Generation Divers

 


Zu einer coolen Generation zu gehören, war schon immer eines meiner Ziele. Leider wurde daraus nichts. Für Flower-Power war ich zu jung, für die Generation Golf zu alt. Wir fuhren Käfer. Zur Generation Tschernobyl wollte ich nicht gehören, aber als 89er fühle ich mich auch nicht, weil Brandts Kniefall mich politisch heftiger erwischt hat als Kohls Mauerfall. Wenn überhaupt, dann bin ich Generation Schön – Helmut Schön, Weltmeistertrainer des Jahres 1974. An diese Kindheit erinnere ich mich nur in schwarz-weißen Bildern. Generation Agfa vielleicht.

„Ihr seid Generation Greta“, sagte ich neulich mit Soziologenblick zu unserem Zehntklässler. Der schüttelte sich. Mit Greta Thunberg ist es ein bisschen wie mit Helene Fischer: Mag ein Mensch auch ein paar Millionen Fans haben, so gehören doch sehr viel mehr Millionen nicht dazu. Die „Fridays for Future“-Frontfigur, finden meine Söhne, sei ein Boomer-Geschöpf – perfekt angepasst an die Erwartungen Erwachsener, die ihr schlechtes Klimagewissen vom Nachwuchs abgearbeitet sehen wollen. „Babyboomer“ bezeichnet übrigens meine Generation, die geburtenstarken Jahrgänge. Sie zeichnet sich nach Ansicht der Nachkommenden vor allem durch digitale Ahnungslosigkeit aus. Und unsere Kinder? Sind die nun politischer, bewusster, karriereorientierter als wir? Höchste Zeit für eine kleine, unrepräsentative Umfrage.
 

Nicht nur Klimakämpfer

Der Nachbarssohn, der soeben ein Einserabitur abgelegt hatte, belächelt mich mild, als ich ihn frage, ob er denn nun Jura oder BWL studiere. Boomer-Denken. In einem Schulprojekt hatte er eine App programmiert, mit der sich Jugendliche gegen Mobbing wehren können. Toll, dachte ich, jetzt noch ein paar Investoren ranholen, die App an Google verkaufen, und mit Ende 20 Milliardär sein. Der Junge aber will lieber Social Entrepreneur werden: ein Unternehmer, der Gutes tut. In seinem Freundeskreis gilt es als verpönt, für profitorientierte Firmen zu arbeiten.

Weitere Ergebnisse: Da ist der Junge in Therapie, weil er zu viel Cannabis konsumierte. Da ist die Tochter, die nicht mehr „Marie“ gerufen werden will, sondern „Marc“, weil sie sich aus der binären Mann/FrauLogik verabschiedet hat. Da ist das Kind vom Land, das fasziniert die Nazi-Trouvaillen in Nachbars Keller bestaunt. Da ist das Mädchen, das rund um die Uhr bei Tiktok unterwegs ist und sich einmal im Monat „neu erfindet“, weil Influencer das so machen.

Ich breche meine Umfrage ab. Nie zuvor hatte eine Generation so viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren, nie war der Nachwuchs schwerer zu kategorisieren. Wenn überhaupt, dann haben wir es mit der Generation D zu tun. D wie divers.
 

Hajo Schumacher, 57, ist Journalist und Buchautor. In „Solange du deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. In seinem neuen Buch „Kein Netz“ sucht er das gute Leben in digitalen Zeiten (Eichborn, 2020). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.