Illustration einer Kaffeetasse aus der Vogelperspektive.



Im Kaffeesatz

 

Die Horrormeldungen hatten mich aufgeschreckt. „Der letzte Deutsche – Auf dem Weg zur Greisenpolitik“ orakelte 2004 der „Spiegel“. Also schaute ich mir die Fakten und Rechnungen einmal genau an. Meine erste Überraschung: Es wurde nur über die Zukunft gesprochen! Die mehr als 100 Jahre davor wurden fast komplett ausgeblendet. Dabei waren in dieser Zeit die Lebenserwartung und der Anteil der Rentner massiv gestiegen, der Anteil Jugendlicher drastisch gesunken – Wirtschaft und Sozialsysteme gleichzeitig aber massiv gewachsen. Das alles bei stark sinkenden Arbeitszeiten.
Ein solcher Rückblick hätte bewiesen, dass steigende Lebenserwartung, mehr Rentner und weniger junge Leute nicht zwangsläufig zu einem Kollaps führen müssen. Stattdessen wurde das Zahlenwerk extrem selektiv ausgelegt, um Endzeitstimmung heraufzubeschwören. So rechnet mancher vermeintliche Rentenexperte selbst für das Jahr 2060 noch so, als ginge man mit 65 in Rente – dabei wird die Rente ab 67 schon seit Jahren schrittweise eingeführt!

Zeitfaktor ausgeklammert

Die heutige Entwicklung bis 2060 fortzuschreiben, ist moderne Kaffeesatzleserei. Oder würden Sie jährliche Mietsteigerungen von 1,4 Prozent als eine „Verdoppelung“ der Mieten dramatisieren, indem Sie die Steigerung von 50 Jahren zusammenfassen?
Aber genau so ist der prognostizierte „Rückgang der Erwerbsfähigen um 34 Prozent“ aufgebauscht. Dies ist eine Herausforderung, für die wir 50 Jahre Zeit haben. Korrekt gerechnet ergäbe das einen Rückgang von 0,8 Prozent pro Jahr, oder anders ausgedrückt: Nächstes Jahr müssen 124 schaffen, was heute 125 schaffen – angesichts der jährlichen Produktivitätssteigerungen kein Problem. In der öffentlichen Wahrnehmung aber bleibt vor allem hängen, dass es bald ein Drittel weniger Erwerbstätige gibt.

So schüren Zahlenmagier die Angst vor demografischen Entwicklungen. Dahinter stehen finanzielle Interessen. Wer aber profitiert davon und wem wollen Bürgerinnen und Bürger ihr Vertrauen schenken?
Eine lebensstandardsichernde Rente ist sehr wohl finanzierbar. Wenn Solidarität vor Profit geht, kann eine ständig reicher werdende Gesellschaft alle ihre Mitglieder an ihrem wachsenden Wohlstand teilhaben lassen – auch die Rentnerinnen und Rentner. Wir müssen es tatsächlich nur wollen.

Ein älterer Mann lächelt freundlich in die Kamera.

Prof. Gerd Bosbach, 68,...

hat an der Hochschule Koblenz Statistik und Mathematik gelehrt. Sein Buch „Die Zahlentrickser“ erschien 2017 bei Heyne.