Wie kant das sein?

Beim Abendbrot kommt alles auf den Tisch: Bushido, Klima, ­Helene ­Fischers Baby und natürlich ­Immanuel Kant. Was es denn mit dieser „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ auf sich habe, wollte unser Oberstüfler neulich wissen. „Nun ...“, sagte ich, weil ich immer „Nun ...“ sage, wenn sich mir die Chance bietet, mein in Jahrzehnten gespeichertes Wissen freizulassen. Mein Referat über den großen Denker aus Königsberg wurde allerdings unterbrochen, noch bevor ich die Relevanz seiner vorkritischen Periode für das Gesamtwerk dargelegt hatte. Warum, wollte mein Jüngster wissen, werde Kants Plädoyer für den selbst denkenden Menschen gefeiert, während die Schule vor allem Gehorsam und Aufsagen belohne? Eine gute Frage, bemerkte ich pädagogisch einfühlsam, aber die sollten wir doch besser auf die Zeit nach dem Abitur vertagen. Woraufhin der junge Mann feierlich intonierte: „Sapere aude!“

Sorry, Herr Precht!

In welchem Asterix kam das noch mal vor? Heißt das: Die Würfel sind gefallen? Nein: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, übersetzte unser Schlauberger. Und verkündete mit Aufklärungsfieber im Blick, dass er den Lehrer zu einer philosophischen Battle herausfordern wolle: Wie könne es sein, dass Deutschlands bedeutendster Philosoph (sorry, Herr Precht!) den Ausbruch aus der Unmündigkeit fordere, den die Schule dann aber mit stumpfem Vokabellernen verhindere? Verrät der Bildungsstandort Deutschland also die Ideale der Aufklärung? Ja, mein Junge, wirklich eine interessante Frage. Aber doch nicht jetzt, ein gutes Jahr vor der Reife­prüfung. Kant ist schon so lange tot, da kann das Denken noch ein Weilchen warten. Ich hob zu einem weiteren Referat an, zum Unterschied von Mut, Heldenmut, Übermut und Unmut. Wollen wir nicht erst mal an die Zukunft denken? Doch der junge Wilde war nicht zu bremsen. Er war auf einer Mission für Wahrheit und Gerechtigkeit. Und ich verzweifelt. Wie konnte ich seine Disputlust stoppen? Sollte ich mich während seiner Philosophiestunde aufs Jungenklo der Schule schleichen und heimlich rauchen, um den Brandmelder auszulösen?

Tags drauf kam der Junge nach Hause. Hatte er sein Leben ruiniert? Musste er nun In­fluencer werden? Er sah reifer aus, erwachsener. Der Lehrer habe die Battle angenommen, die Argumente flogen hin und her, schließlich habe die ganze Klasse so engagiert debattiert wie noch nie. Tja, so geht Aufklärung. Ich wusste es ja gleich, „Sapere aude“, oder wie das hieß. Man kann die Kinder halt gar nicht früh genug zum eigenständigen Denken ermutigen.

Hajo Schumacher, 58,...

ist Journalist und Buch­autor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten (Eich­born, 2020). ­Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.