Dr. Ed & Dr. Google

 

Wenn es um die Gesund­heit geht, vertrauen immer mehr Menschen auf „Dr. Goo­gle“. Laut einer Studie der Bertelsmann­-Stiftung infor­miert sich mehr als die Hälfte der deutschen Internet­-Nutzer min­destens einmal im Jahr im Web über Erkrankungen und Behandlungen. Eine wichtige Erkenntnis: Es gilt, klar zu unter­scheiden zwischen medizinisch fundierten Portalen wie www.gesundheitsinformation.de, denen von Krankenkassen oder Spezialisten­seiten und den Info­-Seiten, hinter denen kommerzielle Motive stecken.

Kerngeschäft Erektionsprobleme

Ein heißes Eisen sind Online­-Ärztepraxen wie Teleclinic, Kry oder Europas größter Anbieter Dr. Ed, die das Arztgespräch ins Internet holen. Sie bieten Diagnose und Rezept, ohne dass der Arzt den Patienten persönlich kennengelernt hat. Denn dieser persönliche Kontakt ist nach der ärztlichen Berufsordnung in Deutschland notwendig.
Kurz nach dem Start von Dr. Ed riet die Stiftung Warentest 2012 noch von den Be­handlungen übers Internet „dringend ab“. Das Risiko einer Falschbehandlung sei im­mens. Ungeachtet der Warnung hatte die Online-­Praxis 2017 alleine 200.000 neue Kundenkontakte aus Deutsch­land. Zum Kerngeschäft gehören Erektionsprobleme und Geschlechts­krankheiten. Viele würden sonst gar nicht zum Arzt gehen, resümierte Portal­-Gründer David Meinertz ge­genüber der „Zeit“. Wem Online­-Ärzte nicht weiterhelfen können, den verweisen sie ins reguläre System – das sei­en immerhin etwa 15 Prozent der Patienten.

Telemedizin im Kommen

Beim Thema Telemedizin hat sich zuletzt viel getan. Die große Skepsis weicht Offenheit. Im Frühjahr 2018 startete die Landesärzte­kammer Baden­-Württemberg ein Pilotpro­jekt, kurz darauf gab auch der Bundesärzte­tag grünes Licht für mehr Telemedizin und folgte damit unter anderem dem Wunsch der Krankenkassen. „Aus unserer Sicht muss das Fernbehandlungsverbot grundlegend modifiziert werden, um mehr Spielräume für Ärzte und Patienten durch digitale Lösungen zu schaffen“, sagt Andreas Storm, Vorstands­chef der DAK­ Gesundheit. „Andere Länder Europas sind im Bereich E­-Health bereits viel weiter als wir. Wenn wir nicht handeln, droht Deutschland den Anschluss zu verlie­ren.“ Tatsächlich rechnen die Macher von Dr. Ed mit der Lockerung des Fernbehand­lungsverbots. Sie denken bereits laut darü­ber nach, ihren Standort von Großbritannien nach Deutschland zu verlagern.
In Baden­-Württemberg können sich der­zeit Patienten bei „docdirekt“ per Video, Te­lefon oder Chat melden und werden dann an erfahrene, niedergelassenen Ärzte vermit­telt. Diese dürfen Diagnosen stellen und be­handeln, ohne dass vorher ein physischer Kontakt zum Patienten notwendig ist. Rezep­te gibt es keine – da steht das Arnzeimittel­gesetz im Weg, wonach hiesige Apotheken Rezepte aus Fernkonsultationen nicht einlö­sen dürfen. Ein aus dem Ausland arbeiten­des Portal interessiert das nicht – genauso wenig wie ihre Patienten. Die Rezepte gehen mit dem Einverständnis der Patienten an Versandapotheken im EU-­Ausland und das Medikament kommt dann per Post.

 

591 Millionen Euro Umsatz erzielte der Markt für elektronische Medizin (E-Health) 2018. Dazu zählen Telemedizin, Desktop-Angebote, Apps und vernetzte Geräte für den Heimgebrauch. Für 2019 wird ein Umsatzwachstum von 29,6 Prozent erwartet.
Quelle: Statista