Das Programm „wir2“ stärkt Alleinerziehende und ihre Kinder.
Das Programm „wir2“ stärkt Alleinerziehende und ihre Kinder.



Ein neuer Anfang

 

Eigentlich lief es ganz gut für Jessica Maack. Die alleinerziehende Mutter half als Freiwillige bei der Freiburger Tafel aus, sie verteilte Lebensmittel an Bedürftige. Bald wurde daraus eine hauptamtliche Tätig­keit, 30 Stunden pro Woche. Der Vater über­nahm die Tochter im Kindergartenalter an jedem zweiten Wochenende. „Auch das war okay“, erinnert sich Maack. Schwierig wurde es, als ihre Chefin erkrankte und die gesamte betriebliche Verantwortung plötzlich auf der alleinerziehenden Mutter lastete. „Ich hatte das Gefühl, alles nicht mehr schaffen zu kön­nen.“ Jessica Maack glitt in die Depression. Das Verhältnis zu ihrer Tochter wurde schlag­artig schlechter, ständig gab es Streit.
Die Situation spitzt sich zu, bis es zu meh­reren Zusammenbrüchen mit Angstzustän­den und Panikattacken kommt. Psychophar­maka helfen nur bedingt, die Alleinerziehen­de ist völlig erschöpft. Ihre Familienhelferin empfiehlt ein neues Angebot der Deutschen Rentenversicherung Bund. Es heißt „wir2“ und ist Teil einer mehrwöchigen psycho­somatischen Rehabilitation in einer Klinik in Süddeutschland. Zielgruppe sind alleinerzie­hende Mütter und Väter mit Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren.

Gestärkt und zuversichtlich

Seit fünf Wochen absolvieren Jessica Maack, 29, und ihre sechsjährige Tochter nun das „wir2“­-Training in der Celenus Klinik Schömberg, mitten im Schwarzwald. Wenn die Mut­ter ihre Geschichte erzählt, glaubt man, sie spreche von einem anderen Menschen als dem, der depressiv in die Klinik kam. Die junge Frau versprüht Optimismus. „Ich fühle mich gestärkt, bin wieder zuversichtlich.“ Das Beste aber sei, dass sie wieder Nähe zu ihrem Kind zulassen könne.
Jessica Maack ist kein Einzelfall. In Deutschland wachsen 20 Prozent aller Kin­der bei nur einem Elternteil auf. Daraus er­geben sich hohe Anforderungen im Alltag. „Alleinerziehende sind häufig schwierigen Lebenslagen ausgesetzt und gesundheitlich überdurchschnittlich belastet“, erläutert As­trid Kreutz, die das „wir2“­-Programm in der Celenus Klinik leitet. „Die Belastungen wirken sich oft auf die Eltern-­Kind­-Beziehung aus, da die Zeit und die finanziellen Mittel fehlen, um das Kind angemessen zu umsorgen.“
 

» Alleinerziehende sind häufig schwierigen Lebenslagen ausgesetzt. «

Astrid Kreutz, Projektleitung Psychosomatische Fachklinik Schömberg


In Schömberg werden schwerpunktmäßig Depressionen, chronische Schmerzerkran­kungen, Tinnitus und Stressfolgeerkran­kungen behandelt. „wir2“, das Angebot für Alleinerziehende, wurde im Juni 2016 ge­startet. „Bis Mitte 2018 haben wir hier 72 alleinerziehende Mütter, drei Väter und eine alleinerziehende Großmutter behandelt“, sagt Astrid Kreutz. 98 Kinder waren beteiligt, da­von 56 Schulkinder. Das Feedback ist sehr gut. Ehemalige Patienten geben „wir2“ eine Note von 1,35 – das ist ein Spitzenwert.
Das „wir2­-Bindungstraining“ basiert auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es umfasst 20 Gruppensitzungen zu je 90 Minuten und praktische Übungen in vier Modu­len und bewirkt eine starke und nachhaltige Besserung psychischer und psychosomatischer Beschwerden. Entwickelt wurde es von einem Team um Professor Matthias Franz an der Universitätsklinik Düsseldorf, es wird stetig evaluiert und unter anderem von der Deutschen Rentenversicherung Bund und der Walter Blüchert Stiftung unterstützt. Den Antrag zur Rehabilitation stellen Versicherte selbst, der behandelnde Arzt gibt einen Befundbericht ab.
 

» Wir haben den Auftrag, unseren Versicherten mit Rehabilitation zu helfen. «

Mathias Schiller, Abteilung Rehabilitation, Deutsche Rentenversicherung Bund


„Wir haben den Auftrag, Versicherten, die von Erwerbsminderung bedroht oder bereits erwerbsgemindert sind, mit Rehabilitation zu helfen“, erklärt Mathias Schiller aus der Abteilung Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung Bund. „Mit ‚wir2‘ haben wir ein erfolgreiches Angebot im Programm, das sich explizit an alleinerziehende Eltern richtet.“ Außer in Schömberg können Patientinnen und Patienten das „wir2“-Training noch in der Celenus DEKIMED Klinik im sächsischen Bad Elster wahrnehmen.
Die meisten Rehabilitanden sind zwar alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, aber „wir2“ spricht Väter gleichermaßen an. Männer wie Roman Misko, alleinerziehender Vater eines zehnjährigen Sohnes. „Es gibt mehr von uns, als viele glauben“, sagt Misko. Die Mutter, mit der er sich bei der Erziehung im Wochentakt abwechselte, wurde alkoholkrank und fiel als Erziehungspartnerin aus. Ähnlich wie bei Jessica Maack gelangte Roman Misko mit der wachsenden beruflichen Belastung an seine Grenzen – und darüber hinaus. Als leitende Pflegefachkraft in Vollzeit, mit hohen Ansprüchen im Beruf und einem schulpflichtigen Kind erlebte er 2012 seinen ersten Zusammenbruch. Unter Psychopharmaka machte er weiter, bis vor zwei Jahren Herzrhythmusstörungen als Ausdruck einer psychosomatischen Funktionsstörung verbunden mit depressiven Beschwerden diagnostiziert wurden. Seine behandelnden Ärzte rieten ihm daher zu einer psychosomatischen Rehabilitation.

Rehabilitanden müssen mitziehen

Roman Misko, heute 54 Jahre alt, wirkt gelöst. Es ist schwer zu glauben, was er durchgemacht hat. Wie Jessica Maack ist auch er voll des Lobes über seine Therapeuten und „wir2“. Astrid Kreutz relativiert den Überschwang. „Sowohl Jessica Maack als auch Roman Misko bringen ein hohes Maß an Bereitschaft mit, an sich zu arbeiten“, so Kreutz. Trotz der guten Bilanz gebe es keine Garantie auf Erfolg. „Die Rehabilitanden müssen mitziehen.“
Die meisten, die nach Schömberg kommen, leiden unter einer Depressionserkrankung. Diese könne sich auf die Kinder übertragen und deren Entwicklung beeinträchtigen, erklärt Kreutz: „Die Kinder reagieren zunächst körperlich, später dann psychisch.“ Bei den Miskos äußerte sich dies im vollständigen Rückzug des Sohnes. „Er schloss die Zimmertür hinter sich und kam einfach nicht mehr heraus“, erzählt der Vater. Wie sich das Verhältnis der beiden im Laufe des „wir2“-Bindungstrainings veränderte, habe er gemerkt, als sein Sohn sich einmal neben ihn gesetzt habe. „Plötzlich entstand ein intensiver Moment der Nähe, wie wir ihn lange nicht mehr gehabt hatten.“

Weitere Informationen: www.wir2-bindungstraining.de