»WIR MÜSSEN UNS ALLE
EINSCHRÄNKEN« sagt Luisa Neubauer.
»WIR MÜSSEN UNS ALLE EINSCHRÄNKEN« sagt Luisa Neubauer.



Interview: Luisa Neubauer über die ältere Generation

Eine deutsche Greta Thunberg?

Luisa Neubauer, 25, nannte sich 2021 auf Twitter „Göre, Soja-Teutonin, climate activist“. Oft wird sie als „deutsche Greta Thunberg“ bezeichnet. Thunberg, heute 18, lernte sie Ende 2018 auf der Weltklimakonferenz kennen.

 

Luisa Neubauer, Sie sind das Gesicht der „Fridays for Future“-Bewegung, die eine ganze Generation politisiert hat. Ist es ein Problem, wenn eine Bewegung so groß wird, dass sich fast niemand mehr traut, nicht mitzulaufen?
Diese Gefahr sehe ich nicht, es wird ja niemand gezwungen, bei uns mitzumachen. Menschen, die Fridays for Future kritisieren wollen, tun das im Übrigen ja auch sehr offen und reichlich.

Sie werfen der älteren Generation vor, ein falsches, rücksichtsloses Leben gelebt zu haben. Schüren Sie damit nicht die Entfremdung zwischen den Generationen? 
Nein, so würde ich den Vorwurf der Jüngeren gegenüber den Älteren nicht formulieren. Generationen vor uns haben im Namen von Fortschritt und Wohlstand auch vieles erreicht, aber uns auch in diese gewaltigen ökologischen Katastrophen hineinkatapultiert. Viele haben heute verstanden, dass die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder auf dem Spiel steht. Ich will die Gesellschaft nicht spalten, im Gegenteil. Es geht um die Versöhnung miteinander und mit der Natur.

Sie sind Mitglied der Grünen und sitzen im Superwahljahr in vielen Talkshows. Wann wechseln Sie in die aktive Politik?     
Ich will mich dort engagieren, wo ich konkret etwas bewegen kann. Das ist auf der Straße, dort werden die Anstöße gegeben.

Sie sagen, die Klimakrise sei eine Krise der Menschheit. Wer kann uns noch retten?                                                                     
Wir uns selbst! Das kann uns niemand abnehmen. Die gute Nachricht: Wir haben alles, was wir brauchen, um die schlimmsten Katastrophen abzuwenden. Die schlechte: Bisher waren Menschen unfassbar gut darin, das zu ignorieren und die Krise weiter voranzutreiben.

Muss Klimaschutz Freiheiten kosten?
Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass künftige Freiheiten vor allem von der Klimakrise bedroht werden. Studien zeigen ebenfalls, dass Ökonomien von der Klimakrise bedroht werden. Um zu verhindern, dass Wirtschafts- und Lebensgrundlagen zunehmend von Extremwettern, Hitze und Stürmen bedroht werden, müssen wir raus aus Kohle, Öl und Gas. Ohne die Abkehr von klimaschädlichen Arten des Wirtschaftens ist das nicht möglich.

Sie und Ihre Mitstreiter fordern eine gesellschaftliche Revolution. Glauben Sie, dass die Mehrheit bereit ist, ihre Privilegien dem Klimaschutz unterzuordnen? 
Die Klimakrise ist eine reale Bedrohung. Sie passiert hier und heute und wird immer schlimmer, wenn wir nichts ändern. Die Wahl, die wir haben, ist nicht zwischen mehr oder weniger Klimaschutz, sondern zwischen Klimaschutz und Klimakrise. Ja, wir werden viel verändern müssen – im besten Falle handeln wir jetzt, damit wir diese Veränderungen noch selbst gestalten können. Wie es aussieht, wenn Krisen ungebremst auf uns einhageln, haben wir in der Corona-Krise alle erfahren.

Wie kann der CO2-Ausstoß wirkungsvoll, aber sozialverträglich begrenzt werden? 
Technologische Lösungen allein, wie etwa Wasserstoff, werden uns nicht retten. Ein Instrument wird die CO2-Steuer sein und es gibt Dutzende Möglichkeiten, mit Umlagen und Rückzahlungen dafür zu sorgen, dass sie die Ärmeren nicht zusätzlich belastet.

Welche Verbote halten Sie für sinnvoll? 
Das muss die Politik entscheiden. Aber natürlich braucht man im Klimaschutz auch Verbote. Wenn man Menschen vor einem Unfall schützen möchte, verbietet man ihnen, bei Rot über die Straße zu laufen. Wenn man Menschen vor der schlimmsten ökologischen Katastrophe der Geschichte bewahren möchte, wird man auch einiges verbieten müssen. Langfristig zum Beispiel das Verbrennen von Kohle, das Verkaufen von Autos mit Verbrennern oder Gaspipelines.

 

...für wen spricht sie?

Luisa Neubauer ist die bekannteste Vertreterin der sogenannten Generation Z. Für die 12- bis 25-Jährigen ist die Optimierung des Lebenslaufs nicht das alleinige Ziel, sie wollen auch die Welt verbessern. Seit Neubauer Anfang 2019 den ersten großen Schulstreik in Berlin mitorganisierte, steht die aus Hamburg stammende Geografie-Studentin für die deutsche „Fridays for Future“-Bewegung. Welchen Anteil der Menschen ihrer Generation sie vertritt, ist jedoch unklar, denn sie steht nirgends zur Wahl. Ihr politisches Kapital sind die protestierenden Schülerinnen und Schüler, die zu Hunderttausenden auf die Straße gingen – bis sie ab März 2020 von der Corona-Pandemie ausgebremst wurden.

Luisa Neubauer bei einer Kundgebung 2020 in Hamburg.

»Viele haben endlich verstanden, dass die Zukunft ihrer Kinder und Enkel auf dem Spiel steht.«

Luisa Neubauer, Sprecherin für Fridays for Future

 

Ich besitze kein Auto und kaufe im Biomarkt ein. Also alles öko, alles gut?
Nein, die Kohlekraftwerke heizen das Klima weiterhin an und die Regierung plant die Verlegung neuer Gaspipelines. Es ist schön, wenn Menschen im Alltag auf ihren Ressourcenverbrauch achten. Aber es gibt kein nachhaltiges Leben in einer nicht-nachhaltigen Welt. Also müssen wir politisch werden und für strukturellen Wandel kämpfen: Energiewende, Agrarwende, Verkehrswende.

In Ihrem Buch begeistern Sie sich für kommunenartige Lebensformen mit Selbstversorgung. Ist das nicht etwas zu lebensfremd?    
Dafür werbe ich aber nicht.

Und wie gehen Sie mit der Verantwortung um, Kindern und Jugendlichen mit Weltuntergangsszenarien Angst zu machen?
Das basiert auf wissenschaftlichen Prognosen. Davor die Augen zu verschließen, nur weil es unbequem ist, finde ich ziemlich verantwortungslos.