Das Glück, eine Kugel: Anspannung und Entspannung demonstriert Lehrer Steffen Reder mit der „HobermanSphäre“, einer Kugel, die man auseinander- und zusammenziehen kann.
Das Glück, eine Kugel: Anspannung und Entspannung demonstriert Lehrer Steffen Reder mit der „HobermanSphäre“, einer Kugel, die man auseinander- und zusammenziehen kann.



Schule als Glückssache

 

„Hallo? Hört ihr mich? Meine Kamera geht leider gerade nicht. Aber könnt ihr mich hören?“, fragt Frau Lehmann ihre Klasse. Dann sieht man sie kurz in der Bildkachel oben links im Bildschirm – und gleich wieder nicht. Der ganz normale Wahnsinn von Schule in Corona-Zeiten. Aber dann etwas nicht ganz so Normales. „Zum Start unserer Stunde meine übliche Frage: Wie geht es euch, auf einer Skala von 1 bis 10?“, fragt die Lehrerin. „8“, scheppert es aus einer Bildkachel. „13“, sagt ein Bub. „10“ ein Mädchen. „1“, sagt eine andere Schülerin. „Oh, magst du dazu was sagen?“, fragt Lehmann. „Nein, ich komme schon klar.“ Es kommen noch ein paar 8er-, 9er- und etliche 10er-Wertungen. „Boah, seid ihr gut drauf!“, freut sich die Lehrerin mit dem Wuschelkopf. Sie ist jetzt wieder zu sehen.

Donnerstagnachmittag, 14.15 Uhr: Die siebte Klasse der Anne-Frank-Schule im hessischen Raunheim hat eine Doppelstunde Glücksunterricht. Lehmann fragt keine Vokabeln ab zum Unterrichtsbeginn, sie lässt nicht die binomischen Formeln wiederholen – sie fragt, wie es den Schülern geht. Heute und jedes Mal, denn die Klasse hat seit einem guten halben Jahr Glücksunterricht. Meist digital.

Glück als Schulfach? Gibt es inzwischen an Hunderten deutschen Schulen, seitdem es 2007 von Direktor Ernst Fritz-Schubert in Heidelberg eingeführt wurde. „Es geht uns dabei gar nicht darum, dass Kinder von früh bis spät lächelnd durch das Leben gehen – sondern sie sollen seelisch gesund bleiben oder werden. Wo finde ich Geborgenheit, wie kann ich mich gemäß meinen Stärken entwickeln, wie kann ich mit den Herausforderungen des täglichen Lebens besser umgehen – darum geht es im Schulfach Glück“, sagt Fritz-Schubert. Er leitet inzwischen ein nach ihm benanntes Institut zur Glücksausbildung von Lehrern.

Ein Mann mit grauen Haaren schaut lächelnd in die Kamera.

»Mit Herausforderungen besser umgehen, darum geht es im Schulfach Glück.«

Ernst Fritz-Schubert, Pädagoge

Auf der Seite seines Institutes finden sich etliche wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen des Glücksunterrichts auf Kinder: Mehr Selbstwert, mehr Sinn im Leben sehen, bessere Integration in die Klassengemeinschaft, klarere Ziele, bessere Selbstregulation und damit weniger Konsum von Ersatzbefriedigungen wie Zocken oder Chips, das sind die nachgewiesenen Effekte. Aber auch den Lehrern und der Schule tut das Fach gut. Die Schulen verbuchen bessere Lehrer-Schüler-Beziehungen, höhere Berufszufriedenheit im Kollegium, weniger Krankheitstage bei Lehrern und Schülern, Bonuspunkte beim Werben um Schülerinnen auf der Habenseite, wenn sie das Fach einführen.

Neues über sich herausfinden

Steffen Reder ist die Art Lehrer, die man als Schüler gern gehabt hätte – das merkt man selbst durch das Bildschirmfenster, auf dem man ihn heute erlebt. Und das macht nicht nur der fröhlich-freundliche pfälzische Singsang, in dem Reder mit seinen Schülern spricht. Reder unterrichtet Deutsch und Glück an der Berufsbildenden Wirtschaftsschule in Worms – heute trifft er sich mit den Siebtklässlern, zu einer Art Nachbesprechung zwischen den Abschlussprüfungen. „Ich finde Herrn Reder einen super Glückslehrer“, sagt Vicky*: „Mit seinen Aufgaben geht er total auf uns ein – das hat mir richtig geholfen.“ Ihre Freundin Leonie hat sich auch dazu geschaltet, sie sagt: „Im Unterricht haben wir auch gelernt, wie man mit Frust umgeht.“ Ali ergänzt: „Man muss offen mit sich selbst sein, dann findet man neues über sich heraus.“

Wie geht Glück in der Schule konkret? „Schreibt mal eure 20 bis 25 wichtigsten Stärken auf.“ – „Notiert, was euch kurzfristig und was euch längerfristig Zufriedenheit verschafft.“ – „Wie ist euer innerliches Wetter heute von stürmisch bis sonnig“: Solche Fragen stellt Reder den Schülern. „Die Schüler sind selbst die Aufgabe. Ich will ihnen vermitteln, dass man Glück nicht einfach hat, sondern dass man dafür investieren muss und kann. Dann geht man besser durch die Stürme des Lebens“, sagt Reder.

 

Glück in Zeiten Coronas

Andrea Prehofer strahlt oberbayerische Freundlichkeit durchs Internet aus. Die Starnbergerin arbeitet als Coach und Trainerin zwar mit Erwachsenen – aber sie hat selbst zwei Kinder und gibt Glückswerkstätten an Schulen, an denen das Schulfach Glück noch nicht eingeführt ist. „Teenies entwickeln sich sehr an und in der Peergroup, durch Ausprobieren – und das ist in Corona-Zeiten ja extrem ausgefallen. Umso wichtiger ist es, jetzt den Kindern etwas an die Hand zu geben“, sagt Prehofer. Der Leistungsdruck auf Schüler habe sich sowieso schon verstärkt, beobachtet sie. Corona habe zu einem höheren Stressniveau bei den Eltern, mehr Zeit an den digitalen Geräten und viel weniger Leichtigkeit im Leben der Kinder und Jugendlichen geführt. „Wir haben ihnen da ganz schön viel abverlangt“, sagt Prehofer. Das sei ein Grund mehr, Stärken, Dankbarkeit, Achtsamkeit und Freundlichkeit zu schulen. Das sind die Themen ihrer Schulworkshops.
 

Blick ins Teenager-Gehirn

Wer bin ich? Was brauche ich? Was kann ich? Wohin will ich in meinem Leben? Vor allem mit diesen vier Fragen setzt sich Andrea Gietzelt in ihren Weiterbildungen auseinander, denn sie bildet Lehrkräfte im Fach Glück aus und fort. „Glück ist für uns alle gleich wichtig. Aber Jugendliche nehmen es anders wahr als Erwachsene“, sagt Gietzelt. Sie kann aus dem Effeff erklären, wie das ist mit dem Nucleus accumbens im basalen Vorderhirn, dem noch nicht ausgereiften präfrontalen Cortex und der reduzierten Melatonin-Ausschüttung, kurzum: Sie kennt sich mit den Wirkmechanismen im Gehirn von Jugendlichen ziemlich gut aus. Ihr Fazit: Das Erleben von Glück und das Verlangen nach Glücklichsein sind in der Umbruchzeit der Teenie-Jahre intensiver als bei Erwachsenen. Der Glücksunterricht hilft dabei. Und dabei, die Schüler auf die Arbeitswelt der Zukunft vorzubereiten: „Da wir künftig weniger Fabrikarbeiter und mehr Lerner und Problemlöser brauchen, müssen wir das Wohlbefinden junger Menschen viel früher und intensiver fördern“, so Gietzelt.

In der Hessener Anne-Frank-Schule macht Frau Lehmann das heute genauso. „Bitte zeigt mal eure Hausaufgabe“, sagt die Lehrerin.

Es tauchen auf: das Foto von einem Doppelspiegelei, ein Kaffeehausbecher in Großaufnahme, eine Strandpromenade in Marokko. Die Hausaufgabe war: Erstellt oder erinnert Fotos von Momenten, in denen es euch gut ging, an die ihr euch gern erinnert. Und dann schickt die Lehrerin die Kinder in digitale Gruppenräume, wo sie zu dritt darüber sprechen, wie sie sich im Moment der Aufnahme fühlten und wie es ihnen jetzt geht, wenn sie das Bild ansehen.

„So was tut den Kindern extrem gut. Die, die am Anfang des Schuljahres noch sehr schüchtern waren, machen viel häufiger die Kamera an im Unterricht“, erzählt Lehrerin Lehmann danach: „Der Glücksunterricht ist online eher wie Über-Wasser-Bleiben statt wie Schwimmen. Aber wir machen das Beste draus.“

Lehrer Reder aus Worms weiß, dass nicht nur die Schüler von seinem Unterricht profitieren: „Meine Frau erkennt mich nach Ausbildungstagen in Sachen Glück manchmal gar nicht wieder, weil ich so viel über mich selbst lerne. Ich weiß gar nicht, ob ich als Bub für diesen Unterricht so bereit gewesen wäre wie heute.“ Aber man darf ja auch als Lehrer noch dazulernen. Zumindest im Fach Glück.

*Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Schülernamen geändert.

 

Tipps fürs Teenie-Glück

1. Richtig loben heißt nicht nur Ergebnisse loben, sondern auch die Mühe, den Prozess. Das stärkt das Wachstumsdenken.

2. Stärken stärken ist effektiver und macht mehr Spaß als Schwächen abzumildern. Fördern Sie Ihr Kind in dem, was es gut und gern tut. Die Defizite eines Kindes sollten bei der Förderung auf keinen Fall im Vordergrund stehen.

3. Frustrationen zulassen und benennen, um sie mit der Zeit leichter zu überwinden. Eltern tun gut daran, den kindlichen Unmut auszuhalten statt ihn wegdrücken.
 

„Pädagogik muss nicht bitter schmecken!“

5 Fragen an Dr. Ernst Fritz-Schubert, den Erfinder des Schulfaches Glück

Glück als Schulfach – wozu eigentlich?                                                                         Ernst Fritz-Schubert: Glück lässt sich lernen und üben. Die Entwicklung von jungen Menschen wird heute an vielen Stellen gehemmt. Das Schulfach Glück soll ihnen helfen, sich selbst zu erkennen, zu entfalten und aufzublühen. Schule ist in der Regel eher defizitorientiert. Wenn wir den Kindern und Jugendlichen zu mehr Selbstbestimmung und Sinnfindung verhelfen, ihre Selbstakzeptanz stärken können, wäre das eine wichtige Ergänzung. Pädagogik muss nicht bitter schmecken!

Ist Glück für Teenager heute schwieriger zu finden und zu behalten als früher?        Sie stammen ja aus der Generation Golf, wenn ich das richtig einschätze …

Stimmt!

Ich denke, die Kinder und Jugendlichen haben heute viel weniger Raum für Reflexion. Sie haben einerseits zwar mehr Freiraum, gerade durch das Internet mit seinen ganzen Möglichkeiten – und gleichzeitig ist es viel schwieriger, mit dieser Freiheit auch verantwortlich umzugehen. Zumal die Generation der heutigen Teenies noch viel mehr nach Sinn im Leben strebt, die Ansprüche an Wohlbefinden und gutes Leben sind gestiegen.

Hat Covid-19 Jugendliche unglücklicher gemacht?                                                      Einerseits sind wichtige Faktoren des Glücks immer dann schwerer zu erfüllen, wenn es Distanzunterricht und Abstandsregeln gibt. Die Einschränkungen, Freunde nicht treffen zu können – das kann zu depressiven Verstimmungen führen, und das sehen wir ja auch an Zahlen und Statistiken. Andererseits sehe ich darin auch bestimmte Chancen für das langfristige Wohlbefinden. Wie wichtig gute Beziehungen sind, das Leben an sich mehr wertzuschätzen, das Naturerleben, die eigenen Stärken und Kräfte zu erkennen: All das hat in den Lockdowns an Bedeutung gewonnen. Viele Erwachsene haben ganz neue berufliche Entwicklungen durchgemacht, haben neue Interessen entdeckt – das können auch Kinder und Jugendliche.

Sie haben vor rund 15 Jahren Glück in der Schule eingeführt – was haben Sie erreicht? Und was ist Ihre Vision für die nächsten 15 Jahre?                                        Wir haben inzwischen über 1.000 Lehrerinnen und Lehrer fortgebildet, wenn jeder davon nur 100 Schüler im eigenen Berufsleben erreicht – dann hätten wir damit schon für das Wohlbefinden von 100.000 jungen Menschen etwas getan, das ist doch schon was, oder? Gerade seit Corona haben wir enormen Zulauf in der Lehrerschaft, es gibt immer mehr Anfragen zu pädagogischen Fortbildungstagen an Schulen und so weiter. Dass Bildung auch immer Selbstbildung ist, dass Werteorientierung und Selbstregulation zu Schule dazugehören, scheint stärker bei den Schulen angekommen zu sein. Trotz und vielleicht auch durch Corona.

Der Glücksbringer                                                                                                          Ernst Fritz-Schubert ist so etwas wie der Vater des Schulfaches Glück in Deutschland: Denn als Schulleiter der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg setzte er 2007 mit einem Team von Experten das Schulfach Glück erstmals in Deutschland auf den Lehrplan. Inzwischen leitet er ein eigenes Institut zur Aus- und Weiterbildung von Lehrenden, und an über 100 Schulen in Deutschland, Österreich, Südtirol und in der Schweiz können die Schüler inzwischen lernen, glücklicher zu werden. Fritz-Schubert ist auch sportpsychologischer Berater der Jugendförderung des Bundesligavereins 1899 Hoffenheim. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem das „Praxisbuch Schulfach Glück“ (Beltz, 2015).