„Wir brauchen Zivilcourage“

 

Herr Nida-Rümelin, wann waren Sie das letzte Mal mutig? 
Ich würde mich nicht zu den besonders Mutigen zählen, sondern zu den vorsichtigen, aber angstfreien Menschen. Von Aristoteles stammt die schöne Formulierung: Die Tugend bewegt sich immer im mittleren Bereich.

Beschreiben Sie uns Ihre Tugend näher ... 
Viele Menschen in der Politik neigen dazu, Anpassungsdruck nachzugeben. Diese Neigung habe ich nicht. Das kann man als Zivilcourage bezeichnen.

Was bedeutet das denn aus Ihrer Sicht für unsere Demokratie?
Zu solchen Fragen habe ich für die Körber-Stiftung Ende letzten Jahres die Studie „Demokratie in der Krise“ veröffentlicht. In der empirischen Untersuchung haben wir einen deutlichen Vertrauensverlust in die Demokratie festgestellt. Nicht so stark wie in den USA oder Brasilien, aber doch spürbar. Ergänzend zeigen andere Studien, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung den Eindruck hat, dass die Meinungsfreiheit nicht mehr so ausgeprägt sei wie früher. Die Werte liegen so niedrig wie 1953.

Aber in Deutschland herrscht doch Meinungsfreiheit ... 
Das stimmt und diese Reaktion kommt darauf immer. Dennoch braucht es heute mehr Zivilcourage, sich zu trauen, eine eigene Meinung zu vertreten. Die sozialen Medien spielen da eine wichtige Rolle. Die Shitstorms, die über einen hinwegfegen können, wenn man etwas sagt, was einer Community nicht passt, sind heftig.

Brauchen wir also alle mehr Mut, um Twitter und Facebook zu widerstehen?
Bei manchen Fragen scheint es so, als ob man gar nicht mehr dagegen sein kann ... (lacht). Wenn es zum Beispiel um Genderfragen geht, um Multikulturalismus, um Rassismus oder die Debatte, unsere Sprache zu reformieren und viele Wörter zu tilgen. Aber ich nehme das alles nicht so ganz ernst, weil ich es auch für eine Stellvertreterdebatte halte. Man streitet sich um den Wortgebrauch, anstatt zu versuchen, Dinge zu verändern, die in der Tat veränderbar sind. Die Probleme an sich anzugehen, also klassisch politisch einzugreifen, wäre ja viel wichtiger. In einem solchen Klima ist es wichtig, sich als Bürger eine gewisse Zivilcourage zu bewahren. Das ist eine Form von Mut. Da gehört das freie Wort in der Öffentlichkeit dazu.

Seit Beginn der Corona-Pandemie gehören Sie zum Vorsitz des Deutschen Ethikrats und beraten die Bundesregierung auch zu so schwierigen Fragen wie der Impfpflicht. Erfordert das besonders viel Courage?
So weit würde ich nicht gehen. Mir war von Anfang an klar: Wenn ich schon dabei bin, dann auch richtig.

Was heißt das für Sie, „richtig“ dabei zu sein?
Zum Beispiel zu sagen, dass eine Impfpflicht bei Menschen unter 50 nicht erforderlich ist, um die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Ich bin auch überzeugt, dass wir in der Pandemie Tracking-Apps hätten einsetzen sollen, die den Gesundheitsämtern die Daten für bis zu 14 Tagen zur Verfügung stellen. So hätten wir den Kontrollverlust durch die Gesundheitsämter vermeiden können und vermutlich auch viele Shutdown-Zeiten. Ich wusste aber schon, dass darauf hin die gesamte Szenerie aufsteht und sagt: „Um Gottes willen, der will den Datenschutz einschränken!“ Dabei ging es mir um eine Abwägung: Wenn die Leute sich nicht mehr treffen können, ist das ein massiver Grundrechtseingriff. Dagegen ist ein Eingriff mit Trackingdaten harmlos. Für meinen Vorschlag habe ich dann einen schönen Negativpreis bekommen, aber solche Reaktionen hatte ich erwartet.

Den „Big Brother Award“– Sie haben offenbar ein dickes Fell. Ich hoffe, es geht bei Ihnen aber nicht so weit, dass Sie bedroht werden?
Doch, doch. So wie allen, die sich in dieser Debatte äußern, wird auch mir immer wieder gedroht. Ich nehme das nicht ernst.

Als Risikoethiker wissen Sie, wie paradox Menschen oft mit Risiken umgehen. Wie äußert sich das in Sachen Altersvorsorge?
Wir haben eine ziemlich vernünftige Risikopraxis im Alltag. Doch je weiter das Risiko zeitlich und räumlich entfernt ist, desto unzuverlässiger ist unsere Wahrnehmung. Risiken oder Chancen, die nahe bevorstehen, werden weit höher gewichtet als mögliche Risiken oder Nachteile, die in fernerer Zukunft liegen. Hinzu kommt das Phänomen der Willensschwäche. Man neigt oft dazu, nicht nach bestem Wissen zu handeln. Das kennt man schon aus der Schule, da werden die Hausaufgaben erst auf den letzten Drücker gemacht. Das Instrument dagegen heißt Selbstbindung – individuell wie kollektiv. Es ist also kein Freiheitsverlust, wenn ich mich zu bestimmten Zahlungen verpflichte, die später als Rente ausgezahlt werden. Aus meiner Sicht ist es auch kollektiv vernünftig, wenn die Gesellschaft als Ganzes entscheidet, sich gemeinsam einer solchen Pflicht zu unterwerfen.

Meinungsstarker Humanist: Julian Nida-Rümelin scheut nicht die sachliche Auseinandersetzung.

„ Ich zähle mich nicht zu den Mutigen. Ich bin vorsichtig, aber angstfrei. “

Julian Nida-Rümelin, 
Philosoph

Philosoph und Zwischenrufer

Julian Nida-Rümelin, 67, ist stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Er war Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder, lehrte Philosophie in München und ist Vorstand der Parmenides Foundation. Mit Nathalie Weidenfeld veröffentlichte er das Buch „Die Realität des Risikos“ (Piper, 2021).