„Ein Mann ist keine Altersvorsorge"

 

Sie machen seit 30 Jahren Finanzberatung für Frauen. Was hat sich seitdem verändert?

Anfangs kamen Frauen meist nach einem Schicksalsschlag zu uns. Der Partner war gestorben oder der Job weg. Heute verdienen Frauen vermehrt eigenes Geld. Sie wollen dann natürlich, dass ihnen dieses Geld etwas bringt. Zugleich sind sie bei Geldanlagen immer noch vorsichtiger als Männer. Das hat Gründe: Bis in die 1970er-Jahre hatten Frauen in Westdeutschland wenig eigenes Geld. Und bis 1977 konnten Männer dort den Job ihrer Frau kündigen, wenn ihnen die Haushaltsführung nicht passte.

Ein eigener Beruf ist für die existenzielle Absicherung also unverzichtbar?

Genau. Frauen brauchen einen eigenen Beruf und müssen ihr eigenes Geld verdienen, um unabhängig zu sein – das habe ich in meinen Vorträgen schon vor 30 Jahren gesagt und das gilt heute noch. Frauen können sich nicht auf eine Partnerschaft verlassen: In Großstädten in Deutschland wird heute fast jede zweite Ehe geschieden! Für mich gehört es zur Würde eines Menschen, nicht abhängig vom Fortbestand einer Beziehung zu sein, sondern sich selbst finanzieren zu können. Davon geht ja auch der Gesetzgeber aus, zum Beispiel mit dem 2008 reformierten Unterhaltsrecht, wo es heißt: Jeder der Partner ist für sich wirtschaftlich verantwortlich.

»Frauen kommen erst ab 30 darauf, sich um ihre Finanzen zu kümmern. So verlieren sie wertvolle Jahre.«

Helma Sick ist unabhängige Finanzexpertin in München. Mit Renate Schmidt veröffentlichte sie das Buch „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ (Penguin, 2019).

Dass beide Partner berufstätig sind, ändert sich oft beim ersten Kind.

Meist steigt die Frau dann aus, zumindest vorübergehend. Und bei einer Trennung oder spätestens zur Rente kommt das böse Erwachen. Die negativen Folgen betreffen immer Frauen. Wenn sich eine Frau entscheidet, für die Kinder auszusteigen, dann sollte sie sich vorher bei der Rentenversicherung ausrechnen lassen, was sie das an Altersbezügen kostet.

Wie lässt sich die Vorsorgelücke verringern?

Partner sollten sich zum Beispiel die Elternzeit teilen. Oder beide Elternteile arbeiten für eine bestimmte Zeit in Teilzeit, und der Staat zahlt einen Lohnausgleich – dann läge der finanzielle Nachteil nicht allein bei den Frauen. Wenn nur Frauen Teilzeit arbeiten, droht ihnen Altersarmut. 

 

Das Interview mit Helma Sick können Sie sich hier auch als Video anschauen: