Bank oder Ballett?

 

 

Früher, als die Welt noch übersichtlich war, standen uns drei Berufspfade zur Auswahl. Eher praktisch orientierte Jugendliche lernten ein Handwerk. Kinder aus besserem Haus studierten, um später die Praxis oder Kanzlei zu übernehmen. Wer wie ich beide Voraussetzungen nicht erfüllte, dem blieb eine Arbeitsstelle bei Bank oder Versicherung oder, besser noch, als Beamter. „Was Ordentliches eben“, wie Mutter sagte. Als „ordentlich“ galten Arbeitgeber, die Schlips vorschrieben, vor allem aber Zahlungssicherheit versprachen. Wir verspotteten damals das Mädchen aus unserer Klasse, das Sinologie studieren wollte. „Silono…was?“, lachten wir. Und wer zahlt später die Rente? Die Exotin von einst ist heute eine ganz große Nummer im deutsch-chinesischen Handelswesen. So viel zu „ordentlich.“

Neulich erklärte unser 14-jähriger Sonnenschein, dass er „Influencer“ werden will. Auf einem Youtube-Kanal werde er manipulationsbereiten Mit-Teenagern überteuerte Mode anpreisen, damit Millionen verdienen und mir alsbald einen Tesla schenken. Einen Jungmillionär in der Familie fände ich natürlich ganz praktisch. Andererseits: Der Vater von Steffi Graf machte keinen restlos glücklichen Eindruck. Und die Eltern von Mark Zuckerberg werden beim Einkaufen bestimmt dauernd auf irgendeinen Datenskandal angequatscht.

Vielleicht doch „was Ordentliches“. In Grundschultagen wollte der Junge Tierpfleger werden (Papa: „Wo bleiben da die Aufstiegschancen?“), später Pyramiden ausgraben (Mama: „Und wenn eines Tages alles ausgebuddelt ist?“), dann bei DSDS gewinnen (keine Einwände) und zuletzt Unternehmensberater werden, weil der Vater eines Klassenkameraden damit angeblich viel Geld verdient und fast nie zu Hause sei, um über miese Noten zu meckern.

Neulich las ich, dass die Hälfte unserer Jobs alsbald verschwunden sein wird. Alles wird digitalisiert. Röntgenbilder lesen? Macht kein Arzt mehr, sondern künstliche Intelligenz. Verwaltung? Beamtenfrei, weil komplett automatisiert. Na schön, wird der Junge eben Programmierer! – Auch zu spät. Moderne Software programmiert sich längst selbst.

„Wie wär’s mit Ballett?“, frage ich beim Abendbrot. Der liebe Gott hat unsere Familie zwar nicht gerade großzügig mit Grazie ausgestattet; unsere Anmut reicht maximal für die späten Stunden eines ostwestfälischen Schützenfestes. Aber mit viel Fleiß würde das Kind den Schwanensee schon hinbekommen. Ballettchoreografen, hatte ich aus dem Horrorartikel über schwindende Jobs gelernt, werden von der Digitalisierung lange verschont bleiben, so wie viele kreative Tätigkeiten – Spitzenkoch, Designer, Therapeut. Von Influencern stand da nichts.

 

Dr. Hajo Schumacher, 55, ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein
aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet
moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.