Noten haben kein Geschlecht

 

 

Wir sind eine feministische Familie, jedenfalls arbeiten wir daran und verkneifen uns Frauenwitze. Das wäre diskriminierend. Männerwitze sind dagegen willkommen, findet die Chefin, wegen der Gleichbehandlung. Wir Jungs repräsentieren drei Generationen Männer. Ich bin Alice-Schwarzersozialisiert und habe mich in meine maskuline Unverbesserlichkeit gefügt. Für Karl, den Großen, war das Frauenthema in Schule und Uni nicht existent, weil die jungen Frauen sich einfach nicht diskriminiert fühlen wollten. Der kleine Hans schließlich wächst in einer Zeit auf, da die Führungsrolle der Frau selbstverständlich ist. So wie wir früher keinen anderen Kanzler als Helmut Kohl kannten, ist Hans von Geburt an ein Kanzlerinnenkind. Alle wichtigen Positionen in unserem Leben sind mit Frauen besetzt: Schulleiterin, Frisörin, Freundin, Steuerberaterin, Bankberaterin. Ich muss nur tun, was sie sagen. Ich mag meine Rolle als Gehorcher: Klappe halten, aufräumen und dafür sorgen, dass der Kühlschrank ordentlich gefüllt ist. Bei uns zu Hause läuft es wie in Merkels Regierung: Jeder will was, alle reden durcheinander, und am Ende entscheidet Mutti.

Der „Gender-Zeugnis-Gap“

Neulich begann Hans ein Präventivgespräch; er wollte offenbar unsere Erwartungen wegen seines Zeugnisses ein wenig relativieren. „Die Mädchen“, begann unser Kleiner – was wegen Diskriminierungsrisiko schon mal ein problematischer Satzanfang ist –, „die Mädchen“ also würden bei den Noten bevorzugt. Stünde eine Schülerin exakt zwischen Zwei und Drei, bekäme sie die Zwei, der Junge hingegen die Drei. Ich nickte solidarisch. Wissenschaftlich belegt ist der Gender-Pay-Gap: Frauen werden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Gibt es auch einen GenderZeugnis-Gap? Werden Jungs bei den Zeugnissen benachteiligt? Kann es sein, dass Mädchen gar nicht so viel besser sind bei den Abschlüssen, wie Statistiken behaupten, sondern einfach nur die Glücklicheren in der Notenlotterie? Der neue GenderPisa-Test hat schließlich gezeigt: Mathe ist anscheinend „männlich“, gute Schulleistungen „weiblich“. Ich erinnerte mich an ein Erlebnis aus der Vergangenheit. Damals bekam unser Hans in der Sandkiste von einem Mädchen einen Hieb versetzt, mit der Schaufel. Die umstehenden Mütter nickten anerkennend. Diese selbstbewusste junge Dame, so lautete das einhellige Urteil, werde ihren Weg im Leben machen. Unser Hans nahm die Schaufel und schlug zurück. Besorgte Blicke in meine Richtung. So viel Aggression, was denn da wohl schieflaufe in der Erziehung, raunten die Mütter. Der Junge sei ein klarer Fall für den Verhaltenstherapeuten. Wir hätten eine Grundsatzdiskussion beginnen können, haben aber lieber den Spielplatz gewechselt. Manchmal überfordert uns Jungs der Feminismus halt noch.


Dr. Hajo Schumacher, 55, ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.