Der neunjährige Lennard und seine Mutter Sonja Kaiser waren sechs Wochen in Kinderreha. Der autistische Junge lernte
nicht nur rechnen im Spielzeugkaufladen.
Ganz wichtig ist bei der schulischen Betreuung
während der Reha, dass Erlerntes und Neues auch in der Heimatschule umgesetzt werden kann.
Der neunjährige Lennard und seine Mutter Sonja Kaiser waren sechs Wochen in Kinderreha. Der autistische Junge lernte nicht nur rechnen im Spielzeugkaufladen. Ganz wichtig ist bei der schulischen Betreuung während der Reha, dass Erlerntes und Neues auch in der Heimatschule umgesetzt werden kann.



Partner fürs Leben

 

 

Vieles ist anders bei Lennard. In seiner Schule ist der Neunjährige oft der Außenseiter. In Berlin, so Lennards Mutter Sonja Kaiser, hat sie nur eine Ganztagsschule mit wenigen Klassen gefunden. Große Schulen überfordern Autisten, weiß die Mutter: „Acht Stunden am Stück – auch das ist zu viel für meinen Jungen.“ Immer öfter saß er mit seinem Comic allein in der Ecke, Kontakte zu Mitschülern gestalteten sich schwierig. Lennard hat einen Schulbegleiter, der ihn an vier Tagen auch während des Unterrichts unterstützt, er absolviert Ergotherapie und eine logopädische Therapie und hat die volle Unterstützung seiner Familie. Gleichwohl: Seine Defizite in der Motorik, beim Zusammenarbeiten, bei der Selbstständigkeit, manchmal auch seine Verweigerung mitzumachen, haben Sonja Kaiser und den behandelnden Psychiater bestärkt, einen Antrag auf Kinderreha zu stellen. Die Deutsche Rentenversicherung bewilligte den Antrag kurzfristig. Nach Wangen im Allgäu ging die Reise für Lennard und seine Mutter, dorthin, wo sie vor drei Jahren schon einmal waren. Damals war Lennard als Kindergartenkind mit Auffälligkeiten im Sozialverhalten angereist. Die Diagnose Autismus war damals noch nicht gestellt worden. Die Reha habe zunächst geholfen, erinnert sich die Mutter. Lennard habe danach beispielsweise viel besser mit Situationswechseln umgehen können. Als ABC-Schütze schließlich bekam der Junge die Diagnose Autismus. Was man vermutet hatte, war nun Gewissheit. In der Tesla-Schule in Berlin-Pankow, wo die Familie wohnt, geht Lennard jetzt in die zweite Klasse, als einer von 25. Zwar wurde sein Status als „Inklusionskind“ festgelegt, aber trotz Schulbegleiter und Zusatzunterricht bereiteten den Eltern seine motorischen Schwierigkeiten Sorgen – wie auch, dass ihn seine Mitschüler wegen seines manchmal sonderbaren Verhaltens und seiner Ausdrucksweise nicht in die Klasse integrieren wollten. 

 

»Wir finden für jedes Kind seinen ganz individuellen Weg, indem wir seine Stärken erkennen und fördern. Alles immer in Kontakt und Abstimmung mit der Heimatschule.«

Stephan Prändl, Rektor der HeinrichBrügger-Schule in der Kinderrehaklinik in Wangen

 

Nach den guten Erfahrungen in der ersten Reha ging es nun auch darum, Lennards Schulprobleme anzugehen. Die Schule der Kinderrehaklinik ist bestens darauf eingestellt. „Sehr oft sind Schwierigkeiten in der Schule die Folgen von Erkrankungen“, erklärt Stephan Prändl. Der Schulleiter der Heinrich-BrüggerSchule, die sich direkt auf dem Areal der Kinderrehaklinik in Wangen befindet, weiß natürlich, dass die Vorteile der geschützten Umgebung, in der seine Schule liegt, nicht eins zu eins auf die Heimatschule übertragen werden können. Aber: „Uns ist wichtig, dass möglichst viel von dem Neuen und Erlernten mit nach Hause genommen und dort tagtäglich umgesetzt werden kann“, betont der Schulleiter. Das gelte für Kinder und Eltern gleichermaßen. Um zu erfahren, wo das Kind in seiner Heimatschule steht, wie sein Verhalten ist, nimmt die Schule der Rehaklinik bereits vor der Anreise Kontakt dorthin auf. Was steht auf dem Lehrplan, wo steht das Kind in der Klasse? Darauf basierend entwickelt die Reha-Schule ein eigens auf jeden Einzelfall abgestimmtes Lern- und Lehrkonzept. „Wir können uns hier viel mehr Zeit für jedes Kind nehmen als der Lehrer an der Regelschule im Schulalltag zu Hause“, so Prändl. Die individuellen Betreuungsmöglichkeiten machen den Unterricht in der Reha so besonders. Kleine Klassengruppen von rund zehn Schülern ermöglichten eine qualifizierte Einzelförderung. Stärken erkennen, ausbauen: Die Sonderpädagogen schauen ganz besonders auf die Begabungen der Kinder und wissen, wie man sie fördert. „Dieser individuelle Weg für jedes Kind ist unser besonderer Vorteil“, unterstreicht der Schulleiter. „Unsere Arbeit sehen wir immer auch im Hinblick aufs Erwachsenwerden. Es geht ja nicht nur um einen Schulabschluss. Es geht auch um die Ausbildung danach, um einen Beruf. Eine gute Kinderreha ist die Brücke für ein erfülltes Leben.“ Insofern sei Kinderreha immer auch als Prävention zu sehen: Sie mache die Kinder fit für ein Leben mit Perspektive. „Wir können den Kindern hier Orientierung geben und letztendlich aufs Leben als Erwachsene vorbereiten.“ Eltern wüssten das zu schätzen. Der Kontakt zur Rehaklinik reiße oft auch nach der Entlassung nicht ab. „Darauf sind wir stolz.“

Lernen im Team: Lennard und Sonja Kaiser mit Schulleiter Stephan Prändl in der Klasse. Dort werden die Kinder individuell betreut, sodass sie viel lernen, das ihnen auch in ihrer Heimatschule nutzt. Die Angst, dass ein Kind durch die Reha schulisch zurückfällt, ist unbegründet.

Stolz ist auch Sonja Kaiser. Und zwar darauf, dass sich ihr Sohn in den sechs Wochen viel Neues angeeignet hat, das die beiden mit nach Hause nehmen konnten. „Manche Eltern lassen ihr Kind nur in den Ferien in eine Reha, aus Angst, das Kind könne in der Schule etwas verpassen. Das Gegenteil ist der Fall“, betont Stephan Prändl. „Wir stimmen uns stets mit der Schule zu Hause ab und beziehen die Eltern immer mit ein. Das ist der Schlüssel zu nachhaltigen Verbesserugen.“ Lennard muss nun künftig nicht mehr acht Stunden in der Schule bleiben, wie es die Schulpflicht vorschreibt. Prändl schlägt eine Ausnahmegenehmigung vor. Lennard ist aufgeschlossener, geht gerne mit seinen neuen Freunden in seine „Bärengruppe“ und ist in seinem Lieblingsfach Mathe weitergekommen. Die Experten in der Reha-Schule beobachten das genau. Und schauen auch in die fernere Zukunft. „Das Unternehmen SAP zum Beispiel“, weiß Prändl, „sucht gezielt nach Mitarbeitern mit Autismus, weil man sich deren spezielle Begabungen zunutze machen will.“ Gute Perspektiven also für Reha-Kids. Nicht nur für Lennard.

 

„Reha hilft unseren Versicherten von morgen“

„Auf die Kinder unserer Versicherten haben wir ein wachsames Auge,“ betont Dr. med. Kristina S. Schüle, Fachärztin für Chirurgie und Sozialmedizin sowie Leitende Ärztin bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Baden-Württemberg. „Unser Ziel ist, zumindest was die Gesundheit angeht, für alle die gleiche Chance auf Schule und Ausbildung sicherzustellen. Schließlich sind die Kinder und Jugendlichen von heute unsere Beitragszahler von morgen, auf die wir angewiesen sind. Wer erheblich erkrankt ist oder wessen Gesundheit gefährdet ist, hat Nachteile. Unsere Kinderreha soll die Gesundheit verbessern oder wiederherstellen. Wir wollen chronische Krankheiten lindern und Spätfolgen verhindern sowie die Leistungsfähigkeit für Schule und Ausbildung verbessern. Deshalb ist Unterricht für schulpflichtige Kinder während der Reha der Standard. In kleineren Gruppen werden die Kinder individueller und gezielter unterstützt. Ob die Schwierigkeiten in der Schule auf eine Erkrankung zurückgehen oder nicht – Schulprobleme sind Teil des Therapieplans und werden ebenso therapiert wie die Gesundheitsstörung selbst. So kann sehr oft Schule wieder gelingen.“

 

Infos zu Kinderreha im Web:

https://kinderreha.drv.info
www.kinder-und-jugendreha-im-netz.de