Die Vorsorger

 

Sie strampeln für ihre Gesundheit, acht Menschen in Sportkleidung. Sie sitzen auf Ergometer-Rädern und sind verkabelt. 30 Minuten dauert die Aufwärmphase, los geht’s. Zwischen den Rädern läuft Robert umher, der Trainer. Er schaut auf die Monitore und kontrolliert eingehend die Herzfrequenz der Teilnehmer. Alles in Ordnung? Ist der Puls zu hoch? Die Anstrengung zu groß? Oder geht da noch was?
Sechs Frauen, zwei Männer, ein Ziel: Sie alle wollen sich bewegen, sich besser ernähren, sie wollen fitter werden, etwas für die Gesundheit tun – bevor es zu spät ist. Deshalb sind sie hergekommen, hierher, ins Rehazentrum Westend in Berlin-Charlottenburg.
Das Rehazentrum führt das Präventionsprogramm im Auftrag der Rentenversicherung durch. Das Konzept ist ganzheitlich; es umfasst Tipps für eine gesunde Ernährung, Sport und Entspannungsübungen genauso wie Methoden zur Stressbewältigung. Das Programm ist für Berufstätige kostenlos, die Rentenversicherung übernimmt die Kosten – vorausgesetzt man hat in den letzten zwei Jahren vor Antragstellung mindestens sechs Monate Pflichtbeiträge eingezahlt und erfolgreich eine Kostenübernahme beantragt.

» Von einer Prävention profitieren beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. «

Frédérique Chaudière, Reha-Beraterin bei der Deutschen Rentenversicherung

Das Rehazentrum Westend ist eine von mehr als 200 Einrichtungen, die bundesweit das Präventionsangebot der Rentenversicherung anbieten. Es setzt früher ein als eine Rehabilitation. „Prävention heißt, Krankheiten vorzubeugen, um gesund zu leben und zu arbeiten“, sagt Frédérique Chaudière, Reha-Beraterin bei der Deutschen Rentenversicherung. Die Programme sollen helfen, gesundheitliche Risiken früh zu erkennen und darauf zu reagieren. Das können wiederkehrende Schmerzen sein, erste Beeinträchtigungen der inneren Organe, des Bewegungsapparates, Gewichtsprobleme, psychische Belastungen und mehr. „Von einer Prävention profitieren beide Seiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer“, sagt Chaudière.
Doch viele Versicherte wissen gar nichts von den Präventionsleistungen der Rentenversicherung oder sie erfahren zu spät davon.

 

Sie hätte es gern eher gewusst

Name: Catharina Link
Alter: 40
Ihr Weg: Sie verwaltete Unterkünfte für wohnungslose Menschen. Dann überforderte sie die Flüchtlingswelle. Sie half so viel, dass sie selbst krank wurde. Heute würde sie Prävention machen.

Die Flüchtlingshelferin Catharina Link ist eine von denen, die zu spät davon hörten. Eigentlich ist die 40-Jährige körperlich fit und sehr belastbar. Dachte sie. Doch vor zweieinhalb Jahren stieß sie an ihre Grenzen. Es war das Jahr 2015, der Beginn der Flüchtlingskrise in Europa. Seit Februar 2015 arbeitete Link im Sozialmanagement bei „fördern und wohnen“, einer öffentlichen Einrichtung, die obdach- und wohnungslose Menschen unterbringt, auch Flüchtlinge fallen seit einigen Jahren immer öfter darunter. Erst arbeitete Link in einer Erstaufnahmestelle im Norden Hamburgs. Sie beriet die Menschen, die zu ihr kamen, vermittelte sie an Ärzte, schickte sie zu Ämtern. „Das war ein relativ ruhiger Standort“, sagt Link, „das fühlte sich noch nicht nach Krise an.“
Die Krise kam sechs Monate später. Täglich kamen Hunderte Flüchtlinge in Hamburg an. Mit der Zahl der Flüchtlinge stieg der Stresspegel für Catharina Link. „Keiner hatte mit diesen Massen gerechnet“, sagt sie. „Die Containerdörfer und festen Wohnunterkünfte reichten bald nicht mehr aus.“ Im September wurde sie an einen neu geschaffenen Standort versetzt, die Zeltstadt am Ohlstedter Platz. 40 Zelte standen hier, sie boten Platz für 400 Menschen. Mindestens einmal die Woche, oft erst gegen 20 Uhr kamen neue Busse mit Menschen an. Link koordinierte als Projektleiterin die Belegung, sie entschied, wer in welches Zelt kam, griff bei Streitigkeiten durch. „Die Menschen waren frustriert“, sagt Link, „es gab keine Privatsphäre in den Zelten.“
Link war permanent im Einsatz, arbeitete zehn bis zwölf Stunden am Tag. Wenn sie nicht in der Zeltstadt war, klingelte ihr Diensthandy, auch am Wochenende, auch nachts. Nach einem halben Jahr häuften sich die Erkältungen und der Frust. „Jeden Abend drei Stunden lang Belegung zu machen und sich mit jedem einmal gestritten zu haben, das hat auch psychisch was mit mir gemacht“, bemerkt Link. Sie wurde nervös, weinte oft. Nach Feierabend setzte sie sich auf den Teppich, rauchte eine Zigarette und sprach sich bei ihrem Partner aus, wie anstrengend der Tag war. Ein kurzer Moment, der für Link zum Alltagsritual wurde. Außerdem ging sie einmal im Monat zur Supervision mit einem Coach, ein Angebot ihres Unternehmens zur Reflexion der eigenen Arbeit. „Das hat mir sehr gut getan“, sagt Link. Die Präventionsangebote der Rentenversicherung kannte Link damals nicht. „Ich hatte keine Zeit, nach solchen Möglichkeiten zu suchen“, erklärt sie. „Hätte ich es gewusst und hätte ich Zeit gehabt, dann hätte ich das Angebot bestimmt in Anspruch genommen.“

 

Er hat sein Leben verändert

Name: Reinhard Kunze
Alter: 57
Sein Weg: Jeden Tag Rückenschmerzen nach zu viel Schreibtisch­arbeit – trotzdem konnte er sich lange nicht auf­raffen, Sport zu machen.  Erst das Präventions­programm wies ihm den Weg. Heute ist er fit.

Der Kommunikationsberater Reinhard Kunze, 57, hat so ein Angebot schon angenommen. Kunze ist als Berater und Publizist oft unterwegs. Er hat zwei Wohnsitze, pendelt zwischen Hamburg und Berlin, wo seine Frau lebt. An sich weiß er, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit ist. „Aber ich konnte mich oft nicht motivieren“, sagt er. Vor ein paar Jahren wurde er an der Bandscheibe operiert, seitdem hat er oft Rückenschmerzen. „Ich sitze den ganzen Tag vor dem Computer oder in Besprechungen und spätestens am Feierabend tut mir der Rücken weh.“
Kunze wollte etwas dagegen tun, er wollte sich bewegen. Er suchte im Internet nach Angeboten in Berlin und landete auf der Seite der Rentenversicherung. Er las sich die Präventionsleistungen durch. Das Rehazentrum Westend interessierte ihn besonders, es war nicht weit entfernt von seiner Wohnung und schien zu dem zu passen, was er suchte: Bewegung und nachhaltige Strategien für eine gesunde Lebensweise. Kunze rief im Rehazentrum an, ließ sich beraten, ging zu seiner Hausärztin, füllte mit ihr den Antrag für die Rentenversicherung aus und erhielt eine Bewilligung.

» Die Gruppe ist eine unheimlich starke Motivation. Ich habe mich immer auf das Training gefreut. «

Reinhard Kunze, Kommunikationsberater

Das Programm startete im Dezember 2017 mit einer dreitägigen Initialphase. Die acht Teilnehmer kamen zusammen, es gab Vorträge zu Gesundheit, Ernährung und Stressbewältigung. „Ich fand es besonders gut, dass wir immer gemeinsam gegessen und gekocht haben“, sagt Kunze, „so ist eine Gemeinschaft entstanden.“ In den folgenden Monaten absolvierte die Gruppe 24 Kurs einheiten à eineinhalb Stunden. Sie trainierten auf dem Ergometer, machten Wirbelsäulengymnastik, Kraftsport, Übungen für Herz, Kreislauf, Atmung und Muskulatur. Schon nach dem dritten Termin merkte Kunze, dass sich sein Rücken besser anfühlte. „Ich wurde immer motivierter, nach Feierabend noch Sport zu machen.“ Das lag auch an den anderen. „Die Gruppe ist eine unheimlich starke Motivation“, sagt Kunze.

 

Er ernährt sich jetzt gesünder

Name: Mario Reimann
Alter: 53
Sein Weg: Seinen letzten Job hatte er aufgrund von Stress gekündigt. Im neuen Büro hat er bei ersten Anzeichen von Überlastung gegengesteuert – mit einem Präventionskurs.

Fachbereichsleiter Mario Reimann, erhofft sich genau das: mehr Motivation durch Gleichgesinnte. Der 53-Jährige weiß nur zu gut, was es bedeutet, wenn die Gesundheit unter hohen Arbeitsbelastungen leidet. Früher arbeitete er als Personalleiter in einer Spedition. „Eine unglaublich stressige Zeit“, erinnert er sich. So stressig, dass Reimanns Körper mit Unwohlsein, Magenbeschwerden, Erbrechen und Gereiztheit reagierte. „Ich war nicht mehr ich selbst“, sagt er. Die Symptome wurden schlimmer und Reimann wurde klar: So geht es nicht weiter. Er kündigte und wurde arbeitslos. Erst ein Jahr später bekam er eine neue Aufgabe als Fachbereichsleiter in einer Berliner Bildungseinrichtung. Acht Jahre später hat Reimann gelernt, auf die Alarmsignale seines Körpers zu achten. „Stress lässt sich nicht immer vermeiden“, erklärt er, „aber ich erkenne die Symptome jetzt früher.“ Wenn die Aufgaben sich auf seinem Schreibtisch stapeln, fährt Reimann morgens mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Er fragt sich: „Schaffe ich das überhaupt?“ Wenn er merkt, dass es zu viel wird, berät er im Team, wer was übernehmen kann. „Das habe ich durch meine schlechte Erfahrung gelernt“, sagt er.

» Stress lässt sich nicht immer ver­meiden, aber ich erkenne die Symptome jetzt früher. «

Mario Reimann, Teilnehmer im Präventionsprogramm

Trotzdem ist er manchmal da, der Stress. Wenn die Kennzahlen nicht stimmen oder er die Umsatzziele nicht erreicht hat. Und dann ist da noch der Personalmangel. An stressigen Tagen sitzt Reimann bis zu zehn Stunden am Schreibtisch. Sport? Entspannung? Keine Zeit. „Dabei möchte ich eigentlich fitter werden“, bemerkt er.
Im vergangenen Jahr erfuhr Reimann dann auf einer Messe der Rentenversicherung vom Präventionsprogramm im Rehazentrum Westend. Erst schlenderte er achtlos am Stand vorbei, später hörte er sich  alles an. Inzwischen hat er mit dem Programm begonnen. Und er hat klare Ziele: die Ernährung umstellen, mehr Bewegung, zehn Kilo abnehmen. Um seine Ziele zu erreichen, hofft Reimann auch auf die Motivation durch die Gruppe – für Reimann ein klares Argument für das Präventionsprogramm: „Es fällt mir viel leichter, Sport zu machen, wenn ich mit Leuten zusammen bin, die ähnliche Ziele erreichen wollen.“

 

„Mitarbeiter sollten sich schützen“

Frédérique Chaudière, Reha­-Beraterin beim Firmenservice der Deutschen Rentenversicherung

Frau Chaudière, was macht eigentlich eine Reha-Beraterin?
Ich gehe in die Firmen, halte Vorträ­ge, rede mit Arbeitgebern, Arbeit­nehmervertretungen, Betriebsärzten und Versicherten. Ich berate sie zu den Leistungsangeboten der Renten­versicherung wie Prävention, me­dizinische Rehabilitation, Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und betriebliches Eingliederungs­management. Ich biete Informations­veranstaltungen an und beteilige mich an Netzwerken und Messen. Mein Ziel ist, Alternativen zu einer oftmals vermeidbaren Erwerbsminderungsrente aufzuzeigen.

Was sind die Hauptprobleme, mit denen sich Unternehmen an Sie wenden?
Viele Mitarbeiter haben orthopädi­sche Beschwerden, immer öfter hö­ren wir aber auch von psychischen Beeinträchtigungen, die eine große Rolle spielen. Die Menschen sind überfordert, werden krank, irgendwann können sie nicht mehr arbeiten. Jedes Jahr scheiden viele Beschäftig­te aus gesundheitlichen Gründen vor­übergehend oder dauerhaft aus dem Erwerbsleben aus.

Woran liegt das?
Wir müssen länger in einer komple­xeren Arbeitswelt fit bleiben. Vom Ar­beitnehmer wird heute erwartet, dass er flexibel ist, er muss sich anpassen, vielfältige Aufgaben übernehmen und ständig neue Kenntnisse erwerben. Das macht die eigene Arbeit komple­xer, schwieriger. Und es gibt eine Ver­dichtung von Arbeit und Zeit: Der Ar­beitnehmer von heute muss in kürze­rer Zeit mehr leisten. Das führt zu Stress, Überforderung, Selbstüberlastung – und schlimmstenfalls dazu, dass der Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten kann.

Was raten Sie Arbeitgebern und ihren Mitarbeitern?
Kommunikation und Vertrauen. Arbeit geber sollten ihren Mitarbeitern mehr Aufmerksamkeit schenken und nicht einfach nur davon ausgehen, dass es läuft. Was passiert in meinem Team? Mit welchen Beschwerden sind meine Mitarbeiter konfrontiert? Das sind Dinge, auf die Arbeitgeber achten sollten. Und sie sollten Kon­takt suchen zu den Behörden und Ins­tituten, die Präventionsleistungen und Unterstützung anbieten. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter: Wo Präventi­onsleistungen angeboten werden, sollte man sie wahrnehmen – im Al­leingang oder über den Arbeitgeber, lange bevor eine Rehamaßnahme notwendig wird. Mitarbeiter sollten alle Möglichkeiten nutzen, um sich zu schützen. Dazu gehören Präventions­leistungen genauso wie Weiterbil­dungsmaßnahmen. Was kann ich tun, um mich gesund zu halten? Oder: Was kann ich tun, wenn ich doch ein­mal krank werde? Welche anderen Fähigkeiten, Qualifikationen habe ich noch? Man sollte offen bleiben und sich nicht selber einschränken auf „das mach’ ich jetzt ein Leben lang“.

 

Info: Prävention: So werden sie aktiv

Krankheiten vorzubeugen, um gesund zu leben und zu arbeiten – das ist die Grundidee des Präventionsprogramms der Deutschen Rentenversicherung. Das bundesweite Programm setzt früher ein als eine Rehabilitation. Es hilft, gesundheitliche Risiken und Probleme frühzeitig zu erkennen und aktiv darauf zu reagieren – damit Krankheiten oder Gesundheitsschäden gar nicht erst entstehen. Die Leistungen umfassen Tipps für gesunde Ernährung, Sport und Entspannungsübungen genauso wie Methoden zur Stressbewältigung. Wer angestellt ist und erste gesundheitliche Beschwerden bemerkt, kann die Leistungen beim Betriebs-, Werks- oder Hausarzt beantragen. Daraufhin kann die Rentenversicherung die Kosten übernehmen, vorausgesetzt, man hat in den zwei Jahren zuvor mindestens sechs Monate Pflichtbeiträge eingezahlt. Alle Infos und Broschüren zum Thema Prävention im Internet: praevention.drv.info