Tim Wiedenmeier setzt  sich mit einem eigenen Podcast für bessere Bildung ein.
Tim Wiedenmeier setzt sich mit einem eigenen Podcast für bessere Bildung ein.



Sie wollen mitreden

 

Wer von der Generation Z spricht, meint sie: Kinder und junge Erwachsene im Alter zwischen 12 und 24 Jahren, die Arbeitskräfte von morgen. Anders als ihre etwas älteren Vorgänger der Generation Y gelten die Jugendlichen der Generation  Z als deutlich realistischer und problembewusster. Sie knüpfen an die traditionellen Werte ihrer Eltern an, stehen für Haltung und brennen für eine bessere Zukunft. Jetzt, in der Corona-Krise, sehen Experten in ihnen die Hauptverlierer, eingesperrt und ohne Perspektive. „Die junge Generation ist ernster geworden – ernsthafter einerseits, besorgter andererseits“, heißt es in der Sinus-Jugendstudie 2020. Die Studie untersucht alle vier Jahre im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung die Lebenswelten 14- bis 17-jähriger Teenager in Deutschland.

Dabei ist Corona nicht die einzige Sorge der Jugendlichen. Vor der Pandemie interessierten sie sich besonders für die Bedrohung der Erde, für die globale Klimakrise und das gesellschaftliche Zusammenleben. Die Jugendlichen von heute wollen mitreden und mitgestalten. Nicht nur durch „Fridays for Future“, sondern auch im Schützenverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder im Gemeinderat. Jan Hägerling zum Beispiel engagiert sich für schnelleres Internet und mehr Wohnraum auf dem platten Land.

 

Ein junger Mann mit Brille.

»Viele junge Leute wollen gar nicht weg vom Land. Aber die Infrastruktur fehlt eben.«

Jan Hägerling, Landjugend-Vorsitzender

 

Inzwischen ist der 24-jährige Niedersachse sogar Vorsitzender des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL). „Wir jungen Leute müssen uns aktiv einbringen, um den Lebenswert unseres ländlichen Raums zu stärken“, sagt Hägerling.

Zu häufig fühlt die Generation Z sich von der Politik weder gehört noch ernst genommen. Deshalb fordert der 16-jährige Linus Saschek aus Unterfranken, dass Kinder sich ins Wahlregister eintragen lassen können, sobald sie sich für Politik interessieren, ob mit sieben Jahren oder erst mit 16. „Jeder ist mündig“, behauptet er.

Dass Engagement nicht immer hohe Politik bedeuten muss, zeigen Menschen wie Sarah Pedersen. Die 22 Jahre alte Mainzerin brennt für ihren lokalen Sportverein. So hat sie Kindern und Jugendlichen mit OnlineKursen durch den Lockdown geholfen. Womit sie wiederum Tim Wiedenmeier ähnelt, der sich ebenfalls vor Ort für Kinder einsetzt – für seine Mitschüler
 

Tim Wiedenmeier, 15                                                                                                             ...will das politische Interesse bei Jugendlichen wecken.

Mit geradem Rücken sitzt er da und gestikuliert mit den Händen. Er will sich erklären, er will die Schulleiterin überzeugen. Doch Tim hat nicht gegen die Hausordnung verstoßen oder ist auf andere Weise auffällig geworden, um heute im Direktorenzimmer zu landen. An diesem Tag im Januar sitzt er mit einem Kamerateam von SAT.1 am Besprechungstisch der Schulleiterin am Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium. Der 15-Jährige will diskutieren: über Homeschooling, Leihcomputer und Hygienekonzepte – Themen, über die in CoronaZeiten viel gesprochen wird. Der Neuntklässler beschäftigt sich schon seit der fünften Klasse mit Bildungs- und Schulpolitik. Das tut er in seiner Funktion als Schulberater und seit November auch in seinem Politik-Podcast „Klar. Jung. Politisch.“ Er sagt: „Ich möchte etwas gegen das Klischee der politikverdrossenen Jugend tun und die Jugendlichen dazu bringen, sich zu engagieren.“

In seinem Podcast spricht Tim über Politik, soziale Ungleichheit oder typische Jugendprobleme, zweimal pro Woche, kompakt und leicht verständlich, „damit alle es verstehen und sich eine Meinung bilden können“. Beim Aufbereiten der komplexen Inhalte profitiert er von seiner Erfahrung: Seit vier Jahren ist Tim Schulsprecher am Otto-Hahn-Gymnasium. Außerdem ist er Klimaaktivist bei Fridays for Future und stellvertretender Vorsitzender des Stadtschülerrats. Und er ist Mitglied im Jugendparlament und im Schulausschuss Göttingen. Dort vertritt er die Meinung seiner Generation. Dort gestaltet er die Bildungspolitik mit. Er sagt: „Ich engagiere mich, weil ich Teil des Systems bin. Als Schüler kann ich am besten einschätzen, was im Schulsystem gut läuft und was nicht.“ Sein Ziel sei es, seiner Generation Gehör zu verschaffen: „Wir werden als junge Menschen nicht ernst genommen“, sagt er, „dabei können wir die Welt nur gemeinsam besser machen.“
 

Sarah Pedersen, 22                                                                                                               ...will Kindern mit Online-Sportkursen durch die Krise helfen

Die Online-Fitnesskurse von Sarah
Pedersen werden gut angenommen.

Sport verbindet, das weiß Sarah Pedersen aus eigener Erfahrung. Seit ihrer Kindheit ist sie Mitglied im Mombacher Turnverein. Erst turnte sie selbst, dann entdeckte sie ihre große Leidenschaft, das Seilspringen. Heute betreut die Mainzerin als ehrenamtliche Trainerin eine Kinder- und eine Jugendgruppe. Sie sagt: „Kindern und Jugendlichen kann man durch Sport vieles näherbringen, Motorik, aber auch Werte.“ Sport sei eben ein wichtiger Ausgleich im Alltag: „Es macht Kindern und Jugendlichen sehr zu schaffen, dass sie wegen Corona kaum Sport machen können.“ Deshalb startete sie schon während des ersten Lockdowns Online-Fitnesskurse. Seitdem ist die Studentin zweimal pro Woche mit ihrem Kardio- und Kraft-Workout im Internet zu sehen, ein Kurs für Kinder, einer für Jugendliche. Kostenlos und für alle, nicht nur Vereinsmitglieder. „Wir wollen allen die Möglichkeit geben, Sport zu machen, trotz Corona.“ Das kommt gut an: „Die Kinder und Jugendlichen sind regelrecht aufgeblüht“, sagt Sarah. „Sie erleben durch die Kurse eine feste Tagesstruktur und eine Form der Gemeinschaft.“ Eine Gemeinschaft, die verbindet. Und die ihnen helfen kann, die Corona-Zeiten durchzustehen.
 

Jugendstudie

Mehr Hintergrundinfos: www.t1p.de/sinus-studie
 

DIE EXPERTIN

Jugendforscherin Heide Möller-Slawinski                                                                               ...weiß, was Teenager bewegt.

Heide Möller-Slawinski, Mitautorin der Sinus-Jugendstudie

„Die Jugendlichen von heute sind deutlich ernster und problembewusster als noch vor vier Jahren. Sie machen sich viel mehr Gedanken über das Zusammenleben und die Zukunft. Die Corona-Pandemie hat das verstärkt. Das Problem: Jugendliche fühlen sich politisch nicht ernst genommen. Das verärgert viele, weil sie ein breites Spektrum an gesellschaftlichen Herausforderungen bewegt. Der Klimawandel ist ein ganz wichtiges Thema für sie. Aber es geht auch um Migration oder soziale Gerechtigkeit. Auch postmaterielle Werte wie Diversität oder Nachhaltigkeit sind wichtiger geworden. Dem gegenüber steht die Generationenungerechtigkeit: Jugendliche erleben, dass Minderjährige nichts ausrichten können.“
 

Engagement kann zermürben
„Deswegen engagieren sie sich zunehmend in anderer Form und schließen sich Bewegungen an wie Fridays for Future – weil sie dort aktiv mitmachen können. Für sie sind das Orte, an denen sie gehört werden. Natürlich ist es meist ein zäher und langer Prozess, bis ein solches Engagement wirklich etwas bewegt. Das kann auf Dauer zermürbend sein. Manche Jugendliche sind irgendwann genervt, traurig oder desillusioniert. Manche, die mit viel Feuereifer dabei sind, haben dann vielleicht nicht den langen Atem. Aber man sollte nicht gleich unterstellen, dass sie nicht durchhalten. Dafür brennen sie zu sehr für ihre Themen.“

Die Sinus-Jugendstudie gratis online bei der Bundeszentrale für Politische Bildung: www.bpb.de/311857

 

Linus Saschek, 16                                                                                                                ...will, dass Kinder wählen können.

Kinder sind in Deutschland Bürger zweiter Klasse, findet Linus Saschek. Denn er und alle anderen unter 18 Jahren dürfen bei der Bundestagswahl nicht mitbestimmen. „Wir werden in unserer Demokratie überhaupt nicht einbezogen“, sagt Linus. „Das ist eine große Ungerechtigkeit.“ Der 16 Jahre alte Schüler aus Aschaffenburg will das ändern – mit einem Wahlrecht ab der Geburt. Kinder sollen wählen können, sobald sie sich dazu mündig fühlen, denn nur durch Wählen könnten Jugendliche ihre Zukunft aktiv gestalten, ist er überzeugt.

Linus Saschek ist seit der 3. Klasse in der Initiative „Wir wollen wählen“ aktiv.

Seit der dritten Klasse engagiert sich Linus in der Initiative „Wir wollen wählen“. 2014 reichte die Gruppe Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein – abgelehnt. Dabei, sagt er, würde sich so viel ändern, wenn Kinder und Jugendliche wählen könnten. Aber daraus werde in den nächsten Jahren wohl leider nichts. „Kinder haben keine Lobby“, sagt Linus. „Wir haben niemanden, der sich in der Politik für uns interessiert.“ Dabei sei das Alter bei einer Wahl gar nicht entscheidend. „Es schadet einer Demokratie auf gar keinen Fall, wenn Kinder unter 18 Jahren wählen gehen können“, sagt Linus. Im Gegenteil: Mehr Stimmen seien immer wichtig in einer Demokratie. „Eine Demokratie ist doch nichts, wovor man Kinder und Jugendliche schützen muss wie beim Autofahren.“

Ein Junge mit Brille schaut ernst in die Kamera

»Es schadet auf keinen Fall, wenn Kinder unter 18 Jahren wählen dürfen.«

 Linus Saschek, Schüler

 

Nicht nur ein Grönemeyer Song: Kinder wie Linus
Saschek wollen mitbestimmen.

Was Teenager bewegt:

1. Klimawandel
2. Krieg und Frieden                                                                                             
3. Gleichberechtigung
4. Naturschutz
5. Migration
6. Armut
7. Urheberrecht
8. Meinungsfreiheit
9. Rassismus
10. Fake News

QUELLE: SINUS-STUDIE, 2020

 

Jan Hägerling, 24                                                                                                                    ...will das Landleben für junge Leute attraktiver machen.

Jan Hägerling steht der Deutschen Landjugend vor. Er setzt sich für Digitalisierung und bezahlbaren Wohnraum ein.

Man muss kein Bauer sein, um auf dem Land zu leben. Jan Hägerling weiß das, doch er kennt die Vorurteile. Der 24-Jährige lebt in Ahnsbeck, einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen. Hier kennt jeder jeden. „Es ist eine tolle Gemeinschaft“, sagt Jan, „das schätze ich so am Landleben.“ Andere schreckt das ab, sie ziehen weg. Landflucht ist eines der Probleme, für die Jan nach Lösungen sucht. Seit seiner Kindheit ist er im Dorfund Vereinsgeschehen aktiv. Er ist Mitglied im Schützenverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Gemeinderat.

Mit 16 Jahren kam er zur Landjugend Niedersachsen, letztes Jahr wurde er zum Bundesvorsitzenden des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL) gewählt – der größte Jugendverband im ländlichen Raum. Jan will „Brücken schlagen zwischen Stadt und Land“. Er sieht sich als Stimme für die Jugendlichen und will mit Abgeordneten im Bundestag sprechen – nicht nur über die Sorgen und Nöte der Jugendlichen, sondern auch über die positiven Dinge, die sie auf dem Land erleben. Sein Ziel: den ländlichen Raum attraktiver und das Dorfleben für junge Menschen lebenswert machen. „Doch dafür brauchen wir entsprechende Rahmenbedingungen“, sagt Jan. Das heißt vor allem: Digitalisierung. Das mobile Netz sei in vielen Orten nur schlecht ausgebaut. „Damit wollen wir endlich vorankommen.“ Besonders wichtig ist ihm auch das Thema Wohnraumförderung. „Viele junge Leute wollen gar nicht weg vom Land“, sagt er. „Aber sie sind dazu gezwungen, weil die Infrastruktur fehlt.“ Kleine Ein- oder Zweizimmerwohnungen seien kaum zu finden. Dabei stünden viele Fachwerkhäuser oder Kornspeicher leer, die zu Wohnraum umgebaut werden könnten. Damit, glaubt Jan, könnte man nicht nur alte Gebäude bewahren, sondern auch junge Menschen im ländlichen Raum halten. Ein Gewinn für alle Generationen: „Denn am Ende bringen sich junge Leute auch im Dorf und in der Feuerwehr oder der Landjugend ein“, sagt Jan.

Lokale Stärke: Kinder einer Jugendfeuerwehr üben einen Löschangriff.

 

Zana Ramadani, 37                                                                                                                 ...will keine sinnlosen Diskussionen mehr führen.

Eine rothaarige Frau steht mit verschränktem Armen vor einem weißen Hintergrund

Ex-Aktivistin: „Nicht in der eigenen Blase versauern“

Sie kämpfte gegen Frauenunterdrückung und Magerwahn, protestierte oben ohne vor der Islamkonferenz in Berlin und auf einer Fernsehbühne vor Heidi Klum, heute berät sie den österreichischen Kanzler: Zana Ramadani, 37, Mitbegründerin des deutschen Ablegers der Aktivistinnengruppe Femen. „Die Gleichwertigkeit der Geschlechter beschäftigt mich schon mein Leben lang“, sagt sie. „Ich will zumindest versuchen, etwas zu verändern.“ Ramadani weiß, worauf es ankommt, wenn man als Aktivistin etwas erreichen will – und dazu, sagt sie, müsse sich jeder erst mal selbst freimachen von Vorurteilen. „Ich kann nicht gegen Rassismus oder Unterdrückung kämpfen, aber selbst mit Vorurteilen an die Sache herangehen“, sagt sie. „Wer keinen Hass oder Rassismus will, der darf selbst keinen Hass verbreiten gegen die Menschen, gegen die er protestiert. Damit erreicht man nichts Gutes.“ Der Erfolg einer Bewegung hänge demnach stark vom eigenen Handeln der Aktivisten ab. Und vom kritischen Hinterfragen der eigenen Sichtweisen. „Wir sehen meist nur, dass Mädchen unterdrückt werden“, sagt Ramadani, „dabei leiden Jungs genauso.“ Deshalb lautet ihr Rat: Wer politisch aktiv ist, sollte sich nicht nur in einer Blase bewegen. „Das ist der größte Fehler, den man machen kann“, sagt sie. „So kann es kein großes Wir geben, sondern nur ein Ich: Ich Opfer, Ihr Täter. Aber nur gemeinsam können wir etwas erreichen.“