Blickt ihr jetzt, was Rente ist?

 

 

Heranwachsende können gnadenlos sein. „Scheidung!“, ruft eine 15-Jährige mit Nasenring in die Klasse. „Ja, jetzt lässt sie sich scheiden!“, bricht’s aus einem schlaksigen Jungen heraus. Die Schüler der 9b teilen ordentlich aus heute: Unfall! Kündigung! Tod! Die Person, der sie das antun, ist schließlich bloß ausgedacht: ein Bäcker, 40 Jahre alt, als Testperson für alle nur denkbaren Fälle der deutschen Sozialversicherung. Vorgegeben haben diese Schicksalsschläge aber nicht die Schüler selbst. Das war die nette Frau, die heute für zwei Stunden den Unterricht übernimmt. Sie hat die möglichen Stationen im Leben dieses Bäckers auf kreisrunden Zetteln notiert und verteilt. Auf den bunten Papieren mischen sich Momente der Hoffnung zwischen die Tiefpunkte: „Reha“ steht da grün auf gelb oder „Umschulung“ schwarz auf weiß.

Für die Klasse 9b der Josef-Reding-Schule in Holzwickede am Rande des Ruhrgebiets ist es ein besonderer Tag. „Hört gut zu!“, ruft ihnen Ines Wittig zu: „Das, was ich euch heute erzähle, hört ihr in eurer Schulzeit nur ein Mal.“ Die Referentin von der KnappschaftBahn-See, einem Träger der Deutschen Rentenversicherung, ist in den Ort bei Dortmund gekommen, um den 20 Teenagern zu zeigen, wie das mit der Rente funktioniert. Dass das nicht immer einfach ist, weiß sie nach zehn Jahren Schulbesuchen nur zu gut: Denn wer denke mit 15 schon an die Rente, fragt sie, oder mit 25? Mit 50, ja, lacht Wittig, aber da ist man dann schon eher spät dran. Deshalb organisieren die Träger der Deutschen Rentenversicherung seit 2007 die Aktion „Rentenblicker“, die jedes Jahr mehrere Hundert Referenten an deutsche Schulen schickt, um die Leistungen der Rentenversicherung vorzustellen. Eine von ihnen ist Ines Wittig.

Ines Wittig, Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, Referentin für die bundesweite Initiative „Rentenblicker“

»Ich danke jedem Lehrer, der uns holt. Im Namen seiner Schüler.«

„Heute machen wir gar keinen Unterricht, wir unterhalten uns nur über die Rentenund Sozialversicherung“, spricht sie mit markanter Stimme in die Runde. Im Videoraum haben die 20 Hauptschüler einen Kreis gebildet, 20 Paar Markenturnschuhe wippen fragend auf grauem Linoleum: Was das wohl heute geben mag? Kurz wird es laut, dann mahnt Klassenlehrer Henrique Baptista zur Ruhe, ein Mann mit weichen, portugiesischen Gesichtszügen und einem sympathischen Ruhrpott-Sprech: „Hömma, da kannse jezz watt Wichtiges lernen.“ Und schon steigen die Jugendlichen in die Story ein, die Wittig mit ihnen konstruiert: Ein Mann im besten Alter hat einen schweren Autounfall, gebrochene Beine, zertrümmerte Halswirbel. Er hat Frau und Kinder – müssen die sich jetzt Sorgen machen wegen der Miete? Ein rundes Kärtchen rettet sie: „Das Gehalt wird fortgezahlt“, steht dort, und die Story geht weiter. Zehn Wochen lang, schätzen die Schüler. „Nein, nur sechs Wochen lang“, verrät Wittig, danach springt die Krankenkasse ein. BKK, AOK, Knappschaft, die Kinder kennen die Kassen ihrer Eltern. Aber wie das alles genau funktioniert, das erklärt ihnen erst die Referentin.

Ines Wittig ist zu Gast in einer Hauptschule im Ruhrgebiet. Hier bringt sie den Jugendlichen spielerisch bei, was die deutsche Sozialversicherung für sie bedeutet. Viele hören zum ersten Mal davon.

Spielerisch lernen

Und weiter geht das Denkspiel: Weil die Sozialversicherung so viele Fälle abdeckt, stoßen der Beispielperson weitere Missgeschicke zu. Der langzeitverletzte Bäcker bekommt nun zwar Krankengeld, wird aber irgendwann gekündigt. Nun müsste er sich eine neue Arbeit suchen, ist aber noch längst nicht wieder fit, um Teig zu kneten. „Der geht jetzt in die medizinische Reha!“, ruft ein Mädchen rein und hält den gelben Zettel hoch: „Das braucht der jetzt!“ Alle sind einverstanden, aber wer bezahlt’s? „Die Krankenversicherung“, glauben die Schüler. Sie staunen nicht schlecht, als Wittig ihnen erklärt, dass die Rentenversicherung den Mann wieder fit machen wird: „Die arbeitende Bevölkerung ist schließlich unser Kapital“, erläutert sie. Mehr als eine Million Leistungen zur medizinischen Reha hat die Rentenversicherung 2018 genehmigt.

Weil der Wirbel nicht mitspielt, jagen die Schüler den Bäcker nun noch durch eine berufliche Reha, doch die Umschulung zum Physiotherapeuten schlägt fehl. „Ab wann bekommt man Rente?“, fragt die Referentin. Ab 67, diese Antwort kennen die Schüler. Der Beispielbäcker aber bekommt sie nun bereits mit 47, als Erwerbsminderungsrente. Das kannten sie so noch nicht.

300: Mehr als 300 Schulen haben im Jahr 2018 den Referentenservice des „Rentenblickers“ genutzt. Seit 2007 werden die Unterrichtseinheiten für Schüler ab der 9.Klasse angeboten.

„Natürlich ist in so einem Planspiel nicht jeder Schritt hundertprozentig durchgerechnet“, wird Wittig später erläutern. Kein einzelner Mensch wird je alle Sozialleistungen erhalten. Wichtig ist nur: Als die Schüler nach 90 Minuten auch noch eine mögliche Scheidung, die Pflegekasse und die Witwenund Waisenrenten durchgespielt haben, bekommen sie ein Gefühl dafür, was die Solidargemeinschaft ist und was man dafür tun kann: vor allem arbeiten und einzahlen. Als gegen Ende die Frage aufkommt, wo das Geld für die Renten überhaupt herkommt, ruft ein Mädchen: „Von Angela Merkel!“ Sie erntet ein paar Lacher, aber eine Mitschülerin weiß es besser: „Aus unseren Beiträgen.“ Dann ertönt sanft das Pausenzeichen.

„Das war echt mal was anderes, davon hatten wir ja keine Ahnung“, sagt ein Junge mit Sidecut-Frisur. „Ja, das ist voll wichtig alles“, pflichtet ein Mädchen ihm bei, dann sind die Jugendlichen schon aus der Tür, Richtung Pausenhof. Im leeren Saal bleiben nur die Erwachsenen zurück. Die Referentin sammelt ihre verstreuten Zettel ein, und der Klassenlehrer schüttelt seinen Schlüsselbund. Herr Baptista ist sehr zufrieden mit der Unterrichtseinheit. Weil sie mehr Handfestes zu den Themen Geld, Job und Vorsorge vermittelt hat als die Fächer Arbeitslehre und Wirtschaft; und weil sie den Schülern gezeigt hat, dass ein früher Ausbildungsstart oft mehr bringt, als weiter zur Schule zu gehen. „Ich bin immer dafür, Profis von außen an die Schule zu holen“, sagt Baptista. „Ich würde das allen Kollegen empfehlen.“

Ein Schulbesuch von Ines Wittig als Video auf: www.kurzlink.de/rentenblicker

 

Die Jugendinitiative „Rentenblicker“

Mit der bundesweiten Initiative „Rentenblicker“ gibt die Deutsche Rentenversicherung jungen Menschen die Möglichkeit, die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung kennenzulernen, etwa den Schutz bei Erwerbsminderung, die Waisenrente oder die Rehabilitation. Auch die zusätzliche private Vorsorge wird behandelt. Seit 2007 bietet Rentenblicker Schulbesuche, Unterrichtsmaterialien und Infos auf der Website: www.rentenblicker.de

FOTOS: DOMINIK ASBACH