In Gaißach entdeckt Maximilian seinen Spaß an Bewegung. Klettern hat er sich für die Zeit nach der Reha zum Ziel gesetzt.
In Gaißach entdeckt Maximilian seinen Spaß an Bewegung. Klettern hat er sich für die Zeit nach der Reha zum Ziel gesetzt.



Klettern statt Klicken

 

Maximilian will hoch hinaus. Behutsam setzt er einen Fuß ins Kletternetz, seine Hände umfassen die Nylonseile, dann drückt er sich nach oben. Vorsichtig, konzentriert. Klettern macht ihm Spaß, das will Maximilian auch nach der Reha machen. In der Fachklinik Gaißach erkundet er die Möglichkeiten, die ihm offenstehen. Möglichkeiten, die er vorher so nicht wahrgenommen hat.

Maximilian ist 13 Jahre alt und ein sympathischer, reflektierter Junge. In der Fachklinik Gaißach am südlichen Rand Bayerns kämpft er gegen sein Übergewicht. 1,62 Meter misst er und bringt 94 Kilo Körpergewicht mit, seine Diagnose lautet Adipositas. Vier Wochen später werden es acht Kilo weniger sein. Die Fachklinik ist spezialisiert auf die Behandlung chronisch erkrankter Kinder. Hierher kommen junge Menschen, bei denen Adipositas, Diabetes, Atemwegserkrankungen oder Ähnliches vorliegen.

Eine Junge sitzt auf einem Sportgerät und fährt Fahrrad.

„Den Klinikbetrieb halten wir trotz Corona Pandemie aufrecht“, sagt Professorin Edda Weimann, Medizinische Direktorin der Fachklinik. Der Aufenthalt ist für die Kinder so wenig wie möglich eingeschränkt. Das ist auch dringend nötig. „Durch Corona können viele Kinder und Jugendliche kaum noch Sport treiben.“ Deshalb habe Adipositas unter dem Lockdown zugenommen: „Die Kinder bewegen sich weniger und verbringen mehr Zeit an Bildschirmen.“ Die Kinder, die nach Gaißach kommen, hängen zu Hause bis zu zehn Stunden an den elektronischen Medien, erfährt die Kinderärztin bei den Aufnahmegesprächen.

 

Eine Frau mit blonden kurzen Haaren trägt einen Arztkittel und blickt freundlich in die Kamera

»Kinder können zur Zeit kaum Sport treiben. Deshalb hat Adipositas zugenommen.«

Prof. Edda Weimann, Medizinische Direktorin der Rehaklinik Gaißach

 

Zu Beginn der Osterferien reist Maximilian aus dem 170 Kilometer entfernten Rain am Lech an. Auch er ist ein Jahr lang hauptsächlich zwischen Kinderzimmer, Küche und Wohnzimmer gependelt, statt sich nach der Schule mit Freunden zu treffen. Wenn Maximilian von seinem Alltag erzählt, zeigt sich die Spirale, in der sich Kinder mit Adipositas bewegen. Er ist schnell aus der Puste, an Fußball spielen mit Freunden ist nicht zu denken und er fühlt sich bisweilen gemobbt. Maximilians gesamte Familie ist stark übergewichtig und fasst den Plan, das Thema gemeinsam anzugehen. Bei der Suche nach einer geeigneten Rehaklinik stoßen Maximilian und seine Eltern auf die Fachklinik Gaißach. „Die gefiel uns wegen der guten Bewertungen und weil sie so schön liegt“, sagt Maximilian. Er ist der Erste aus der Familie, der eine Reha in Anspruch nimmt. Im Sommer wird sein Vater nachziehen.
 

31 % der Schüler nahmen im zweiten Lockdown zu. Als Grund gaben die Eltern an: Bewegungsmangel.

QUELLE: IFO-ZENTRUM FÜR BILDUNGSÖKONOMIK, 2021

 

Heimweh und Freundschaft

Mit dem Besuch der Fachklinik erschließt sich Maximilian eine neue Welt. Aber zuerst sind da die Hygienebedingungen, die es einzuhalten gilt. Alle Neuankömmlinge werden durchgängig getestet, die Kinder tragen Masken, und die ersten beiden Wochen verbringen sie in einer festen Kleingruppe von 15 Kindern, die nach Ablauf der Quarantänezeit auf 20 oder 22 Kinder aufgestockt wird. „Die Kinder treffen sich nur innerhalb ihrer Gruppen, um Infektionsrisiken durch Treffen mit anderen Gruppen auszuschließen“, erzählt Weimann. „Für die Kinder ist es angenehm, weil die Gruppen kleiner sind. Für uns ist es mehr Aufwand, denn statt eine Aktivität einmal anzubieten, führen wir sie jetzt drei- bis viermal durch.“ Die Kapazität der Zimmer, der Essensausgabe oder der Gruppenräume und natürlich der Fachkräfte ist limitiert. Zurzeit werden 30 Prozent weniger Patienten aufgenommen.
 

Statt zu sitzen, will Maximilian täglich 20.000 Schritte zurücklegen.

Die größte Hürde für Maximilian ist das Heimweh. „Fünf Tage lang hatte ich jeden Abend Heimweh und wollte abbrechen. Aber wenn man hier ist, sollte man es durchziehen. Mir haben die anderen Kinder geholfen und der Gedanke, dass ich stolz sein kann, wenn ich wieder zu Hause bin.“ Motiviert hat ihn auch, dass er innerhalb einer Woche merklich abnahm. Jeden Tag Sport und kleinere Portionen zeigten Wirkung. Maximilian hat Freude an den Ballspielen, den langen Wanderungen, dem Fitnessraum. Und er saugt auf, was er in der Ernährungsberatung, dem Einkaufstraining oder in der Lehrküche lernt. Sein Handy nutzt er kaum. „Es macht mehr Spaß, mit den anderen zu spielen und draußen zu sein. Es hilft ungemein zu wissen, dass man nicht ausgelacht wird. Das entspannt.“

Maximilian macht sich bereits Gedanken, wie es weitergeht. Er hat ein Büchlein mit Rezepten bekommen, die er kochen will. Denn die kalorienarme Pizza oder die Gemüselasagne schmecken ihm. „Ich werde darauf achten, wie schnell und wie viel ich esse. Das kann man aber nicht alleine schaffen.“ Seine Familie bereitet sich deshalb auf seine Rückkehr vor. Auch sie machen mehr Sport und versuchen, sich gesünder zu ernähren. In einer Disziplin dürfte Maximilian aber schwer zu schlagen sein: Er legt jetzt jeden Tag 20.000 Schritte zurück. Vor der Reha waren es eher 4.000. „Da will ich dranbleiben, denn wenn man 20.000 Schritte am Tag geht, kann man abends stolz auf sich sein.“

INFO: Jugendreha trotz Pandemie

Eine Reha für Kinder und Jugendliche ist auch in Pandemie Zeiten möglich. Von ADHS über Asthma bis hin zu schwerem Übergewicht gibt es viele Erkrankungen, die behandelt werden. Die Rehabilitation dauert meist vier Wochen und folgt einem individuellen Therapieplan und Reha-Zielen. Die Kinder sind in Altersgruppen untergebracht und erhalten vor Ort Unterricht in den Hauptfächern.
 

Alle Informationen zur Kinderreha online unter: kinderreha.drv.info

Informationen des Bundesministeriums für Gesundheit zur Bewegungsförderung bei Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie unter:t1p.de/Kindergesundheit