Im Auffangnetz: 60 Erwachsene und 20 Kinder leben und unterstützen sich gegenseitig in der Kommune Niederkaufungen. Eine von ihnen ist Deborah Bechtel (Mitte).
Im Auffangnetz: 60 Erwachsene und 20 Kinder leben und unterstützen sich gegenseitig in der Kommune Niederkaufungen. Eine von ihnen ist Deborah Bechtel (Mitte).



Wenn alle sich blind vertrauen

 

Marcus Bechtel hat in seinem neuen Leben vor allem eines: Zeit. Jeden Tag, wenn der 36-Jährige seine Frau Deborah (35) zum Mittagessen trifft, weiß er, dass seine Entscheidung richtig war. Sie essen im Gemeinschaftsraum der Kommune Niederkaufungen, umgeben von Holzmöbeln, Bücherregalen und Grünpflanzen – und ihren vielen Mitbewohnern. Deborah und Marcus haben als junge Eltern entschieden, anders zu leben. Vor zwei Jahren sind sie in die Gemeinschaft in den Hügeln im Umland von Kassel gezogen. Rund 60 Erwachsene und 20 Kinder leben hier in zwölf Wohngemeinschaften, verteilt auf vier Häuser.
Die Bewohner der Kommune wollen ein neues Miteinander leben, geprägt von Zusammenhalt und Vertrauen – untereinander, mit den Nachbarn und vor allem auch zwischen den Generationen. Deshalb betreiben sie auf dem Gelände eine Kita und eine Tagespflege für Demenzkranke. Gleich daneben locken Hofladen und Käserei mit Produkten aus solidarischer Landwirtschaft. Die Kommune ist längst ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen geworden.

Ein junger Mann in einer grünen Jacke schaut lächelnd über die Schutler.

„Hier finde ich eine Form von Vertrauen und Sicherheit, die man mit Geld nicht bezahlen kann."

Marcus Bechtel, Kommunen-Verwalter

1986 gegründet, ist Niederkaufungen
Deutschlands älteste Kommune. Landbau ist nur einer ihrer Betriebe.

Insgesamt führen verschiedene Kollektive rund ein Dutzend Betriebe. So kommt es, dass die überwiegende Zahl der Bewohner sozialversicherungspflichtig angestellt ist. Deborah Bechtel zum Beispiel pflanzt und sät als studierte Agrarwirtschaftlerin im Gemüseanbau. Marcus Bechtel hingegen, der ehemalige Lehrer, arbeitet nun ehrenamtlich für den gemeinnützigen Verein in der Verwaltung der Kommune.
Das gemeinsame Leben bietet ihnen viele Vorteile: „Hier finde ich eine Form von Vertrauen und Sicherheit, die man mit Geld nicht bezahlen kann“, sagt Marcus Bechtel. „Egal, welches Problem ich habe, bei uns finde ich immer jemanden, der mir helfen kann.“ Ob er nun sein Fahrrad reparieren oder einen Schrank tragen will. „Im Gegenzug helfe ich den anderen mit ihren Computern oder bei allem, was anfällt.“

Eine Frau bei der Landarbeit.

Am Nachmittag hat Bechtel Zeit für seinen Sohn Noah. Er sagt: „Als Lehrer hatte ich eigentlich nie Feierabend. Auch wenn ich nachmittags zu Hause war, gab es noch viel zu tun. Ich war gar nicht richtig da.“
Jetzt ist er da. Und er hat Zeit. Aber hat er auch Geld? Das spielt in seinem Alltag kaum eine Rolle. Denn in der Kommune Niederkaufungen wirtschaften alle in eine Kasse. Die Bewohner teilen sich ein Girokonto. Und wer Bargeld braucht, nimmt es sich aus der Holzkiste, die für alle zugänglich im Büro steht. „Wir reden wenig über Geld“, sagt Bechtel.

Eine jünger Mann pflegt Gewächse auf dem Land.

Generationenvertrag im Kleinen

Aber wie viel Rente wird er einmal bekommen, jetzt, da er seinen gut bezahlten Job als Lehrer gegen die ehrenamtliche Arbeit in der Kommune auf dem Land eingetauscht hat? Die Pensionsansprüche aus seiner Zeit als Beamter hat er in gesetzliche Rentenansprüche umwandeln lassen. Im Alter verlässt er sich zusätzlich auch auf das Solidarsystem der Kommune. Es funktioniert wie ein Generationenvertrag im Kleinen. Und so wie das große Umlagesystem der Rentenversicherung hat sich auch dieses solidarische Umlageverfahren bereits bewährt. Seit etwa 30 Jahren legen die Mitglieder monatlich Geld aus der Alltagskasse zurück. Ein Verein legt diese Gelder an, um all jene, deren Einkommen im Alter geringer ist, zu unterstützen. Jedem Kommune Rentner stehen so etwa 900  Euro zur Verfügung – die Lebenshaltungskosten, die für jeden Mitbewohner im Schnitt monatlich anfallen.
Seit etwa fünf Jahren werden „Kommunenrenten“ ausgezahlt, zurzeit ergänzen zehn Bewohner ihre eigenen Einkommen dadurch. Die Höhe ist dabei nicht von den in der Kommune verbrachten Jahren abhängig. Manche müssen dieses System auch gar nicht in Anspruch nehmen, weil ihr Einkommen im Alter bereits hoch genug ist. Wichtig ist ihnen weniger das Geld als das Gemeinschaftsgefühl.

15% der Bauflächen...

halten Gemeinden inzwischen für gemeinschaftliche Wohnprojekte vor, berichtet die Stiftung trias, die solche Vorhaben finanziert.

 

In Niederkaufungen essen und wirtschaften die
Menschen um Marcus Bechtel gemeinsam.

Gemeinsam wohnen liegt im Trend

Die meisten Menschen leben heute in Kleinfamilien oder alleine. 42 Prozent aller Wohnungen in Deutschland sind heute Single-Haushalte und damit die häufigste Haushaltsgröße. In Berlin lebt heute sogar fast jeder Zweite allein. Doch das Interesse am gemeinschaftlichen Wohnen wächst in allen Altersstufen. Mit Corona hat dieser Trend zusätzlich an Fahrt aufgenommen.
Statt isoliert zu leben, wollen immer mehr lieber in ein festes soziales Gefüge eingebunden sein – eine Verbindung, die viele verloren haben.

 

Eine junge Frau in einer blauen Jack lächelt freundlich in die Kamera.

»Gemeinsames Wohnen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.«

Iris Kunze, Gemeinschaftsforscherin

 

Nur in Ausnahmefällen lebt die erweiterte Familie heute noch zusammen. Viele Lokalpolitiker steuern dieser Entwicklung entgegen. „Städte und Gemeinden, darunter Frankfurt am Main und Tübingen, halten in ihren Baulandbeschlüssen fest, dass ein gewisser Prozentsatz für gemeinschaftliche Wohnprojekte vorgehalten werden muss, in Hamburg etwa sind es 20 Prozent“, sagt Jörn Luft, Vorstand der Stiftung trias, die gemeinschaftliche Wohnprojekte finanziert. „Die gesellschaftliche Akzeptanz für gemeinsames Wohnen ist in den letzten Dekaden stark gestiegen“, bestätigt auch die Gemeinschaftsforscherin Iris Kunze, Forschungsprojektmanagerin am Österreichischen Institut für Nachhaltige Entwicklung (ÖIN) in St. Pölten: „Waren es in den 70er-Jahren vor allem linke Kommunen, ist dieser Trend heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das zeigen die vielen Co-Housing-Projekte.“
Man vertraut sich und zählt aufeinander, unabhängig von der Blutsverwandtschaft. Das gilt auch für eine kleinere, dafür aber sehr viel weiter verbreitete Form von Gemeinschaft: die Patchworkfamilie. Was früher Stieffamilie hieß, will die neue Bundesregierung aufwerten. „Wir werden das Familienrecht modernisieren“, heißt es im Koalitionsvertrag. Auch Partner oder enge Bezugspersonen, die nicht mit dem Elternteil verheiratet oder verpartnert sind, sollen in Zukunft das kleine Sorgerecht beim Jugendamt beantragen dürfen. Dies sieht vor, dass ein Elternteil Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens treffen darf, etwa das Kind von der Schule abholen.

Familie ja, aber neu gemischt

„Schon heute sind Schätzungen zufolge zwischen 10 und 15 Prozent aller Familien in Deutschland Patchworkfamilien“, weiß Experte und Buchautor Hans Dusolt. Konkrete Zahlen erhebt niemand: „Es gibt so viele Konstellationen, viele Paare sind nicht verheiratet und werden somit in keiner Statistik erfasst. Nur so viel ist klar: Es werden mehr.“

Patchworkfamilie: Beate, Emma, Hanna, Nico und Devin (im Uhrzeigersinn).

Ein Beispiel für die weit verbreitete Lebensform ist Familie Ritter aus Wolnzach in der Hallertau in Bayern. Als Beate (34) und Nico Ritter (42) vor fünf Jahren heirateten, hatten beide schon ein Kind. Beate brachte Sohn Devin, damals zehn Jahre alt, und Nico Tochter Laura (damals ebenfalls zehn) mit in die Ehe. Wenig später folgten mit Hanna und Emma (heute vier und zwei Jahre alt) zwei weitere Kinder.
Beates Sohn Devin fand sich schnell in der neuen Situation zurecht. „Er hat sich immer nach einer großen Familie mit Haus und zwei Hunden gesehnt. All das hat er heute“, sagt die Mutter. Ein seltener Glücksfall für die Familie: Alle hätten sich von Anfang an gut verstanden. „Devin und mein neuer Mann Nico hatten sofort eine gute Kumpelbasis. Für Nico war es das Wichtigste, dass er Devins Vertrauen gewinnt. Er hat ihn oft von der Schule abgeholt und zum Fußball gefahren oder zum Karate.“ So wie in anderen Lebensgemeinschaften, die nicht auf Blutsverwandtschaft beruhen, braucht es auch in neu zusammengefundenen Familien Zeit und Offenheit, damit alle Mitglieder lernen, Vertrauen aufzubauen. 

Hanna (links) genießt die Zeit mit Halbbruder Devin genauso wie die kleine Emma.

Patchwork braucht Zeit

Weniger einfach war es zuweilen mit Nicos Tochter Laura, die vorwiegend bei ihrer Mutter lebte und vor allem an den Wochenenden kam. „In den beiden Familien von Laura gelten teils andere Regeln“, hat Beate Ritter beobachtet. „Wir sind viel strenger. Ich erwarte zum Beispiel, dass die Kinder zum Essen zu Hause sind. Und abends um 21 Uhr.“ Manchmal reagierte Laura dann launig, wie Teenager es gerne tun: „Wenn ich bei euch Hausarrest kriege, gehe ich eben zu Mama.“ Wie schafft man in solchen Konfliktsituationen Vertrauen? „Viel Zeit und Reden hilft“, sagt Beate Ritter. Immer sonntags traf sich die Familie zum Spieleabend. Neben „Uno“ oder „Risiko“ kamen auch unangenehme Themen auf den Tisch. „Das war wichtig“, sagt sie. „Was Streit verursacht, sind immer Sachen, die nicht angesprochen werden.“

»Eine vertrauensvolle Beziehung zu Beates Sohn Devin war mir von Anfang an wichtig.«

Nico Ritter, Devins Stiefvater

Vater und Sohn stehen Rücken an Rücken.

Oder wenn klare Regelungen fehlen. Bei der gesetzlichen Rente ist das zum Glück nicht der Fall. Für Eheleute ist die Aufteilung ebenso klar wie bei einer Scheidung. Der gesetzliche Versorgungsausgleich besagt, dass während der Ehejahre erworbene Ansprüche auf Altersvorsorge bei Geschiedenen aufgeteilt werden. Meist kommt es wie bei Nico Ritters Scheidung zu einer „internen Teilung“, bei der beide die Hälfte ihrer gesetzlichen Rentenansprüche an den anderen abgeben. Bei Beate Ritters Trennung spielte der Ausgleich dagegen keine Rolle, da sie mit ihrem Ex-Partner nicht verheiratet war.
Vertrauen ist der Schlüssel zu einem guten Zusammenleben über Generationen und Familienbande hinweg. Wer miteinander redet und gemeinsam Zeit verbringt, schafft es, egal, ob die Gemeinschaft groß ist, wie die Kommune Niederkaufungen, oder klein, wie die Patchworkfamilie Ritter.

Was die Rentenversicherung leistet

1. Kindererziehungszeiten: Erziehende stellt die Rentenversicherung einem Durchschnittsverdiener gleich. Sie erhalten drei Jahre lang für jedes Jahr einen Entgeltpunkt je Kind. Der ergibt im Westen zurzeit einen Rentenanspruch von 34,19 Euro, im Osten 33,47 Euro pro Monat.

2. Geringverdiener: Zwischen dem dritten und zehnten Geburtstag eines Kindes können die Arbeitseinkünfte von niedrigverdienenden Eltern für die Rente aufgewertet werden – um bis zu 50 Prozent bis zum Durchschnittsverdienst.

3.Versorgungsausgleich nach Scheidung: Anrechte, die während der Ehe erworben wurden, gelten als gemeinschaftliche Lebensleistung. Sie gehören beiden zu gleichen Teilen. Nach Scheidungen werden die Versorgungsanrechte deshalb hälftig geteilt.

Die Broschüre „Kindererziehung: Ihr Plus für die Rente“ ist online zu finden unter: t1p.de/KinderUndRente