Die spielerischen Atemübungen kommen bei den Jüngsten besonders gut an – ohne sich wie in einer Klinik zu fühlen.
Die spielerischen Atemübungen kommen bei den Jüngsten besonders gut an – ohne sich wie in einer Klinik zu fühlen.



Pusten bis zum Aufatmen

Rot fließt die Farbe in alle Richtungen. Die sechsjährige Lucia pustet in einen Strohhalm, um den Klecks aus Wasserfarbe wachsen zu lassen. „Das hast du klasse gemacht! Was ist denn auf dem Bild zu sehen?“, fragt Therapeutin ­Franzi. „Eine Blume, das sieht man doch“, antwortet ­Lucia und setzt ihr strahlendstes Lächeln auf. Jeden Vormittag um 11 Uhr hat die Erstklässlerin Atemtherapie. Die Pustebilder sind eine spielerische Übung mit großer Wirkung. Denn ­Lucia hat Schwierigkeiten mit der Atmung. Der Grund: eine Corona­infektion. Ihre ganze Familie steckte sich nach und nach mit dem Virus an. Geblieben sind Spätfolgen.

Fast ein wenig verwunschen liegt die Edelsteinklinik auf einer Anhöhe im rheinland­pfälzischen 500-Seelen-Dorf Bruchweiler. Der Hunsrück, wie die waldreiche Gegend heißt, ist bekannt für seine Ruhe und die klare Luft. Wer Trubel braucht, ist hier fehl am Platze. Wer Ruhe sucht, genau richtig. Auf dem viele Hektar großen Außengelände gibt es zwei Fußballplätze, vier Erlebnisspielplätze, einen Beachvolley­ball- und sogar einen Minigolfplatz. Die Stationen heißen – ganz zur „Edelsteinklinik“ passend – Jaspis, Carneol oder Bernstein. ­Lucia ist mit ihrer Mutter ­Rosy ­Manteuffel (41) und ihren zwei Schwestern ­Isabella (12) und ­Karolina (10) für sechs Wochen in der Klinik.

Therapeutin Franzi gibt der zehnjährigen Karolina Hilfestellung.

Auf Kinder spezialisiert

Die Edelsteinklinik ist eine von bundesweit vier Rehabilitationskliniken der Deutschen Rentenversicherung, die sich auf die Behandlung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben. Hier behandelt man die häufigsten Krankheiten in der ­Kinder- und Jugendmedizin: Asthma, Stoffwechselkrankheiten, Krankheiten des Bewegungsapparates, der Haut sowie psycho-somatische Erkrankungen. Patienten mit psychischen Problemen und solche mit körperlichen Leiden wohnen zusammen.

„Wir haben derzeit 150 Patienten, fast 100 davon werden durch Angehörige begleitet“, sagt die Ärztliche Direktorin Dr. ­Edith ­Waldeck. Das Haus sei „dauerausgelastet“. Durch die Post-­COVID-­Behandlungen kam viel mehr Organisatorisches auf die erfahrene Kinderärztin zu. Längst gilt ihr Haus dafür als Top-Adresse: „Wir sind mittlerweile regelrecht auf Großfamilien spezialisiert“, sagt ­Waldeck. Im Frühjahr wurde ein neues Wohngebäude für Begleitpersonen eingeweiht, der Bedarf steigt weiter an.

Immer deutlicher wird, dass selbst nach leichten Krankheitsverläufen einer COVID­Infektion viele Patienten auch Monate nach offizieller Genesung noch an erheblichen Spätfolgen leiden – dem Post-COVID-­Syndrom. Das kann beispielsweise übersteigerte Müdigkeit sein, Konzentrationsstörungen, aber eben auch Atemnot oder sogar Antriebslosigkeit und Depressionen. Zwar sind Kinder und Jugendliche viel seltener betroffen als Erwachsene, dennoch rechnet ­Alwin ­Baumann, ­Vorsitzender des Bündnisses ­Kinder- und Jugend­reha, mit einer steigenden Zahl von Betroffenen auch in der Altersgruppe der unter 18-Jährigen. „Die gesundheitlichen und psychischen Folgen dieser Belastungen werden noch viel zu wenig beachtet“, fürchtet ­Baumann.

Portrait einer Frau in einem weißem Kittel.

„Eine Reha ist im Leben eines Kindes oft ein wichtiges Ereignis.“

Dr. Edith Waldeck,
Klinikdirektorin

Karolina ist erschöpft, aber zufrieden nach der Atemtherapie.

Reha heißt Entschleunigung

14 Uhr. Rosy Manteuffel ist pünktlich zum Aquajogging im Schwimmbad. Hier kann sie entspannen, während ihre Kinder in Behandlung sind. Ihre Therapiepläne müssen sie immer genau abstimmen, was oft anstrengend ist. Zwar hat die Klinik Kindergarten und Spielzonen, aber gerade bei den Kleineren muss eben manchmal auch die Mama dabei sein. „Trotzdem entfliehe ich ein bisschen dem Alltag zu Hause, wo man einfach nicht so die Konzentration aufs eigene Gesundwerden legt.“

Nach der COVID-Infektion war sie noch sehr lange kurzatmig, hinzu kam eine Belastungsstörung aufgrund der strapaziösen Situation im eigenen Haushalt. „Frau Manteuffel ist eigentlich eine Musterpatientin“, lobt ­Joachim Klein, Leiter der Bewegungstherapie. „Sie ist bei allem dabei, vom Basketball bis zur erlebnispädagogischen Wanderung. Schließlich ist sie eine der wenigen erwachsenen Patientinnen.“ Auch ihre Töchter waren nach der Infektion erschöpft – „im Loch“, wie Rosy ­Manteuffel sagt. „Aber die Therapeutinnen machen hier einen tollen Job, sind sehr liebevoll. Ich bekomme immer wieder Anleitungen, was ich später zu Hause mit den Kindern üben soll.“ Doch auch die Edelsteinklinik spürt den Fachkräftemangel. „Engagierte, neue Kollegen sind uns deshalb sehr willkommen“, sagt ­Thomas ­Büttner, der leitende Oberarzt. Die Edelsteinklinik biete mehr als nur einen normalen Job. Deshalb sei er selbst der Klinik schon seit zwölf Jahren treu, wie der Großteil der Belegschaft: „Wir haben hier eine sehr familiäre Atmosphäre.“ Die Mitarbeiter kommen meist aus der Gegend. „Natürlich ist der Hunsrück nicht Stuttgart oder Frankfurt“, weiß Büttner. „Aber wir haben eine wunderschöne Natur, und es schweißt auch zusammen, dass wir quasi keine Fluktuation haben.“

Seit die großen Kliniken aufgrund der Pandemie angehalten sind, ihre Intensivstationen schnell zu leeren, um Platz für Notfälle zu schaffen, bekommen ­Büttner und sein Team auch viele Direktverlegungen aus ganz Deutschland. „In dieser sogenannten Anschlussreha­bilitation sind wir inzwischen die Nummer eins.“ ­Büttner weiß: „Die Post-COVID-Therapien beginnen jetzt erst richtig.“

Der Tagesplan ist dicht gedrängt: Im Familienzimmer wird daher alles genau durchgeplant und besprochen.

Snoezeln statt stressen

17 Uhr: Szenenwechsel. Der sechsjährige Luis Weiß freut sich schon auf den „Snoezel-Raum“. „Snoezeln“ kommt eigentlich aus dem Niederländischen und steht für eine Wortmischung aus „Kuscheln“ und „Dösen“. Hier lauschen die Kinder leisen Melodien, betrachten beruhigende Lichteffekte oder schließen die Augen. Die Idee: Stress bei Grundschulkindern abzubauen. Ein Wasserbett steht in der Mitte und natürlich wollen alle einmal darauf liegen. „Das tut ihm unheimlich gut“, sagt Luis’ Mutter ­Irina Weiß, „er erzählt ständig von den beleuchteten Wassersäulen und ist insgesamt schon viel ruhiger geworden.“

Wie die meisten Begleitpersonen hier ist die 35-Jährige selbst keine Patientin. Sie nutzt die sechs Wochen Aufenthalt jedoch für diverse Schulungen, die ihr und Luis später helfen werden: von Asthma bis Neuro­dermitis – denn auch daran leidet ihr Sohn. „Ich hatte nachts oft Angst, weil er wie ein Traktor geatmet hat“, erzählt sie. „Jetzt habe ich ein paar Techniken gelernt, etwa ihm die Rippen zu massieren. Das bringt viel Erleichterung.“

Nur wenige Angebote in der Edelstein­klinik sind an sie als Begleitperson gerichtet. Deshalb hat sie sich auf die Behandlung mit all ihren positiven Aspekten für ihr Kind fokussiert. „Es geht ja nicht um mich, sondern um Luis. Und dass es ihm besser geht, ist schließlich entscheidend.“ Außerdem seien die Sonnenaufgänge im Hunsrück einfach traumhaft. „Ich sitze hier tatsächlich jeden Morgen wie ein kleines Kind am Fenster und freue mich.“

Die Edelsteinklinik liegt in idyllischer Umgebung im waldreichen Hunsrück.

23.876 Kinder und Jugendliche haben im Jahr 2020 eine Reha der Deutschen Rentenversicherung abgeschlossen. Mit der Reha wurde ihre Ausbildung und spätere Erwerbsfähigkeit unterstützt.

Der Weg zur Post-COVID-Reha

Rentenversicherte und ihr Nachwuchs können einen Anspruch auf Reha haben. Die Liste zeigt die ­Schritte dahin zum Abhaken.

1. Symptome: Sie oder Ihr Kind weisen Symptome auf.

2. Ärztlicher Befund: Der behandelnde Arzt schreibt einen Befundbericht.

3. Zuständigkeit: Die Deutsche Rentenversicherung ist zuständig, wenn die Erwerbsfähigkeit oder die Ausbildung eines Kindes gefährdet oder gemindert ist.

4. Voraussetzungen: Sie müssen unter anderem mindestens sechs Monate pflichtversichert gewesen sein.

5. Reha-Antrag: Sie stellen Ihren Antrag ­online oder in Papierform.

6. Klinikplatz: Sie können eine Wunschklinik angeben oder die Ihnen vorgeschlagene Reha-Einrichtung wählen.

7. Reha-Start: Informieren Sie Ihren Arbeit­geber und Ihren Arzt. Nun kann die medi­zinische Reha beginnen.

Reha online beantragen: t1p.de/reha-post-covid

10 typische Symptome:

  1 Chronische Müdigkeit

2 Antriebslosigkeit

3 Taubheitsgefühle

 4 Kopfschmerzen

5 Atemnot

 6 Anhaltender Husten

7 Druckgefühl auf der Brust

8 Geruchs- und Geschmacksstörungen

 9 Konzentrationsstörungen

10 Depressionen

Weitere Infos unter: www.edelsteinklinik.de