Generation 100

 

Die Uhr tickt. Aber sie läuft nicht ab. Ganz im Gegenteil: Die Lebenserwartung steigt, täglich um Stunden. Schon jetzt darf die Hälfte der heute geborenen Babys darauf hoffen, hundert Jahre alt zu werden, vor allem die Mädchen. Das sagte schon vor Jahren ein dänisch-deutsches Forscherteam im angesehen Fachblatt „The Lancet“ voraus. Der technische Fortschritt, friedliche Zeiten sowie deutlich bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen wirken Wunder. Im vorletzten Jahr gebaren Frauen in Deutschland 784.901 Babys. Werden also im Jahr 2117 sehr viele ältere Damen einen Kuchen mit einer „100“ auf dem Tisch stehen haben? Schwer zu sagen. Die Lebenserwartung ist eine statistische Größe. Was steigt, ist die Wahrscheinlichkeit für mehr Menschen, ein hohes Alter zu erreichen. Wächst eine „Generation 100+“ heran? Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass sich der Anteil der Goldjubilare in Europa bis 2030 mehr als verdoppeln wird. Insgesamt bleibt ihr Anteil an der Bevölkerung aber vorerst gering. In Deutschland dürfte es sich um gut 27.000 Menschen handeln. Doch nicht alle Menschen altern gleich: Ende des 19. Jahrhunderts betrug die Lebenserwartung für neugeborene Jungen in Deutschland 65 Jahre, allerdings nur, wenn sie die ersten drei Jahre überlebt hatten. Inzwischen können neugeborene Jungen damit rechnen, im Schnitt 78 Jahre und 4 Monate alt zu werden, Mädchen hingegen haben eine um stolze vier Jahre und zehn Monate längere Lebenserwartung. Der Grund dafür sind weniger genetische Faktoren, sondern vor allem Lebensstil und Risiken, hat der Bevölkerungswissenschaftler Marc Luy herausgefunden. In seiner „Klosterstudie“ hat er die Lebenserwartung von Männern und Frauen verglichen, die unter gleichen Lebensbedingungen in Klöstern lebten. Deren Werte näherten sich zunächst über viele Jahre an – bis den Mönchen nach dem Zweiten Weltkrieg das Rauchen erlaubt wurde. In die gleiche Kerbe schlagen Forscher am Max-Planck-Institut für demografische Forschung: Sie machen vor allem den bei Männern höheren Alkoholkonsum dafür verantwortlich, dass sie im Schnitt früher sterben als die Frauen. Die „Generation 100+“ wird die Altersversorgung nicht erschüttern. Doch die Zunahme der Jubilare zeigt: Deutschlands Bevölkerung altert – eine große Herausforderung für Gesellschaft und Rente. Dabei birgt die Langlebigkeit auch Vorteile. „In den gewonnenen gesunden Lebensjahren liegt der Schlüssel dafür, dass aus der demografischen Bedrohung eine Chance werden kann“, sagt Prof. Dr. Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik: „Wir leben länger, bleiben länger gesund und sammeln im Laufe unseres Lebens wertvolle Erfahrungen, die uns in vielen Fällen auch als ältere Mitarbeiter noch hochproduktiv machen.“ Menschen wollen sicher nicht bis in ein biblisches Alter hinein arbeiten – können aber ihre reiche Erfahrung in Gesellschaft, Familie und Ehrenamt einbringen.

Entwicklung der Lebenserwartung

Die Statistik zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren von 1950 bis 2020. Männer, die im Jahr 2015 geboren wurden, hatten eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,4 Jahren.

Wie die Lebenserwartung der Älteren ansteigt

Auch die sogenannte fernere Lebenserwartung in höheren Altersjahren ist stark gestiegen. So kann eine Frau, die heute das 65. Lebensjahr erreicht, im Schnitt mit 21 weiteren Lebensjahren rechnen. Damit würde sie stolze 86 Jahre alt.