In einer Kinderreha geht es ums Kind und dessen Probleme, von Asthma bis Übergewicht. Selbst wenn Eltern ihre Sprösslinge begleiten dürfen: Im Fokus steht das Kind.
In einer Kinderreha geht es ums Kind und dessen Probleme, von Asthma bis Übergewicht. Selbst wenn Eltern ihre Sprösslinge begleiten dürfen: Im Fokus steht das Kind.



Kur oder Reha? Das große Missverständnis

 

 

Der Anspruch:

Die Ausgangsfrage ist: Wer braucht Hilfe – das Kind oder die Eltern? Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen oder psychischen Problemen können eine Rehabilitation in Reha-Einrichtungen machen. Das ist angezeigt, wenn dadurch Symptome gelindert, Spätfolgen vermieden und die Leistungsfähigkeit für Schule und Ausbildung gesteigert werden können. Zu den häufigsten Gründen für eine Kinder- oder Jugendreha zählen Asthma bronchiale, starkes Übergewicht, Hautkrankheiten und psychische Störungen wie ADHS.

Sind dagegen Eltern vom Familienalltag gestresst und erschöpft, greift die MutterKind-Kur und immer häufiger auch die Vater-Kind-Kur. Sie soll verhindern, dass das Elternteil ernsthaft krank wird. In der Kur lernt es, wie es besser umgehen kann mit Stress und schweren Situationen, etwa einer Trennung, psychischen Belastungen oder Problemen in der Versorgung chronisch kranker oder pflegebedürftiger Kinder.

Der Ablauf:

Eine Mutter/Vater-Kind-Kur dauert meist drei Wochen, eine Kinderreha vier, wenn nötig auch länger. Bei einer Kinderreha erstellt der Arzt der Rehaklinik zuerst einen Therapieplan, der auf die Probleme des Kindes abgestimmt ist. Auf dem Plan stehen medizinische, psychologische, pädagogische, physiotherapeutische oder schulorientierte Behandlungen. Arztpersonal, Kinderpfleger, Psychologinnen, Physiotherapeuten oder Diätberaterinnen betreuen das Kind, die Anwendungen finden in einer Gruppe mit Gleichgesinnten statt, je nach Alter und Diagnose. Die Kinder sollen gemeinsam lernen, wie sie besser mit ihrer Krankheit umgehen und ihr Selbstwertgefühl stärken können. Bis zum Alter von zwölf Jahren können sie außerdem eine Begleitperson mitnehmen, die ebenfalls im Umgang mit der Erkrankung geschult wird.

Eine Mutter/Vater-Kind-Kur verläuft ähnlich: Auch hier wird ein individueller Plan erstellt – aber für die Mutter oder den Vater, nicht für das Kind. Die Kur umfasst Entspannungs- und Bewegungsübungen, therapeutische Gespräche und Beratung zu Kindererziehung, Ernährung und Gesundheit. Wer bereits krank ist, wird medizinisch behandelt und betreut. Das kann auch ohne Kind erfolgen. Kinder bis zwölf können mitkommen, in vielen Fällen sollen sie das auch, etwa dann, wenn die Mutter oder der Vater mit der Erziehung und Pflege überfordert ist.

Der Antrag:

Ob Mutter/Vater-Kind-Kur oder Kinderreha – der erste Schritt führt meist zum Arzt. Kinderärzte sind Ansprechpartner für Eltern, die eine Kinderreha beantragen wollen. Sie besprechen, worum es geht, die Ärzte schreiben einen Befundbericht, der an die Deutsche Rentenversicherung oder die Krankenkasse geht. Darin nennen sie die Diagnose und die Probleme im Alltag, die die Erkrankung des Kindes mit sich bringt. Den eigentlichen Antrag stellen die Versicherten selbst.

Den Antrag für die Vater/Mutter-Kind-Kur füllt die Hausarztpraxis der Mutter oder des Vaters aus. Zuständig sind allein die gesetzlichen Krankenkassen.

Die Kosten:

Die Deutsche Rentenversicherung und die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bei einer Kinderrehabilitation alle Kosten für Reise, Unterkunft, Verpflegung, ärztliche Betreuung, therapeutische und medizinische Anwendungen. Zuzahlungen? Keine. Auf Antrag bezahlt die Rentenversicherung auch die An- und Abreise, die Unterkunft und Verpflegung der Begleitperson. Diese kann sogar einen Verdienstausfall erstattet bekommen oder die Kosten für eine Haushaltshilfe.

Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Mutter/Vater-Kind-Kur. Kostenlos ist das für Versicherte aber nicht: Eltern müssen in der Regel zehn Euro pro Tag zuzahlen, bei einer dreiwöchigen Kur also 210 Euro. Auch an den Fahrtkosten müssen sie sich beteiligen. Außerdem können zusätzliche Kosten für bestimmte Klinikleistungen anfallen.

 

Der Experte

„Die Frage ist: Wem soll geholfen werden?“

Alwin Baumann (67) ist Sprecher des Bündnisses Kinder- und Jugendreha und Träger
des Bundesverdienstkreuzes.

Warum denken viele bei „Kinderreha“ an eine Mutter-Kind-Kur?
Die Abgrenzung war lange nicht klar genug. Viele Ärzte und Familien kannten die Kuren, wussten aber nichts über Kinderreha und haben deswegen keine beantragt. Das ist heutzutage schon ganz anders.

Was ist heute anders?
Die Trennschärfe ist jetzt besser. Das Gesetz hat dazu geführt, dass Kinder bis zwölf Jahre eine Begleitperson zur Reha mitnehmen dürfen. Seitdem steigt die Zahl der Anträge. Immer mehr Kinder kommen zur Reha, die vorher in der Kur gelandet wären.

Warum ist das wichtig?
Entscheidend ist: Soll dem Kind geholfen werden, oder den Eltern? Ist Mutter oder Vater fix und fertig, braucht es eine Kur. Aber wenn das Kind chronisch krank ist, dann sollte es eine Kinderreha machen.

 

FOTOS: GETTY IMAGES (2), BKJR / DIETMAR GUST