130 Jahre Rentenversicherung

 

Der Epochenwechsel beginnt am 22. Juni 1889 in Berlin. Nach zwei Jahren Debatte verkündet der Reichstag das „Invaliditäts- und Alterssicherungsgesetz“. Es garantiert erstmals einen Rechtsanspruch auf Rentenleistungen. Zuvor waren alte und invalide Menschen auf die Unterstützung ihrer Familien und der Armenfürsorge angewiesen. Die Rentenbeiträge teilen sich Arbeitgeber und Versicherte, hinzu kommt ein Steuerzuschuss. Damit ist der Grundstein gelegt für eine Partnerschaft, die in Deutschland bis heute für sozialen Frieden sorgt. In den Anfangsjahren fallen die Renten bescheiden aus. Doch die Versicherungsanstalten in den Bundesstaaten bauen ihre Leistungen aus. 1899 sind bereits 13 Millionen Beschäftigte, zwei Drittel der Erwerbstätigen, gesetzlich versichert. Ihre Interessen lassen Rentner, Beitragszahler und Arbeitgeber in demokratisch verfassten Organen vertreten. Die Selbstverwaltung bleibt bis heute das Grundprinzip der Rentenversicherung. In den 1920er-Jahren vernichtet die Hyperinflation allein vier Milliarden Mark in der Rentenkasse. Nur die vorübergehende Einführung des Umlageverfahrens kann die Finanzen stabilisieren. Damals werden die Renten erstmals aus den laufenden Einnahmen gezahlt. 1929 sorgt der Börsenkrach erneut für Turbulenzen, doch selbst in der Wirtschaftskrise können einzelne Leistungen aufgestockt werden. Schwere Rückschläge bringt das „Dritte Reich“: Die Nationalsozialisten schaffen ab 1934 die Selbstverwaltung ab, große Teile des Versicherungsvermögens fließen in die Kriegswirtschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich die Rentenversicherung im geteilten Land unterschiedlich. Die DDR führt eine Einheitsversicherung ein, die Bundesrepublik setzt wieder auf Selbstverwaltung und ab 1957 auf die dynamische Rente. Jung zahlt für Alt, die laufenden Beiträge finanzieren die Renten. Nach der Wiedervereinigung 1990 muss das Rentenversicherungssystem der DDR in das System der lohnbezogenen dynamischen Rente überführt werden. Grundlage hierfür bildet das Rentenüberleitungsgesetz. Seit den 1990er-Jahren kommt es in der Rentenversicherung zu Einsparungen, die ihrer langfristigen Stabilisierung dienen. Die Möglichkeiten der Frührente werden eingeschränkt, das Rentenniveau langfristig abgesenkt. Gleichzeitig entsteht eine staatliche Förderung der zusätzlichen Altersvorsorge. Außerdem wird die Altersgrenze schrittweise bis 2031 auf 67 Jahre angehoben. Seit 2014 weitet die Rentenversicherung bestimmte Leistungen aus: So stellt die Mütterrente Frauen besser, die vor 1992 Kinder geboren haben. Die Erwerbsminderungsrentner werden bessergestellt. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission soll Vorschläge für die Entwicklung von Beitragssatz und Rentenniveau nach 2025 erarbeiten. In 130 Jahren hat sich die Rentenversicherung auch in schweren Zeiten als leistungsfähig erwiesen. Sie überstand zwei Weltkriege, Hyperinflation und Währungsreform. Auch dank des Umlageverfahrens konnten bei der Wiedervereinigung vier Millionen Renter aus der früheren DDR in die Rentenversicherung integriert werden.