Schritt zurück in den Alltag: Katja Wolter suchte Abstand zum Klinikbetrieb
Schritt zurück in den Alltag: Katja Wolter suchte Abstand zum Klinikbetrieb



Reha ohne Klinikbett

 

Katja Wolter sitzt in einem Gesprächsraum der Klinik Wingertsberg in Bad Homburg. Aus den großen Fenstern schweift der Blick hinaus über die Kronen zahlloser Bäume, in der Ferne zeichnet sich die Skyline von Frankfurt ab. Als hier der letzte Sommer zu Ende ging und das Grün der Bäume langsam begann, seine Farbe zu ändern, war Wolter fast täglich hier. Außer an den Wochenenden kam sie morgens ab acht Uhr und verließ die Rehaklinik am frühen oder späten Nachmittag, um nach Hause zu fahren. Wolter lebt in Frankfurt. Ihre dreiwöchige Reha nach einer Brustkrebsbehandlung war ganztägig-ambulant. Das ist ungewöhnlich, onkologische Reha ist fast immer stationär. „Ich wollte gar keine Reha machen“, sagt Wolter. Zwischen dem ersten Verdacht und dem Ende der Strahlentherapie lag ein halbes Jahr – Monate mit Arztbesuchen, Klinikaufenthalten, zwei Operationen. „Ich wollte nicht mehr krank sein, ich wollte wieder ein normales Leben.“ Wenn die 49-Jährige lacht, zeigt sich Neugier und Lebenslust in ihrem Gesicht. Während der Krebstherapie, sagt sie, sei sie ein Mensch gewesen, der nur noch funktioniert und Anweisungen folgt. Es war eine schwere Zeit für die Architektin und Künstlerin. Wolter arbeitet halbtags in einem Architekturbüro, malt, fotografiert und stellt aus. „Ein Leben ohne Arbeit kann ich mir nicht vorstellen“, sagt sie. Zu ihrem Alltag ohne Krankheit gehört außerdem ein kleiner, weißer Hund, ein Parson Jack Russell mit einem hellbraunem Fellfleck ums Auge. Während stationärer Aufenthalte musste sie ihn abgeben. Für weitere drei Wochen wollte sie das nicht. „Er tut mir gut!“ Wolter trat die Reha nur an, weil sie noch in der Klinik erfuhr, dass das auch ganztägig-ambulant geht. Die Möglichkeit, nach Therapien und Gruppengesprächen noch mit dem Hund rauszugehen und Freunde zu treffen, gab ihr ein Stück Normalität zurück. Auch Peter Höfler hat nach einer Prostatakrebs-OP die ganztägig-ambulante Form der Reha gewählt. Der 62-Jährige aus Bad Homburg, der lange in der Reisebranche gearbeitet hat, wollte sein Umfeld nicht verlassen. Ihm sei wichtig, abends vertraute Menschen zu sehen.

»Realistisch einzuschätzen, was man erreichen kann, ist wichtig.«

Ferman Ustaoglu, Ärztlicher Direktor

Ambulant ähnelt stationär

Eine medizinische Rehabilitation können kranke Menschen etwa in Anspruch nehmen wegen anhaltender Beschwerden wie Rückenschmerzen, nach schweren, akuten Erkrankungen wie Infarkten oder nach Operationen. Ob stationär oder ambulant macht im Ablauf kaum einen Unterschied. Der Behandlungsplan wird individuell erstellt. Meist gehören Bewegungstraining, Ernährungsberatung, Entspannungstechniken, Physiotherapie, psychologische Begleitung, Patienteninformation, Sozialberatung dazu. 

»Hier haben alle ein offenes Ohr, egal in welcher Verfassung man kommt.«

Peter Höfler, Rehabilitand

Die Klinik Wingertsberg mit 219 Betten ist ein Rehabilitationszentrum der Deutschen Rentenversicherung. Zwei Drittel der Rehabilitanden ist wegen Krebserkrankungen hier, ein Drittel aufgrund psychosomatischer Störungen wie Angst, Depression oder chronischer Schmerzen. Nur neun Plätze sind ganztägig-ambulant. In Ballungsräumen ist die ganztägig-ambulante Reha möglich, die auf einer Nordseeinsel keinen Sinn ergäbe. Denn die Anfahrt sollte nicht mehr als eine Dreiviertelstunde dauern. Heute ist Katja Wolter froh, die Reha angetreten zu haben. Sie hat währenddessen viel ausprobiert – Yoga, Qigong oder autogenes Training. Erst hier hat sie begriffen, dass Heilung Zeit braucht und was ihre Krankheit für ihr Leben bedeutet. Bevor sie herkam, sei die Diagnose für sie eine „Zahlen- und Buchstabenkolonne“ gewesen – Codes, die sie nicht deuten konnte und die keiner übersetzte. „Hier hat sich zum ersten Mal jemand hingesetzt und mir in Ruhe erklärt, was genau ich eigentlich habe.“ Auch von ärztlichen Informationsveranstaltungen habe sie enorm profitiert. Während Wolter erzählt, steckt der Onkologe, der sie betreute, den Kopf zur Tür herein und erkundigt sich, wie es ihr geht. Die Begrüßung ist herzlich. Als er wieder gegangen ist, erklärt Wolter, dass seine ruhige und kompetente Art ein Grund gewesen sei, warum sie sich hier gut aufgehoben gefühlt habe. „Ein Arzt, der sich super auskennt und Laien alles erklären kann.“ In Praxen und Krankenhäusern, gerade im Akutbetrieb, kommen Gespräche oft zu kurz. Patienten und Angehörige vermissen menschliche Zuwendung. In der Rehabilitation sind Aufklärung und Information zentral, sagt Ferman Ustaoglu, der ärztliche Direktor der Klinik Wingertsberg. Sein weißer Kittel ist offen, aus der Tasche lugt der rote Schlauch eines Stethoskops. Ustaoglu ist Internist, Hämatologe und Onkologe. Auch er nutzt sein Fachwissen, um zu beraten. Die Therapieziele setzen Rehabilitanden selbst, doch „eine realistische Einschätzung dessen, was man erreichen kann, ist wichtig.“ Krebsdiagnosen empfänden viele als Todesurteil. Patienten und deren Familien über Heilungschancen aufzuklären sei daher ebenso wichtig wie medizinische Information über die Krankheit.

Katja Wolter genoss es, nach der Reha noch mit dem Hund rauszugehen.

»Ich wollte nicht mehr krank sein. Ich wollte wieder ein normales Leben.«

Katja Wolter, Rehabilitandin

Den Schalter umlegen

„Für Heilung ist Reizminderung wichtig“, sagt Ustaoglu. Daher sei ambulante Reha nicht immer das Mittel der Wahl. Den Alltag hinter sich zu lassen, kann entlasten. „Manche Menschen denken mehr an andere als an sich.“ Es komme darauf an, den Schalter umzulegen. Das gelte besonders für Frauen, die häufiger kleine Kinder, alte oder kranke Angehörige versorgen. Problematisch findet der Arzt auch, wenn jemand der Auseinandersetzung mit seiner Krankheit durch ambulanten Aufenthalt ausweicht. Für Peter Höfler war der Austausch mit anderen Rehabilitanden wichtig. Doch rund um die Uhr wollte er nicht mit Kranken zusammen sein. „Nach so einer OP ist man feinfühlig“, sagt er. Nur noch über Krankheiten zu reden, wäre für ihn nicht heilsam gewesen. Kurz nach Abschluss der Reha ist er vor allem dankbar und von der Zugewandtheit und den Fähigkeiten der Ärzte und Therapeuten begeistert. „Hier haben alle ein offenes Ohr, egal in welcher Verfassung jemand kommt.“ Höfler hat nicht nur gelernt, seine Beckenbodenmuskeln zu trainieren. Er hat mehr mitgenommen: „Mich nicht so schnell aufzuregen, schneller runterzukommen.“ Wie für Katja Wolter war die Zeit auf dem Wingertsberg eine, in der er sich um Krankheit und Heilung kümmern konnte, ohne auf das zu verzichten, was ihm zu Hause Kraft und Halt gibt. „Für mich war ambulant die richtige Entscheidung.“

Info: Frauen, Männer und die ganztägig-ambulante Reha

Rehabilitationsleistungen werden meist stationär in Anspruch genommen. Nur 14 Prozent aller RehaLeistungen sind ambulant. Nach Daten der Rentenversicherung wird Reha am häufigsten bei Erkrankungen des Bewegungsapparates absolviert. In der ganztägig-ambulanten Reha machen sie über zwei Drittel der Indikationen aus. Auch Tumorerkrankungen und psychische Leiden sind häufige Heilanzeigen für Reha. Bei diesen Krankheitsbildern treten Frauen etwas häufiger eine Reha an als Männer. Der Unterschied ist aber weniger deutlich als vor Jahren. Generell nehmen Männer weniger Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch. Die Gründe hierfür sind komplex. Männer entscheiden sich häufiger als Frauen für ambulante Reha.