, können wir unser Kind wohl schlecht mit allzu harten Regeln behelligen. Mitternacht zu Hause, so lautet die ebenso goldene wie flexibel angewandte Regel. Das Kind ist wirklich zuverlässig. Manchmal kommt es sogar schon um zehn nach Hause, riecht nicht intensiver nach Bier als sein Vater, gähnt sehr laut und sagt, er müsse früh ins Bett, Schule und so.

Neulich trieb mich altersbedingt die Reizblase aus den Federn. Außerdem beruhigen mich kleinere Kontrollgänge. Aus dem unfunktional eingerichteten Jugendzimmer drang – nichts. Ich tastete zart das Bett ab. Ach nee. Aus Sportsachen war eine Skulptur geformt. Wollen wir mal hoffen, dass die Einlasskontrollen heute noch genauso zuverlässig funktionieren wie in der guten alten Zeit.

Hajo Schumacher, 57,...

Ein Mann der lächelt in die Kamera schaut und mit dem Arm an einem Sofa lehnt.

ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.