Erst mit 16 nach Deutschland gekommen, ist sie heute Gesamtvertriebsleiterin bei der Halleschen Krankenversicherung – und gehört in Deutschland zu den Frauen in Führungspositionen.
Erst mit 16 nach Deutschland gekommen, ist sie heute Gesamtvertriebsleiterin bei der Halleschen Krankenversicherung – und gehört in Deutschland zu den Frauen in Führungspositionen.



Auf Augenhöhe

 

Es war ein großer Meilenstein: Vor hundert Jahren durften Frauen in Deutschland erstmals wählen. Mehr als 80 Prozent nutzten damals ihr Stimmrecht. „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist“, verkündete die sozialdemokratische Abgeordnete Marie Juchacz damals in einer Rede in der Nationalversammlung. Seit 1919 hat sich viel getan. Es regiert eine Bundeskanzlerin, Frauen ergreifen selbstverständlich dieselben Berufe wie Männer und sind vom Gesetz her schon lange gleichgestellt. Auch bei der Deutschen Rentenversicherung arbeiten heute viele Frauen in Führungspositionen. Also Ziel erreicht? Tatsächlich hapert es in vielen Bereichen immer noch gewaltig. Das bescheinigte zuletzt eine Studie des Weltwirtschaftsforums. In den Parlamenten hat der Frauenanteil weltweit abgenommen und zudem haben Frauen schlechtere Bildungschancen als Männer. In der Liste der 149 untersuchten Staaten rutschte Deutschland um zwei Plätze auf Rang 14 ab. Die Gleichberechtigung kommt nur langsam voran. In den Chefsesseln sitzen meistens Männer. Aber es gibt auch Frauen wie Alexandra Markovic-Sobau. Die 45-Jährige hat es bis nach oben geschafft, sie leitet den Gesamtvertrieb der Halleschen Krankenversicherung. Sie glaubt, dass sich vonseiten der Unternehmen, aber auch bei den Frauen selbst etwas ändern muss: „Oft trauen sich Frauen mit Potenzial hohe Positionen nicht zu, oder sie priorisieren andere Dinge im Leben als die Karriere.“ Ein Weg sei, Frauen früh im Arbeitsleben gezielt zu fördern und in Netzwerke einzubinden. Ihr ganzes Leben lang gearbeitet hat Else Lehmann. Die 60-Jährige steht damit ihren männlichen Kollegen in nichts nach. Trotzdem sagt die Schichtarbeiterin bei Daimler: „Für die unteren Lohngruppen muss sich was tun, damit es auch später für ein gutes Leben reicht.“ Für Susanne Heel wiederum war es „selbstverständlich, meine beiden Kinder bis zum Kindergarten zu Hause zu erziehen“. Auch später trat sie ihren Söhnen zuliebe im Job kürzer. Nach der Scheidung bekam die Werbetexterin einen Teil der Rente ihres Ex-Mannes übertragen. Frauen bleiben für den Nachwuchs häufiger zu Hause und nehmen dafür Einbußen in Kauf. Das zeigt sich auch bei der Rente. „Wenn die Kinder klein sind, ist auch eine sozialversicherte Teilzeitbeschäftigung für die Rente gut – sie wird rentenrechtlich sogar aufgestockt. Auch dafür müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt Dr. Reinhold Thiede, Leiter des Forschungs- und Entwicklungsbereichs der Deutschen Rentenversicherung Bund, „zum Beispiel besser bezahlte Arbeit und bessere Kinderbetreuung.“ Fortschritte gibt es bereits. Frauen holen bei der Rente langsam auf. Die Mütterrente wirkt sich bei Eltern mit Kindern aus, die vor 1992 geboren wurden. Eltern, deren Kinder ab 1992 geboren wurden, profitieren bereits von der längeren Kindererziehungszeit. Wenn eine Ehe in die Brüche geht, werden die Ansprüche auf Altersvorsorge gerecht geteilt.

 

Die Spitzenfrau

Name: Alexandra Markovic-Sobau
Geburtsjahr: 1973
Ihr Weg: Erst mit 16 nach Deutschland gekommen, ist sie heute Gesamtvertriebsleiterin bei der Halleschen Krankenversicherung – und gehört in Deutschland zu den Frauen in Führungspositionen.

Wer Alexandra Markovic-Sobau in ihrem Stuttgarter Büro trifft, tritt in einen großen, hellen Raum mit viel Glas. Vor ihrem Schreibtisch steht ein runder Tisch für Besprechungen. „Viel Zeit verbringe ich hier allerdings nicht“, sagt sie. Die Hälfte ihrer Arbeitszeit ist die Geschäftsfrau auf Reisen. Sie leitet ein großes Team und kümmert sich bundesweit um die Vertriebspartner des privaten Krankenversicherers. Frauen in ihrer Position findet man in der Versicherungsbranche selten. „Noch sind wir weit weg von einer erwünschten Quote von einem Drittel oder gar 50 Prozent Frauen“, sagt sie. „Dabei hat sich in den letzten 15 Jahren schon viel getan.“ Dafür setzt sie sich auch selbst ein. Alexandra Markovic-Sobau ist eines der Gesichter der „Spitzenfrauen“ Baden-Württembergs. Dahinter stehen Frauen mit hohen Posten in heimischen Unternehmen. Das Projekt will dafür sorgen, dass mehr Frauen in die Chefetagen aufsteigen.

»Frauen mit Potenzial trauen sich hohe Positionen oft nicht zu, oder sie priorisieren andere Dinge.«

Alexandra Markovic-Sobau, Gesamtvertriebsleiterin und Mentorin für Frauen

Bestimmte Unternehmen müssen heute per Gesetz bei Neubesetzungen im Aufsichtsrat eine Frauenquote von 30 Prozent erreichen. Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass sich der Frauenanteil seitdem tatsächlich erhöht hat. Allerdings bescheinigt sie auch: In den 200 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands machten Frauen im vergangenen Jahr gerade mal neun Prozent aller Vorstandsmitglieder aus. Markovic-Sobau ist ihren Karriereweg konsequent gegangen. „Mir war es immer wichtig, Verantwortung zu übernehmen.“ Ihre Eltern waren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, während sie selbst bei der Großmutter in Bosnien aufwuchs. Erst mit 16 Jahren zog sie nach. Im Rekordtempo lernte sie Deutsch und machte Abitur. In den Beruf startete sie mit einem dualen Studium in Betriebswirtschaft bei der Continentale Krankenversicherung. Als sie mit unter 30 Jahren erstmals Führungsaufgaben übernahm, musste sie sich gegen viele ältere männliche Kollegen behaupten. „Ich war anfangs eine Außenseiterin.“ Wer bei einem Versicherungskonzern arbeitet, der hat häufig in eine private Altersvorsorge investiert. Auch ihre gesetzliche Rente kann sich sehen lassen. MarkovicSobau hat seit ihrem Berufsstart immer gut verdient. Dazu kommt: „Ich habe keine Brüche.“ Soll heißen: Sie war durchgängig beschäftigt, selbst als 2014 ihr Sohn auf die Welt kam. Beruf und Familie zu vereinen, fällt nicht immer leicht. „Das ist oft anstrengend“, räumt sie ein. „Es klappt auch deshalb, weil ich meine Termine selber legen kann.“ Hohe Flexibilität im Job hält sie für wichtig, um mehr Frauen in Führungspositionen zu locken.

 

Die Arbeiterin

Mit 15 Jahren stieg sie als Verkäuferin ins Berufsleben ein und war seitdem immer angestellt. Ihre Arbeit war oft körperlich anstrengend bei wechselndem Lohn. Bald geht sie als Schichtarbeiterin bei Daimler in Rente.

Name: Else Lehmann
Geburtsjahr: 1959
Ihr Weg: Mit 15 Jahren stieg sie als Verkäuferin ins Berufsleben ein und war seitdem immer angestellt. Ihre Arbeit war oft körperlich anstrengend bei wechselndem Lohn. Bald geht sie als Schichtarbeiterin bei Daimler in Rente.

Else Lehmann Im Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk kümmert sich Else Lehmann um das Innenleben der Autos. In der Vormontage schweißt und montiert sie einen Teil der späteren Sitze. Sie arbeitet im Zweischichtbetrieb, abwechselnd morgens oder ab Mittag. „Die Arbeit ist körperlich gut zu bewältigen und sie macht mir Spaß“, sagt sie. Als Vertrauensfrau der Gewerkschaft IG Metall hat sie außerdem immer ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Kollegen und Kolleginnen. Lehmann blickt auf ein langes Arbeitsleben zurück. Mit 15 machte sie in einem Schuhgeschäft eine Verkäuferausbildung. Dann wurde sie Näherin bei einem Polstermöbelhersteller. 1983 fing sie bei Daimler an und nähte dort zunächst Sitzbezüge. „Ich arbeite seit 45 Jahren und war meist zufrieden. Auf die Rente freue ich mich trotzdem.“ Lange konnten Frauen früher als Männer in Rente gehen. Die Altersrente für Frauen sah unter bestimmten Bedingungen einen vorzeitigen Rentenbeginn mit 60 Jahren vor, allerdings mit Abschlägen. Begründet wurde dies mit der Doppelbelastung der Frau als Hausfrau und Arbeitnehmerin. Inzwischen ist diese Vorstellung überholt. Die Altersrente für Frauen ist bereits ausgelaufen. Wer 1952 oder später geboren wurde, kann sie nicht mehr in Anspruch nehmen. Zwischen den Renten von Männern und Frauen klafft eine Lücke, die langsam kleiner wird. Das zeigen die Ergebnisse der Studie „Lebensverläufe und Altersvorsorge“ (LeA), die von der Deutschen Rentenversicherung Bund und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Auftrag gegeben wurde. Der gesetzliche Rentenanspruch der befragten Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren lag dabei im Westen neun Prozent unter dem der gleich alten Männer. Dieser Unterschied fiel bei den 55- bis 59-Jährigen mit 27 Prozent noch deutlich größer aus. Im Osten sind die Abstände zwischen Frauen und Männern geringer. Else Lehmann ist unverheiratet und kinderlos. Sie war keinen Tag arbeitslos oder nur in Teilzeit beschäftigt. „Ich wollte mein Leben selbst bestreiten und nie von einem Mann abhängig sein.“ Der Wechsel zu Daimler erwies sich als Glücksfall: Auch als Ungelernte verdient sie dort genug, um gut über die Runden zu kommen. Auf ihre Rente blickt sie daher beruhigt, doch sie wird haushalten müssen. „Große Sprünge sind trotz der vielen Beitragsjahre nicht drin.“ In ihrer Freizeit verreist sie gerne. Sie hofft, dass auch im Ruhestand ab und zu ein Urlaub drin ist.

 

Die Alleinerziehende

Die alleinerziehende Mutter konnte nicht wieder in Vollzeit in ihren Job als Werbetexterin einsteigen. Der Versorgungsausgleich sichert ihr heute einen gewissen Teil der Rentenansprüche ihres Ex-Mannes.

Name: Susanne Heel
Geburtsjahr: 1966
Ihr Weg: Die alleinerziehende Mutter konnte nicht wieder in Vollzeit in ihren Job als Werbetexterin einsteigen. Der Versorgungsausgleich sichert ihr heute einen gewissen Teil der Rentenansprüche ihres Ex-Mannes.

Susanne Heel denkt bis heute weder an Urlaube noch an Ausflüge mit ihren Kindern. 2003 hatte sich die Werbetexterin von ihrem Mann getrennt, kurz nach ihrer zweiten Elternzeit und der Wiederaufnahme ihres Teilzeitjobs. „Da es bis heute Streitigkeiten um den Unterhalt gibt, reichte es kaum zum Nötigsten“, beschreibt sie die Situation. Eine Kinderbetreuung, eine Vollzeittätigkeit, Weiterbildungen oder eine ausreichende private Rentenversicherung seien ihr daher „schlichtweg unmöglich“ gewesen. In ihren späteren Ehemann hatte sich die gebürtige Pforzheimerin als 17-Jährige verliebt. Kurz nach dem Abitur wurde sie bei einem Pforzheimer Versandhandelsunternehmen als Werbetexterin eingestellt. 1990 wechselte Heel zu ihrem Arbeitgeber, einem „Pforzheimer Multichannel-Distanzhändler“, wie sie sagt. Dort schreibt sie Mode-, Newsletter- und Beratungstexte. Die 53-Jährige schildert, dass ihre 1993 und 1999 geborenen Kinder erst im Alter von über drei Jahren halbtags in den Kindergarten gehen konnten. „In den 90er-Jahren gab es in den alten Bundesländern gerade in kleinen Gemeinden keine Kitas oder Ganztagsschulen, dort war das Hausfrauen-Ehemodell noch weit verbreitet“, erinnert sie sich, „auch wenn mir das nicht gefiel.“ So war ihr damaliger Ehemann der Hauptverdiener, sie selbst hat bis heute nur ein kleines Einkommen.

»Ich bin froh, dass es den Versorgungsausgleich gibt.

Susanne Heel, Mediengestalterin und Werbetexterin 

Ihr Lebenslauf spiegelt sich jedes Jahr in ihrer Renteninformation wider. Dort findet sich allerdings auch die Folge des Versorgungsausgleichs, einer Regelung, die seit 1977 Bestand hat: Meist haben verheiratete Paare unterschiedlich hohe Ansprüche auf die Rente erworben. Wer wegen Kindern längere Zeit nicht gearbeitet hat oder einige Zeit arbeitslos war, steht in der Regel schlechter da. Vereinfacht gesagt bekommt deshalb jeder Partner die Hälfte der Rente zugesprochen, die der andere während der Ehe erworben hat. 2017 betraf dies mehr als 800.000 Rentner, überwiegend Frauen. Im Schnitt stammten in Deutschland rund 205 Euro der monatlichen Renteneinkünfte aus der Übertragung von Ansprüchen. „Ich bin froh, dass der Gesetzgeber diesen Ausgleich geschaffen hat“, sagt die zweifache Mutter. Denn am Ende treffe es die, die ihre Kinder nachmittags zum Sport gefahren und mit ihnen Referate geschrieben haben: „Unsere Gesellschaft sollte sich daher also wirklich einmal fragen, wie sie mit der Kinder- und Seniorenbetreuung in Zukunft umgehen will.“

 

Die Geschichte der Gleichstellung

 

 

„Frauen und Männer nähern sich an“

Sabine Ohsmann, Deutsche Rentenversicherung Bund, Geschäftsbereich Forschung und
Entwicklung

Frau Ohsmann, welche Unterschiede fielen zwischen jüngeren und älteren Befragten besonders auf?

Vor allem die Jüngeren sorgen zusätzlich betrieblich oder privat für das Alter vor. Während die 55- bis unter 60-Jährigen bei der privaten Vorsorge Anteile von circa 45 Prozent erreichen, liegen die Jüngeren zum Teil über 55 Prozent. Vor allem die jüngeren Frauen sorgen tendenziell eher privat vor; die jüngeren Männer verfügen häufiger über eine betriebliche Vorsorge.

Was sagen die Studienergebnisse über die Absicherung im Alter aus?

Auch der Anteil an Personen mit gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge unterscheidet sich. Bei den Älteren lag der Anteil im einstelligen Bereich, während die Jüngeren Anteile zwischen rund 18 und 26 Prozent erreichen. Die Lebensstandardsicherung aus drei Säulen fasst also Fuß. Die gesetzliche Rentenversicherung aber bleibt das wichtigste System der Alterssicherung. Über 90 Prozent der Befragten haben hier Anwartschaften.

Wie sind Frauen im Vergleich zu Männern aufgestellt?

Für die jüngeren Jahrgänge zeigt sich anhand der Höhe der Anwartschaften in der gesetzlichen Rentenversicherung, dass sich hier die sogenannte geschlechtsspezifische Rentenlücke verringert. In Partnerschaften tragen vor allem jüngere Frauen zunehmend mehr zur gemeinsamen Anwartschaft bei.

 

Info: Gleichstellung bei der Rente

In der gesetzlichen Rentenversicherung können Männer und Frauen ihre Altersrente heute im selben Alter beziehen. Bis 2012 konnten Frauen bereits mit 60 in Rente gehen. Geschiedene jeden Geschlechts unterstützt die Rentenversicherung durch den Versorgungsausgleich. Er sorgt dafür, dass sämtliche in einer Ehe erworbenen Versorgungsanrechte fair geteilt werden. Auch Kindererziehungszeiten werden honoriert.

Mehr Informationen:
kurzlink.de/altersrente
kurzlink.de/ausgleich
kurzlink.de/muetter

Die Auskunfts- und Beratungsstellen der Rentenversicherung:
kurzlink.de/ beratungsorte 

 

Fotos: Rainer Kwiotek, AKH-Images, Klaus Rose, Ulich Baumgarten, DRV