Wie ich mich selbst heilte

 

Als ich – ein lebenslanger Junkfood-Fan – mit Anfang 40 Herzbeschwerden bekam, stellte sich mir eine existenzielle Frage: Hatte ich mir mit meiner miserablen Ernährung meine Gesundheit ruiniert? Die Erfahrung war der Startschuss für eine langjährige Obsession und Recherche: Worin bestehen die entscheidenden Komponenten einer ultimativ gesunden Kost?
Nach und nach fand ich heraus: So etwas wie die ultimativ gesunde Kost gibt es nicht. Wenn man einen Blick auf jene Regionen der Welt wirft, in denen Menschen in besonders fittem Zustand ein hohes Alter erreichen, fällt auf, dass die Ernährungsweisen stark voneinander abweichen. Nehmen wir das japanische Okinawa. Dort isst man traditionell viele Kohlenhydrate, vor allem in Form von Süßkartoffeln. Am Mittelmeer dagegen verzehrt man weitaus mehr Fett, speziell Olivenöl. Ob viel oder wenig Kohlenhydrate bzw. Fett – das scheint keine ausschlaggebende Rolle zu spielen.
Stattdessen zeigen Bevölkerungsstudien, dass es andere, wichtige Grundprinzipien gibt: So pflegen etwa die sehr langlebigen „Siebenten-Tags-Adventisten“ in den USA einen generell sehr gesunden Lebensstil. Mitglieder der protestantischen Religionsgemeinschaft leben bis zu zehn Jahre länger als ein Durchschnittsamerikaner. Interessanterweise leben die Veganer unter den Adventisten länger als die Allesesser. Am längsten jedoch leben die „Pescetarier“ – jene Vegetarier, die ab und zu Fisch essen.
Dies ist ein wiederkehrendes Muster. Menschen in den Langlebigkeitszonen der Welt essen allesamt „echtes Essen“: Essen direkt aus der Natur statt aus der Lebensmittelindustrie. Stets handelt es sich dabei um eine stark pflanzenbasierte Kost, oft angereichert mit etwas Fisch. Im Vordergrund stehen reichlich Gemüse, Obst, Pilze und Hülsenfrüchte, wie Linsen, Bohnen oder Kichererbsen. Dazu Nüsse und Samenkerne. Fleisch wird, wenn überhaupt, als gelegentliche Beilage genossen. Was die Milchprodukte betrifft, bevorzugt man die fermentierten, von Bakterien vorverdauten, also lieber Joghurt und Käse als Milch selbst. Vollkornprodukte spielen häufig eine maßgebliche Rolle. Man meidet Zucker. Obst etwa bildet bei der Mittelmeerkost den typischen Nachtisch.
Klingt fast ein bisschen altbacken, oder? Was eine gesunde Ernährung ausmacht, ist, trotz der ständigen, sich immer wieder gegenseitig dementierenden Schlagzeilen, kein Mysterium. Wir wissen heute zu gut 80 Prozent, wie wir uns ernähren sollten. Wir könnten aufhören mit den Grabenkämpfen. Die Erkenntnisse sind da. Wir müssen sie „nur“ noch beherzigen. Schließlich kann eine gute Ernährungsumstellung wirklich Wunder bewirken. Ich jedenfalls bin meine hartnäckigen Herzbeschwerden nach und nach losgeworden. Komplett.

Bas Kast ist Wissenschaftsautor beim  Berliner „Tagesspiegel“. Für sein aktuelles Buch „Der Ernährungs­kompass“ hat er drei Jahre lang alle wissenschaftlichen Studien über gesundes Essen recherchiert.