Chance zum Neuanfang

 

Laut kreischend frisst sich das Sägeblatt durch das zentimeterdicke Brett. Waldemar Bokk führt das Fichtenholz mit geübten Blick schnurgerade durch die Kreissäge der Tischlerei Wilkens. Es ist ein alltäglicher Handgriff, der dem 41 Jahre alten Gesellen dennoch viel bedeutet: Noch vor einem Jahr schien es ihm undenkbar, jemals wieder an der Werkbank zu stehen. Nach seiner Ausbildung hatte Bokk zwölf Jahre in der Tischlerei in Marne an der Westküste Schleswig-Holsteins gearbeitet. Ein Dutzend Jahre, in denen er Fenster und Türen erneuerte, Treppen oder Möbel baute, Parkett verlegte oder Dachausbauten machte. Bis eines Tages vor drei Jahren eine Serie von Unglücken über den Handwerker hereinbrach. Zuerst stürzte Bokk so unglücklich auf einer Baustelle, dass sein Ellenbogen zersplitterte. Kaum konnte er wieder arbeiten, folgte der erste, vergangenes Jahr dann der zweite Bandscheibenvorfall. Beide Male fuhr es ihm während der Arbeit in den Rücken. Jetzt bereitete ihm jede noch so kleine Bewegung große Schmerzen. „Und das selbst im Liegen oder Stehen“, erinnert sich Bokk, „da habe ich gedacht, es geht nicht mehr, und auch keine Perspektive mehr für mich gesehen in diesem Job.“ Trotzdem kann er heute wieder fit und gut gelaunt im Lager zwischen all den Stapeln von Holzbrettern und Bohlen in allen Breiten und Längen stehen: „Kleine Reparaturen und leichte Auftragsarbeiten kann ich noch übernehmen, auch wenn alles andere nicht mehr drin ist“, sagt er. „Aber ich bin überglücklich, dass ich überhaupt wieder arbeiten kann.“
 

» Eine Wiedereingliederung ist auch ein wirtschaftlicher Kraftakt. Gut, dass es da viel Unterstützung gibt. «

Harro Wilkens, Tischlereibesitzer


Seine Rückkehr in den Beruf verdankt Bokk nicht nur guten Ärzten und seinem Chef Harro Wilkens, sondern auch einer sozialrechtlichen Regelung zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement, kurz BEM. Ihr zufolge sind Arbeitgeber seit 2004 dazu verpflichtet, langfristig erkrankte Arbeitnehmer so zu unterstützen, dass sie möglichst frühzeitig gesund ins Erwerbsleben zurückkehren können. Das gelingt nicht immer am alten Arbeitsplatz, oft aber im gleichen Unternehmen.
„Gerade in kleineren Betrieben läuft BEM relativ unkompliziert, weil es dort oft familiärer zugeht und mehr miteinander gesprochen wird“, weiß Fachmann Uwe Narkus, der auch den Fall von Waldemar Bokk betreut hat. Als Betriebslotse begleitet Narkus kleine und mittelständische Betriebe im südlichen Schleswig-Holstein auf dem Weg der Wiedereingliederung. Er ist Teil eines Modellprojekts.

Alle für einen, einer für alle

Ein guter Draht zu Chef und Kollegen wird auch für Bokk zum Schlüssel für die Rückkehr in den Betrieb. Die Tischlerei, in dem er vor 18 Jahren als Praktikant begonnen hatte, ist klein. Harro Wilkens beschäftigt vier Gesellen, eine Aushilfe und einen Lehrling. Die Auftragsbücher sind voll. Jede Hand wird gebraucht und jeder unterstützt im Notfall seine Kollegen. „Wir sind immer miteinander im Gespräch und kennen uns auch ein bisschen privat“, sagt Wilkens. Jeden Morgen zu Dienstbeginn treffen sich alle Mitarbeiter zur Auftragsbesprechung in der geräumigen Werkstatt, bevor jeder von ihnen zu seiner Baustelle aufbricht. Immer freitags spendiert der Chef eine Arbeitspause mit Kaffee und Kuchen. Er möchte erfahren, was seine Gesellen beruflich wie privat bewegt. Benötigt jemand Hilfe, kümmert er sich.
Nach Bokks erstem Bandscheibenvorfall wursteln sich alle Kollegen noch irgendwie miteinander durch. Zunächst erledigt der altgediente Geselle nur die leichteren Aufgaben, aber selbst die sind in seinem Handwerk anstrengend. „Heutzutage ist jedes Fenster, jede Terrassen- und Balkontür dreifach verglast: Was wir da täglich für Gewichte bewegen!“, betont Harro Wilkens. Dass sich der Großteil ihrer Baustellen in Altbauten oder in verwinkelten Gebäuden befindet, kommt erschwerend hinzu. Da helfen weder Hebebühnen noch Kräne, weiß der Tischlermeister: „Da muss man schleppen.“

Der Chef gibt ihn nicht verloren

Als die dauerhafte Belastung Bokk Anfang letzten Jahres zum zweiten Mal niederstreckt, stabilisieren die Ärzte seine geschädigten Wirbelkörper mit Keilen. In seinen alten Beruf, ermahnen sie ihn, könne er dennoch nicht wieder zurück. Bokk ist jetzt 40, steht in der Mitte des Lebens. Ihn beschleichen Zweifel. Doch sein Chef gibt ihn nicht verloren. Einerseits möchte er seinem Gesellen persönlich helfen, andererseits will er ihn auch nicht für den Betrieb verlieren. Also erkundigt er sich bei der Kreishandwerkerschaft, welche Möglichkeiten es gibt. Dort vermittelt man ihn an Uwe Narkus.
Der erfahrene Betriebslotse kennt solche Anrufe nur zu gut. „Wir bieten zwar regelmäßige Informationsveranstaltungen“, sagt er. Trotzdem wisse das Gros der Gewerbetreibenden bis heute nicht, dass es Betriebliches Eingliederungsmanagement überhaupt gibt und welche Fördermöglichkeiten damit verbunden sind: „Die Unternehmen melden sich erst, wenn Not am Mann ist.“ Und so wird auch Waldemar Bokk ein Fall für ihn.

Als der Rehabilitand Mitte April vergangenen Jahres nach Marne zurückkehrt, nimmt Narkus für ihn Kontakt zur Deutschen Rentenversicherung auf. Dort beantragt er „Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben“, eine der Säulen von BEM. Die Leistungen zielen darauf ab, den Beschäftigten und den Betrieb dabei zu unterstützen, einen Arbeitsplatz einzurichten, der dem Zustand der Rückkehrer entspricht. Da die Ärzte Bokk dringend abraten, künftig mehr als fünf Kilogramm Gewicht zu bewegen, sind klassische Tischlerarbeiten für ihn tabu. Stattdessen schlägt ihm Harro Wilkens vor, gemeinsam mit ihm die Auftragsvorbereitung zu übernehmen. Bokk willigt ein.
Während einer vierwöchigen Wiedereinliederungsphase arbeitet er sich in die neue Aufgabe ein – erst drei, dann vier und am Ende volle acht Stunden lang. Noch hat er kein eigenes Büro, keinen eigenen Arbeitsplatz und keinen eigenen Computer, sondern teilt sich alles mit dem Chef. Dazu wechseln die beiden sich bei der Auftragsannahme ab, besprechen, wer zu welchem Kunden fährt, um Maß für Fenster, Türen, Bodenbeläge, Treppen oder Innenausbauten zu nehmen.
Statt an der Werkbank zu stehen und zu sä­gen, berechnet und erstellt Waldemar Bokk nun Pläne und Angebote an Zeichenblock und Laptop. Aus seiner langjährigen Be­rufspraxis heraus weiß er genau, worauf er vor Ort achten muss. Viele Kunden kennen und schätzen ihn seit Jahren. Das stiftet Selbstvertrauen.

Kraftakt der Umschulung

Einfach ist es trotzdem nicht. Dem einge­fleischten Handwerker fällt es schwer, sich in Computerprogramme wie Word und Excel und die tischlereispezifische Software einzu­arbeiten. Doch er beißt sich durch. Über 400 Stunden drückt er dafür die Schulbank. Die Fortbildung finanziert die Deutsche Ren­tenversicherung ebenso wie einen auf neun Monate befristeten Lohnkostenzuschuss von 50 Prozent.
„Man darf nicht vergessen, dass die Ein­gliederung für uns ein wirtschaftlicher Kraft­akt ist“, gibt Harro Wilkens zu bedenken. Er muss expandieren und mehr Aufträge anneh­men, um das zusätzliche Gehalt für seinen nicht mehr voll einsatzfähigen Gesellen zu erwirtschaften. Dessen alte Stelle hat Wilkens schnellstmöglich neu besetzt. „Insofern ist es eine gute Sache, dass es hier Unterstützungs­möglichkeiten gibt, auch wenn es etwas Zeit braucht, bis sie anlaufen“, findet der Tischler­meister. Ein halbes Jahr nach Abgabe des Antrages bekam er die Bewilligung.

Software statt Säge: Waldemar Bokk hat die Werkzeuge des Tischlers gegen Computer, Stift und Lineal getauscht.

Für sein Engagement wurde Harro Wil­kens im Mai dieses Jahres mit dem BEM­-Preis des Sozialministeriums Schleswig-Holstein geehrt. Der Preis ist, wie das Mo­dellprojekt der Betriebslotsen auch, eine Besonderheit des Bundeslandes. Die Siegesprämie von 10.000 Euro ist an die Weiter­entwicklung des BEM gebunden. In Wilkens Tischlerei fließt das Geld auch in die leidens­gerechte Einrichtung des neuen Arbeits­platzes.
Für Wilkens und Bokk hat BEM die lange Krankheitsgeschichte zum Positiven gewen­det. Heute hat der Geselle keine Schmerzen mehr. Seine neue Aufgabe füllt ihn aus. Nur die Arbeit mit dem Holz fehle ihm: „Aber ich habe wieder einen anspruchsvollen Job. Mir gefallen die Gespräche mit den Kunden, das Fachsimpeln und das gemeinsame Suchen nach Lösungen.“

Vom Müllmann zum Kundenberater

So machen große Firmen wie die Berliner Stadtreinigung Mitarbeiter wieder fit für den Job


„Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich die Arbeit auf dem Fuhrhof aufgeben soll“, erzählt Jürgen Mehnert, der im echten Leben anders heißt. Der Müllwerker ist Anfang 50, als er Anfang letzten Jahres vor der Wahl steht, seine Gesundheit zu riskieren oder sich beruflich neu zu orientieren. 26 Jahre war er jeden Tag rausgefahren, mit dem Müllwagen der Berliner Stadtreinigung (BSR). Dann reißen ihm eines Tages bei der Arbeit drei Sehnen in der Schulter. Die Ärzte flicken sie wieder zusammen – und warnen ihn, der Arm könne lahm werden.

Das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) der BSR sucht schon vor der Operation Kontakt zu Mehnert, um ihm Alternativen anzubieten. Der zögert. Als Müllwerker verdient er mehr, außerdem kann er mit 60 in Altersteilzeit gehen. Doch das Risiko ist zu groß. Heute sucht Mehnert als Kundenberater Orte auf, die seinen Kollegen die Müllabfuhr erschweren, weil Durchgänge zu eng, verwinkelt oder verstellt sind. „Ich suche mit Hausverwaltungen nach Lösungen.“ Er hat im Rahmen der Betrieblichen Eingliederung einen Weg gefunden, seine bisherige Tätigkeit in eine neue einzubinden.  

Die Altersteilzeit ist nun passé, doch sein altes Gehalt bezieht er weiter. Das garantiert ihm die tariflich festgeschriebene Entgeltsicherung. Fälle wie dieser zeigen, dass nicht überall umfangreiche BEM-Verfahren benötigt werden. „Aber dort, wo der große Werkzeugkasten gebraucht wird, sind wir da“, sagt Frank Batsch, der seit acht Jahren das BEM der BSR koordiniert. Mit ihren rund 5.500 Mitarbeitern ist die BSR Deutschlands größter kommunaler Entsorger. Sechs Mitarbeiter kümmern sich um die Wiedereingliederung arbeitsunfähiger Mitarbeiter. Sie schreiben Betroffene an, sobald diese einen B-Fachberaterinnen und -Fachberater der Deutschen EM-Anspruch erlangen. Stimmen sie dem Verfahren zu, klären Fallmanager den Rest. Bei Bedarf werden die Reha-Rentenversicherung eingebunden. Diese beraten im Einzelfall zu Leistungen der medizinischen und beruflichen Rehabilitation.

Die Angebote der BSR gehen weiter als gesetzlich vorgesehen. So bietet die BSR auch dann Unterstützung, wenn Kollegen Lebenspartner oder Kinder verlieren, unter Sucht- oder anderen Problemen leiden. In vielen Großunternehmen beobachtet Batsch „die Sehnsucht nach einem möglichst wissenschaftlich fundierten, perfekten BEM-Verfahren.“ Dabei werde manchmal das Wichtigste vergessen – „den Einzelnen gesund und mit Freude in die Arbeit zurück-zuführen.“ Diesmal sei das aber bestens gelungen, findet Jürgen Mehnert: „Ich blühe richtig auf!“
 

So kehren Kranke ins Arbeitsleben zurück

Seit dem 1. Mai 2004 sind alle Arbeitgeber in Deutschland verpflichtet, arbeitsunfähigen Beschäftigten die Rückkehr ins Arbeitsleben über ein Betrieb­liches Eingliederungs­management (BEM) zu ermöglichen. Dieses Angebot richtet sich an Beschäftigte, die in den zurückliegenden zwölf Monaten länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig waren. Mittels BEM sollen notwendige Leistungen zur Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit des Einzelnen möglichst frühzeitig erkannt und eingeleitet werden. Die Deutsche Rentenversicherung berät Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie finanziert bei Bedarf Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben beziehungsweise Leistungen zur medizinischen Rehabilitation.

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