Gruppentherapie ist für Suchtkranke ein wichtiger Anker in der Reha.
Gruppentherapie ist für Suchtkranke ein wichtiger Anker in der Reha.



Trockenschwimmer


Der Mariacron kam irgendwann in der Mitte des Lebens hinzu. Weinbrand, 36 Umdrehungen, 8 Euro 79 bei Edeka. Früher hatte sie nur Bier getrunken, zwei am Tag, abends. Tagsüber trank sie erst, als die Kolleginnen in der Zigarettenfabrik den Mariacron rausholten. Die Pausen rochen nach Camel und schmeckten nach Brandy. Sabine Falk, die im echten Leben anders heißt, hatte eine schwere Zeit hinter sich – und der Alkohol schien zu helfen. Die Fachverkäuferin hatte im Lebensmittelladen ihres Mannes gearbeitet, bis das Geschäft pleiteging. Also ging Falk in der Fabrik malochen, und ließ ihre Tochter von ihrer Mutter großziehen. Irgendwie ging es weiter.

Bei Rolf Wagner fing es spät an. 40 Jahre Schreiner, noch alle Finger dran, immer im selben Betrieb. Irgendwann war er der letzte Angestellte. Der Letzte macht das Licht aus. Mit Ende 50 nahm ihn niemand mehr, plötzlich hatte er ganz viel Zeit. Er hörte mit dem Rauchen auf und fing mit dem Trinken an – Bier und Wein, das beruhigte. Arbeit gab es keine, aber es ließ sich aushalten.
 

Moderne Anbauten der Fachklinik Eußerthal im Pfälzerwald.

Flachmänner und Vormittagsbier

Als dieser Text entsteht, lebt keiner der beiden mehr bei seiner Familie. Stattdessen wohnen Falk und Wagner für mehrere Monate in der Fachklinik Eußerthal im Pfälzerwald. Sie haben einen Entzug hinter sich und sind in der Reha. Und obwohl es beiden sehr viel besser geht als zum Zeitpunkt ihrer Einweisung, finden die Gespräche mit ihnen telefonisch statt, aufgrund der Corona-Beschränkungen.

„Das sind schon recht typische Verläufe“, sagt Dr. Thomas Korte, Chefarzt der Klinik, die auf die Rehabilitation Abhängigkeitskranker spezialisiert ist. „Oft leiden Menschen jahrzehntelang an Konflikten, Unzufriedenheit oder Persönlichkeitsstörungen und betäuben ihren Stress mit Alkohol.“ Dabei mache die Sucht vor keinem Halt, auch vor Jüngeren nicht. Rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig, aber nur zehn Prozent von ihnen finden den Weg in das Hilfsnetz, in dem Falk und Wagner aufgefangen wurden.
 

- 1,6 Millionen Menschen in Deutschland gelten als alkoholabhängig, fast drei Prozent der Erwachsenen. -


Am Ende ging es nicht mehr gut bei Sabine Falk. Schon vor rund zehn Jahren war sie über eine Suchtberatung in ihre erste Therapie gekommen. Damals hatte sie beruflich eine ältere Dame gepflegt, zusätzlich zu Hause ihre demente Mutter. „Wenn ich sicher war, dass Mutter schläft, habe ich eine Flasche Rosé aufgemacht“, erinnert sie sich. Auch vormittags trank sie nun schon Bier. Der Zusammenbruch kam, als die Mutter schließlich starb. „Ich hatte nur noch Streit und Angst und Alkohol“, erzählt die heute 55-Jährige aus ihrem alten Leben. Sie brauchte eine Therapie.
 

»Wenn ich die Menge nicht mehr kontrollieren kann, bin ich abhängig.«

Dr. Thomas Korte, Chefarzt der Fachklinik Eußerthal
 

Bei Rolf Wagner war der Absturz schneller gekommen. Anfangs merkte er es noch selbst: „Mensch Wagner, was machste da, hör auf“, sagte er sich in seinem breiten Pfälzisch. Doch die Pausen vom Trinken wurden immer kürzer, als der Druck vom Jobcenter wuchs. Irgendwann merkte Wagner: „Jetzt hängste in der Luft …“ Dann kamen die Flachmänner dazu, Wodka, manchmal schon am Mittag. Trotzdem brauchte es erst zwei schwere Stürze und einen Schulterbruch, bis der damals 64-Jährige den Wendepunkt erreichte. „Papa, du machst dich kaputt“, mahnte einer seiner Söhne. Und das rettete Wagner vielleicht das Leben.

„Meistens kommt so ein Hinweis von außen“, weiß Chefarzt Korte. Denn dass sie längst abhängig geworden sind, merken die meisten Menschen nicht selbst – oder viel zu spät. „Wenn ich wider besseres Wissen weitertrinke, trotz körperlicher Schäden, wenn ich es nicht mehr stoppen kann oder die Menge nicht kontrollieren kann – dann bin ich abhängig“, so definiert der Arzt, was Sucht vom normalen Konsum unterscheidet. Sich das einzugestehen, sei ein schwerer Schritt. „Man fühlt sich als Versager“, weiß Korte. Seinen Rehabilitanden sage er daher: „Sie haben nicht versagt, denn sie haben sich nicht aufgegeben: Daher sind Sie hier.“
 

Rückkehr zu sich selbst

Für Menschen mit starker Abhängigkeit ist die stationäre Reha in einer Klinik wie in Eußerthal die beste Lösung, auch wenn es um Drogen oder Medikamente geht. Hier gelingt die hundertprozentige Abstinenz leichter als in der ebenfalls möglichen ambulanten Reha. Das hat Gründe: „Mein Wochenplan hier ist wirklich voll“, sagt Sabine Falk: Hier bestimmen Dinge wie Psychotherapie, Rückenschule, Hirnleistungstraining, Einzeltraining, Entspannungsübungen, Gärtnern und Kreativtherapie ihren Tag. „Ich war lange nicht so glücklich wie hier“, schwärmt Falk. Besonders in der Gruppentherapie lernen Falk und Wagner enorm viel von anderen. „Wir sind hier wie eine große WG“, sagt Wagner, „ich wusste gar nicht, dass es so was Tolles gibt.“
 

In der Tischlerei der Klinik gewöhnen sich Rehabilitanden an Arbeitszeiten und Teamwork.

Nachsorge ist notwendig

Die Reha in Eußerthal ist ganzheitlich, sie betrachtet Körper und Seele, Familie, Arbeit und Freunde. Das ganze Leben, in dem die Abstinenten sich später wieder zurechtfinden müssen, inklusive Angeboten wie Bewerbertraining und Ernährungsschulung. Tatsächlich beurteilen bundesweit 78 Prozent der stationär rehabilitierten Abhängigkeitskranken ihre Reha als erfolgreich. „Vor vier Monaten war ich noch ganz unten“, sagt Sabine Falk, „heute bin ich innerlich froh und zufrieden.“ Das trifft auch für Rolf Wagner zu, der sagt: „Mein Kopf ist jetzt frei.“
 

-28.701 Rehaleistungen für Alkoholabhängige übernahm die Rentenversicherung 2019. -


Natürlich ist eine Reha kein Allheilmittel. „Das Heimkommen aus dieser wohligen Käseglocke ist eine ganz verletzliche Zeit“, warnt Dr. Korte. Denn trotz Reha haben sich Chef oder Familie nicht verändert. Falk fürchtet schon den nächsten Geburtstag: „So ein Gläschen Sekt, das geht dann nicht, sonst käme ich wieder auf den Geschmack.“ Wer Trockenschwimmen gelernt hat, kann immer noch der Verlockung des Wassers erliegen. Auch Rolf Wagner gibt zu: „Manchmal hätte ich schon noch Lust auf ein kühles Bier…“ Aber durch die Reha erkennt er nun die Fallen. „Kontrolliertes Trinken“, sagt sein Arzt, „das mag bei manchen funktionieren – aber ich habe noch von keinem gehört, dem das glückte.“

Falk und Wagner werden aufpassen. Beide haben sich für eine Nachsorge bei ihrer Suchtberatung entschieden. Und sie haben Pläne. Wagner will in Rente gehen. Falk will wieder arbeiten, 20 Stunden die Woche, vielleicht im sozialen Bereich. „Da bin ich flexibel“, sagt sie, „ich habe immer gearbeitet, und jetzt habe ich neue Kraft dazu.“
 

...Reha gegen die Sucht

Wenn Abhängigkeitskranke eine medizinische Reha machen, steht meist die Rentenversicherung dahinter. Sie übernahm 2019 fast 29.000 Leistungen für Alkohol-, knapp 14.000 für Drogen- und mehr als 500 für Medikamentenabhängige. Diese Rehabilitationen laufen länger als andere Rehas. Ihr Wirkungsgrad ist hoch: Knapp drei Viertel der Rehabilitanden sind im Anschluss beruflich tätig. Davon profitieren nicht nur die Erkrankten. Arbeitgeber, Sozialsystem und Gesellschaft erhalten für jeden Euro, der in Teilhabeleistungen wie Rehabilitationen angelegt wird, um die drei Euro zurück – nicht nur bei Suchtkrankheiten. Das zeigte 2017 eine länderübergreifende Kosten-NutzenStudie der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit. Anlaufstellen sind Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, betriebliche Suchtbeauftragte oder OnlineInitiativen. Einen Antrag auf Rehabilitation (Formular G0100) kann man bei der Rentenversicherung stellen, auch online. In der Regel ist ein ärztlicher Befundbericht notwendig, bei Abhängigkeitskrankheiten auch ein Sozialbericht.

 

Beratungsstellen bundesweit auf der Website: t1p.de/suchtberatungen
Online-Selbsthilfe auf der Website: www.selbsthilfealkohol.de

Die Broschüre ist online verfügbar auf der Website: t1p.de/drv-suchtreha