Schumachers Familien-Kolumne

 

Wir sind eine gesundheitsbewusste Familie. Neulich hätten die Jungs fast Salat geges­sen. Wenn wir das Grünzeug so unter den Würstchen verstecken, dass nichts hervor­lugt, kann es passieren, dass einige Blätter mit großem Haps im Sohn verschwinden. Ob diese seltenen Treffen von Vitamin und Körper zu einer inneren Schockreaktion führen? Wohl nicht. Knabenmägen sind wie Fließbänder in der Müllverbrennung: immer rein, egal was, dafür ohne Unter­lass. Darüber rülpsen unsere Jungs höchs­tens, aber leise, was wir für einen Erzie­hungserfolg halten.
Während wir Männer inhalieren, was gerade im Kühlschrank ist, versucht die Chefin, uns den Appetit zu verderben. Sie nennt es „bewusster essen“. Anstrengende Sache. Was waren das für ausgelassene Zeiten, als wir eine große Tüte Schoko­linsen in uns reinstopften, heldenhaft das Sodbrennen ertrugen, aber keinerlei schlechtes Gewissen hegten wegen Zucker, Farbstoffen oder Tierwohl.
Tierisches Essen thematisieren heute schon die Dreikäsehochs. Bei uns geht’s gerade mal wieder ums Ei, Hansens Grundnahrungsmittel. Unlängst fragte er inquisitorisch, ob unser Rührei garantiert dioxinfrei sei. Auf meine Fangfrage hin, was denn Dioxin bedeute, hob das Kind zu einem halbstündigen Fachreferat an. Schon gut. Hätten wir einen Hund, wäre das Rührei unterm Tisch verschwunden.
Haben wir aber nicht. Tiere können froh sein, dass sie bei uns nur als Mahlzeit auf den Tisch kommen. Unserer Stadtwohnung ist nun mal kein Mischwald vergönnt und meine Geduld begrenzt. Meerschweinchen fiepen, Hunde müssen entleert, Katzen­launen ertragen werden. Und alle sorgen beim werktätigen Menschen für anhaltend schlechte Laune, weil sie nichts tun außer fressen, schlafen, verdauen, schnackseln.
Das kalte Ei musste also der Hausherr selbst verwerten, als er am frühen Nach­mittag den Giftskandal vergessen hatte und von Zwischenhunger gequält wurde. Ich schmeckte genau hin. Da war kein Gift, je­denfalls nicht viel. Ein großes Glas Kakao würde die Chemie neutralisieren.
Kakao haben wir reichlich, weil Hans die braune Soße derzeit boykottiert. Er wartet das Laborgutachten über die Qua­lität unserer Milch ab und den Bericht von Amnesty International, ob die Kakao­bohnen fair getradet worden sind. Früher waren die Kinder katholisch oder evan­gelisch. Heute sind sie ökologisch.
Neulich hörte ich, dass die Weinbrand­bohne das optimale Ökokonzept für rückstandfreies Aufbewahren von Flüssi­gem biete. Wir werden die Pralinen aus­höhlen, Kakao einfüllen, ganz viel Ver­packungsmaterial sparen und damit ein Delfinbaby retten. So geht bewusstes Essen, Chefin.

Dr. Hajo Schumacher, 54, ist Journalist und Buchautor. In „Solange Du Deine Füße auf meinen Tisch legst“ beschreibt er sein „schrecklich lustiges Leben als Vater“. Sein aktueller Titel „Männerspagat“ beleuchtet moderne Geschlechterrollen (Eichborn, 2018). Schumacher lebt mit seiner Familie in Berlin.