»ICH FINDE FRAUENQUOTEN GANZ SCHLIMM!«
»ICH FINDE FRAUENQUOTEN GANZ SCHLIMM!«



"Gleich sein strengt an"

 

Frau Zeh, Gleichberechtigung wird meist aus Frauenperspektive gedacht. Haben Sie deshalb einen überforderten, modernen Vater in den Mittelpunkt Ihres neuen Buchs gestellt?

Die Entscheidung für Henning als Hauptfigur hat sich eher aus der Textlogik ergeben. Aber Sie haben recht: Es gibt viel zu wenig Diskurs über die Rolle von Männern und auch über ihre Probleme beim Thema Gleichstellung. Von daher bin ich sehr froh, dass es sich in „Neujahr“ so ergeben hat. Ich bekomme viel Rückmeldung von jungen Familienvätern, die sich in Hennings Überforderung wiedererkennen.

Wie steht es um die überforderte Frau? Ist die nicht viel häufiger als der überforderte Mann? In Ihrem Roman „Unterleuten“ lassen Sie jemand Folgendes sagen: „Ständig kämpften die jungen Frauen von heute darum, niemanden zu brauchen, weil ihnen der Zeitgeist auftrug, nach Jahrhunderten der Ausbeutung auf einmal Mann und Frau in einer Person zu sein“

Ich bin nicht sicher, ob die überforderte Frau häufiger ist. Männer sprechen seltener über ihre Ängste und Schwächen. Auch ist es ja nach wie vor so, dass immer noch mehr Frauen als Männer die Doppelfunktion „Job und Kinder“ erfüllen. Trotzdem kenne ich im Bekanntenkreis reihenweise Männer, die mit Mitte 30 oder 40 in die Knie gehen und das Gefühl haben, ihr Leben nicht mehr auf die Reihe zu kriegen.

Sie selbst hatten vor drei Jahren ein Burnout... Ja, kein Wunder, ich bin ja gewissermaßen der Prototypus von „Mann und Frau in einer Person“, da ich trotz meines oft sehr anstrengenden Berufs die Mutterrolle ausfülle.

Lesungen, Vorträge, TV-Auftritte, während der Vater zuhause die Kinder betreut – das passt zum neuen Ideal der sich selbst verwirklichenden Frau. Aber wie kamen Sie als Mutter damit klar? Ich mag den Begriff Selbstverwirklichung nicht besonders. Ich schreibe Bücher und ich habe das Glück, dass sie sich so gut verkaufen, dass ich meine Familie damit ernähren kann. Alle Verpflichtungen, die daraus folgen, muss ich irgendwie stemmen – zusätzlich zum Familienleben. Als klar wurde, ich schaffe das kräftemäßig nicht, habe ich vor allem die beruflichen Anforderungen heruntergefahren. Es ist mir sehr wichtig, für die Familie da zu sein.

In „Neujahr“ hat Ihr Henning eine erfolgreichere Frau, übernimmt mehr Hausarbeit als sie, und glaubt, ein emanzipierter Mann zu sein – ist die reine Provokation, Beobachtung Ihres Umfelds, oder Zukunftsmusik?

Das ist heute in vielen jungen Familien schon Realität. Viele Männer möchten nicht mehr nur der abstrakte Ernährer im Hintergrund sein, sondern ein echter Vater mit einer echten Beziehung zu den Kindern. Es wird ihnen aber oft schwer gemacht – von den Arbeitgebern, von den Frauen, von den Erwartungen der Gesellschaft, manchmal auch von den Kindern.

Sie beschreiben ein Paar, dass Jobs, Haushalt und Kindererziehung zu gleichen Teilen übernehmen. Doch der Plan funktioniert nicht. Warum?

Da kommen viele Gründe zusammen. Die ganze Welt ist daran gewöhnt, sich immer an die Mütter zu wenden, wenn es um die Kinder geht. Erst langsam gewöhnen sich Institutionen daran, dass man auch die Handynummer des Vaters wählen kann. Rollenmuster sind sehr tief eingeschrieben. Viele Frauen wollen, dass der Mann sich mit den Kindern engagiert, aber trotzdem glauben sie insgeheim, dass sie es besser können und weisen dem Mann dann eher die Rolle einer Hilfskraft zu. Auch die Kinder wenden sich gerade in den ersten Lebensmonaten oft eher an die Mütter, da muss sich ein Vater sehr engagieren, um von Anfang an Bezugsperson zu werden. Und zuguterletzt erfordert diese Form von Arbeitsteilung, dass man Tag für Tag seinen Alltag immer wieder neu organisiert, weil die Rollen ja nicht klar verteilt sind. Es ist sehr anstrengend und oft entsteht großer Zusatzstress durch die ständigen Absprachen und Auseinandersetzungen, wer jetzt was macht.

»Unsere Gleichstellungsprobleme werden wir erst lösen, wenn wir stolz darauf sind, uns um unsere Kinder zu kümmern.«

Ist es vielleicht die größte Ungerechtigkeit, wenn man alle gleich behandelt und versucht immer alles aufzuwiegen?

Das ist keine Ungerechtigkeit, aber wir müssen uns schon klar machen, dass Gleichheit nicht Gleichmacherei bedeutet. Es muss die Möglichkeit zu individuellen Lösungen geben. Eine Frau, die sich entscheidet, rund um die Uhr für die Kinder da zu sein, ist nicht reaktionär, sondern hat einfach Spaß am Muttersein. Das ist genauso legitim wie der umgekehrte Fall.

Sie leben selbst mit Ihrem Mann und zwei Kindern in einem Haus auf dem Land. Sie haben einmal gesagt, das Buch sei „unheimlich nahe“ an Ihrer eigenen Lebensrealität.

Ja klar, mein Mann und ich praktizieren genau das Modell von Henning und Theresa. Wir teilen uns die Kinderbetreuung, während ich als Frau die Hauptverdienerin des Einkommens bin. Ich kenne also alle damit verbundenen Probleme. Bei meinen Eltern war es zum Beispiel so, dass mein Vater das Haupteinkommen verdient hat und sich deshalb für uns Kinder kaum zuständig fühlte. Ich mache aber die Hälfte der Kinderbetreuung, obwohl ich die Ernährerin bin. Ist das jetzt gerecht, oder eine Zumutung? Kann ich das schaffen oder gehe ich daran kaputt? Was bedeutet es für meinen Mann, Hausmann zu sein? Wie reagiert die Gesellschaft? Das sind alles Fragen, die immer wieder neu ausgelotet werden müssen.

Ihr Mann, David Finck, ist ebenfalls Schriftsteller, aber weniger bekannt. Wie geht er mit Ihrem Erfolg um? Mein Mann und ich arbeiten sehr eng zusammen, deshalb ist Erfolg immer auch gemeinsamer Erfolg. Es ist sehr schön, sich gemeinsam freuen zu können. Das ist dann nicht nur doppelte, sondern dreifache Freude.

Henning, Ihr literarischer Vorzeigemann, schreit irgendwann „Scheiß-Kinder! Scheiß-Familie!“, und beneidet die echten Kerle, die nie auf die Knie gehen, um den runtergefallenen Schnuller oder das Stofftier zu suchen. Gleichzeitig liebt er seine Familie über alles. Zwingen uns also die Umstände heute dazu, mehrere Leben gleichzeitig zu leben? Ich glaube, es ist normal, dass Menschen verschiedene Rollen ausfüllen müssen und oft auch in sehr widersprüchlichen Emotionen gefangen sind. Schwierig ist es für die jungen Väter und Mütter, dass sie mit einer Situation umgehen müssen, für die es noch kaum Vorbilder gibt. Ein weiteres Problem ist, dass man für die Kinderbetreuung überhaupt keine gesellschaftliche Anerkennung bekommt. Wenn ein Mann sagt: Ich habe heute acht Stunden an einem Filmprojekt gearbeitet, oder: Ich habe acht Stunden an einem alten Mercedes herumgeschraubt – dann nicken alle anerkennend. Wenn er sagt: Ich habe heute acht Stunden auf die Kinder aufgepasst – dann machen alle ein mitleidiges Gesicht. Das ist nicht nur ein Detail. Gesellschaftliche Anerkennung ist enorm wichtig für unser Selbstgefühl. Als Kinderbetreuer ist man in Deutschland der Underdog. Sieht man ja auch daran, wie miserabel die entsprechenden Berufe bezahlt werden.

Sie haben es einmal als „eklige Falle“ beschrieben, dass Frauen neben ihrer Arbeit oft auch noch den Haushalt schmeißen müssen. Welche möglichen Lösungen sehen Sie hier?

Da ändert sich schon viel, aber es ist halt ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht und in dem jede Familie eine individuelle Rolle spielt. Ich lebe ja auf einem Dorf, da ist es völlig normal, dass beide Elternteile voll berufstätig sind, denn sonst könnten sie sich das Leben gar nicht leisten. Es ist sehr spannend zu sehen, wie jede Familie ihr eigenes Modell umsetzt. Letzte Woche war ich auf der Weihnachtsfeier im Kindergarten meiner kleinen Tochter. Da saßen fast so viele Männer wie Frauen auf den Elternplätzen.

 

„Neujahr“ (Luchterhand, 2018) ist Juli Zehs aktueller Roman. Er spielt auf Lanzarote. Dort verbringt ihre Familie alljährlich den Winterurlaub.

 

In „Neujahr“ behandeln Sie nicht die üblichen Gleichstellungsprobleme von Einkommensunterschieden bis Frauenquote für Vorstände. Stattdessen sprudelt Ihr Text vor Problemen, die überhaupt erst entstehen, nachdem die Gleichberechtigung erreicht ist. Ist eine harmonische Gleichstellung in Ihren Augen also unerreichbar?

Doch, das ist natürlich erreichbar – in dem Rahmen, wie Harmonie überhaupt im menschlichen Leben möglich ist. Es gibt ja immer Probleme, gerade in Familien. Aber der Umgang mit real existierender Gleichstellung ist wirklich ein schwieriger Prozess, der eingeübt werden muss. Mir geht es darum, dass die Leute verstehen: Man kann nicht Gleichstellung installieren, und zack, ist das Paradies da. Im Gegenteil, da fangen die Probleme erst an, und die muss man ernst nehmen. Sonst fühlen sich die Menschen, gerade Männer, total allein gelassen. Als Gesellschaft müssen wir vor allem unsere Wertschätzung für Kinderbetreuung und -erziehung hochfahren. Ein Mann mit Kinderwagen muss genauso cool sein wie ein Mann im Porsche, und eine Frau mit Baby im Arm genauso beeindruckend wie eine Frau mit Aktentasche. Wir müssen endlich aufhören, den menschlichen Wert nur über die Erwerbsarbeit zu definieren. Das ist altmodisch und sehr schädlich für die Psyche der Menschen.

Versuchen Sie, in Ihrer eigenen Familie gängige Rollenklischees zu vermeiden, auch in der Erziehung?

Ich setze mich eigentlich überhaupt nicht mit irgendwelchen Rollen, Klischees oder Erziehungsmethoden auseinander. Tag für Tag gucken wir, was kommt und wie wir es so anpacken können, dass es allen Beteiligten möglichst gut damit geht.

Ihr Mann hat einmal gesagt, dass er Sie zu Studienzeiten „ganz klassisch umworben“ habe. Ist es also okay, wenn wir manche Rollenklischees beibehalten?

Ich finde es nicht so wichtig, sich mit Klischees und dergleichen auseinanderzusetzen. Früher haben junge Leute alles darangesetzt, „nicht spießig“ zu sein – heute soll man alles daran setzen, eine „moderne Frau“ oder ein „moderner Mann“ zu sein. Das ist doch Pillepalle. Wichtig ist doch, dass man gemeinsam daran arbeitet, einen guten Umgang miteinander zu finden. Diskriminierungen gehören abgeschafft. Und wir müssen endlich verstehen, dass wir beim Thema Kinder gar nicht so sehr die Frauen diskriminieren, sondern vor allem bestimmte Tätigkeiten, egal, von wem sie ausgeführt werden.

Wie sieht es mit dem neuen Rollenverständnis denn jenseits der Metropolen aus? Sie leben ja auf dem Land, und in „Unterleuten“ sezieren Sie eine Dorfgemeinschaft. Tut sich da auch etwas, oder spielt sich das hauptsächlich in der Blase der großen Städte ab?

Im Gegenteil, nach meiner Erfahrung sind die Familien auf dem Dorf in vielen Fällen schon viel weiter als in den Städten. Das liegt daran, dass die relative Armut die Frauen zur vollen Erwerbstätigkeit zwingt. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich ja in Ostdeutschland lebe und Frauen und Männer hier aufgrund der DDR-Geschichte sowieso ein viel fortschrittlicheres Bild von Familie haben. Hier wird keine Frau dumm angeguckt, weil sie ihre Kinder in den Kindergarten bringt, anstatt sich zu Hause selbst um alles zu kümmern.

Sie und Ihr Mann arbeiten beide fern von Büros und Betrieben. Sicher haben Sie dennoch eine klare Meinung zu der Frage, ob Deutschland eine Frauenquote braucht…

Nein, da habe ich leider keine klare Meinung. Ich finde Frauenquoten ganz schlimm und wünschte wirklich, wir würden in einer Welt leben, in der man keine braucht. Aber leider ist es eben oft unvermeidlich, einen solchen Zwang einzuführen, um überhaupt etwas zu bewegen.

Sie haben Ihre Promotion mit „summa cum laude“ abgeschlossen und werden demnächst Verfassungsrichterin in Brandenburg.* Was sind aus Ihrer Sicht die dringendsten Gleichstellungsthemen, die der Gesetzgeber angehen sollte? (*Stand zum Zeitpunkt des Interviews)

Was wir unbedingt brauchen, ist eine massive Erhöhung der Einkommen in den Bereichen Betreuung und Pflege. Da fehlen oft nicht die Gesetze, sondern das Geld. Wir müssen uns als Gesellschaft klar machen, dass Kinderbetreuung mindestens ebenso wichtig ist wie Straßenbau oder Rüstungsausgaben. Da geht es einerseits ganz konkret um finanzielle Mittel, es geht aber auch um Wertschätzung, um Priorität. Unsere Gleichstellungsprobleme werden sich erst richtig lösen, wenn wir stolz darauf sein können, uns um unsere Kinder zu kümmern und dafür auch Anerkennung von anderen bekommen.

 

Info: Die schreibende Richterin

Juli Zeh (44) lebt mit dem Schriftsteller David Finck (40, „Das Versteck“) sowie Sohn (7) und Tochter (4) in einem Dorf im Havelland 60 Kilometer vor Berlin. Bevor sie Schriftstellerin wurde, studierte die geborene Bonnerin Jura. Ihr Debütroman „Adler und Engel“ erschien in 31 Sprachen. 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und wurde zur Verfassungsrichterin in Brandenburg gewählt.

 

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