Gelassen erziehen

 

 

Eine kindgerechte Erziehung besteht aus einem ständigen Abwägen zwischen Fürsorge, Grenzensetzen und Loslassen. Hierbei das richtige Maß zu finden ist eine hohe Kunst, ganz besonders in der heutigen Zeit. In der Erziehung gelassen zu bleiben, das Kind möglichst selbstbestimmt aufwachsen zu lassen, ist für viele Eltern aus verschiedenen Gründen heute offenbar schwierig geworden.

Eltern in allen sozialen Schichten werden von Existenzängsten geplagt und sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder. Die Kinder sollen es mindestens so gut, wenn nicht noch besser als sie selbst haben. Kommt hinzu, dass viele Eltern hohe Erwartungen an ihre „Wunschkinder“ haben. Sie wollen sich im Kind verwirklichen. Das Kind wird zu einem Projekt. Es soll von klein auf gefördert werden, um es für den Konkurrenzkampf in Gesellschaft und Wirtschaft möglichst fit zu machen. So ist in unserer Leistungsgesellschaft eine riesige Förderindustrie entstanden, die Kinder, Eltern und Lehrer einem enormen Stress aussetzt.

Mehr Zeit, mehr Geborgenheit

Wie kann man da als Eltern dennoch gelassen bleiben? Indem man akzeptiert, dass kein Kind über sein Begabungspotenzial hinaus gefördert werden kann. Ein Kind, das man überfüttert, wird nicht grösser, nur dick. Genauso wird ein Kind, das man über sein Begabungspotenzial hinaus „fördern“ will, nicht klüger, sondern in seinem Neugierverhalten und seiner Lernmotivation beeinträchtigt, weil es überfordert den Anforderungen von Eltern und Lehrern nicht genügen kann.

Wir können als Eltern und Bezugspersonen wie Lehrer das Kind nicht wie einen Klumpen Lehm formen, aber wir können ganz wesentlich zu seiner Entwicklung bei tragen, indem wir dafür sorgen, dass sich das Kind immer geborgen fühlt und die Zuwendung erhält, die es verlangt. Es fühlt sich dann geborgen und angenommen, wenn wir verfügbar und verlässlich sind, seine individuellen Bedürfnisse zufriedenstellend befriedigen und auf sein individuelles Verhalten angemessen reagieren. Die Zeit, die wir dafür aufwenden, ist das kostbarste Gut, das wir den Kindern geben können. Wenn wir dies gewährleisten, dürfen wir darauf vertrauen: Das Kind will sich entwickeln, seine Fähigkeiten entfalten und sich Fertigkeiten und Wissen aneignen. Dafür müssen wir seine Umgebung so gestalten, dass das Kind selbstbestimmt die entwicklungsspezifischen Erfahrungen machen kann, die es zur Entfaltung seiner Fähigkeiten braucht und dabei – weil selbstbestimmt – ein gutes Selbstwertgefühl und eine gute Selbstwirksamkeit entwickeln kann: Ich fühle mich gut, ich kann in dieser Welt bestehen.

Remo Largo, 75, war früher Kinderarzt. Durch seinen Bestseller „Babyjahre“ gilt er seit 25 Jahren als wichtiger Elternratgeber. Seine Gesellschaftskritik „Das passende Leben“ erschien 2017 bei Fischer. Zuletzt veröffentlichte er „Kinderjahre“ (Piper, 2019).

LLUSTRATION: JENS BONNKE; FOTO: ERWIN AUF DER MAUR