Dem alten Leben auf der Spur

 

Das Virus hatte ihre Lebensgeister genommen: „Mein Mann musste mich über Wochen pflegen“, erzählt Corinna Mörchen. „Ich konnte nicht sprechen. Mir fehlten wahlweise die Worte oder die Luft.“ Im November 2020 hatte sich die 57 Jahre alte Dozentin für interkulturelles Training bei einer Kollegin angesteckt. Ein halbes Jahr später kam sie im Reha-Zentrum Todtmoos im Schwarzwald an.
Fälle wie den Mörchens gibt es zu Tausenden. So zeigte eine Auswertung der Barmer, dass allein bei der zweitgrößten deutschen Krankenkasse zwischen November 2020 und März 2021 mehr als 2.900 Versicherte vom Post-Covid-Syndrom betroffen sind. Frauen leiden etwas häufiger darunter als Männer. „Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Monaten eine deutliche Steigerung sehen werden“, beschrieb Dr. Susanne Weinbrenner, Abteilungsleiterin im Bereich Prävention, Rehabilitation und Sozialmedizin der Deutschen Rentenversicherung Bund die Aussichten.

 

Ein junger Mann mit einer Brille lächelt freundlich in die Kamera vor einem weißem Hintergrund.

»Der Austausch unter den Betroffenen ist ein erster Befreiungsschritt.«

Dr. Gerhard Sütfels, Ärztlicher Direktor

 

Zum Start ihrer Reha empfand sich Corinna Mörchen dennoch als Zumutung für andere. „Diese übertrieben kritische Selbsteinschätzung ist nicht ungewöhnlich“, hat Dr.  Gerhard Sütfels beobachtet. Er ist Ärztlicher Direktor in Todtmoos und Mitinitiator einer neuen Form „dualer Reha“: Sie verbindet Elemente der Pneumologie und der Psychosomatik. Die Patientinnen kommen mit Beschwerden wie Erschöpfung, Gedächtnisschwierigkeiten, Gliederschmerzen oder Luftnot in die Klinik. Corinna Mörchen ist seit der Erkrankung nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Schlimm und völlig unerwartet traf sie, dass sie nicht mehr lesen konnte.

Corinna Mörchen (mit Brille) bei ihrer Post-Covid-Reha. Die Atemschule half ihr, endlich wieder lesen zu können (rechts).

Doppelbilder und Luftnot

Erst weil die Augen nicht mitmachten, dann klappte es nicht mit der Konzentration. Sie litt unter Gliederschmerzen, hatte kein Raumgefühl und Luftnot trotz intakter Lunge. „Ich war lange unsicher angesichts der Menge an Symptomen“, gibt sie zu. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Krankheit allein eine so große Anzahl an Symptomen mit sich bringen kann.“ Aber in der Reha sei das nicht bewertet, sondern jeder Einzelne ernst genommen worden. „Der Austausch unter den Betroffenen ist ein erster Befreiungsschritt“, betont Dr. Sütfels. Nach Todtmoos kommen meist Menschen, deren Lungenfunktion nicht eingeschränkt ist. Dennoch atmen sie schwer, zu flach, zu schnell, zu hoch. In der Folge sind sie schnell erschöpft. „Die Atemschule ist daher das Herzstück der Reha, das viel wirksamer ist, als wir erwartet haben“, erzählt der Arzt. Sie könne eine positive Kettenreaktion in Gang setzen, so dass Rehabilitanden ihre Belastbarkeit zurückgewönnen.

„Wie lange Post-Covid andauert, lässt sich derzeit nicht präzise sagen. Wir müssen von einer längeren, mehrmonatigen Genesungsphase ausgehen. Aber nichts tun, ist keine Option“, weiß Sütfels. Auch nicht für Corinna Mörchen. Mittlerweile schafft sie wieder sechs Seiten in einem Roman und legt über 100 Höhenmeter zurück. Erste Schritte zurück in Alltag und Beruf – auch wenn diese noch in ungewisser Ferne liegen.

 

Rehabilitation bei „Post-Covid“

Eine Infektion mit dem Corona-Virus kann zu schweren Spätfolgen führen. Mediziner sprechen dann in der Regel vom „PostCovid-Syndrom“. Ist dadurch die Erwerbsfähigkeit gefährdet oder aktuell schon gemindert, haben Versicherte Anspruch auf Reha-Leistungen der Deutschen Rentenversicherung.

Reha-Antrag online:t1p.de/Reha-Antrag-DRV

Die Rentenversicherung informiert im Internet unter: t1p.de/reha-post-covid