Günter Hanke an der sogenannten taktilen Tafel. Sie weist Sehbehinderten den Weg in die Beratung der DRV Baden-Württemberg in Karlsruhe.
Günter Hanke an der sogenannten taktilen Tafel. Sie weist Sehbehinderten den Weg in die Beratung der DRV Baden-Württemberg in Karlsruhe.



Barrieren? - Nein danke!


Seine Finger huschen über die BrailleZeile vor der Tastatur, ertasten die winzigen Erhebungen, die für Sehende immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben werden. Für Günter Hanke sind diese ertastbaren kleinen Punkte der Zugang zur geschriebenen Welt. Die Blindenschrift ermöglicht es ihm zu lesen. Über einen Knopf im Ohr kann er sich Texte vorlesen lassen. Die Tastatur ist sein Eingabegerät am PC – da unterscheidet sich der 53-Jährige nicht von seinen rund 3.600 Kolleginnen und Kollegen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) BadenWürttemberg. Jeden Tag fährt Hanke mit der Bahn von seinem Wohnort bei Heidelberg nach Karlsruhe zur Arbeit. Eine im Boden eingelassene weiße Blindenleitlinie weist ihm die letzten Meter zum Eingang.

Nicht nur ihm hilft die Leitlinie. Blinde oder Menschen mit Sehbehinderungen finden vor dem Eingang zur Karlsruher Beratungsstelle eine taktile Tafel, mit der sie die Wegweisung ertasten können. Für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Gehhilfen hat die Rentenversicherung Bordsteine abgesenkt. Niemand, das hat sich die DRV auf ihre Fahnen geschrieben, soll wegen seiner Beeinträchtigung einen erschwerten Zugang zu den wichtigen Leistungen der Rentenversicherung haben. Denn insbesondere Menschen mit Behinderungen haben mit der Rentenversicherung bereits während ihres Berufslebens vielerlei Kontakte: Sei es wegen einer Reha oder einer Hilfe am Arbeitsplatz.
 

Keine Chance für Barrieren

Ein Zugang zur Rentenversicherung ist für Menschen mit einem Handicap besonders wichtig. Inklusion ist schon allein deshalb für einen Sozialversicherungsträger ohne Alternative. Die Rentenversicherung nimmt dieses Anliegen sehr ernst, und zwar sowohl als Dienstleister für ihre Kunden als auch als Arbeitgeber. „Was für uns als Beschäftigte bei der Rentenversicherung in Sachen Inklusion getan wird, hilft auch unseren Kunden“, ist sich Günter Hanke sicher. Er muss es wissen. Als Mitarbeiter im Bereich Informationstechnologie (IT) der DRV in Karlsruhe kümmert er sich um alles, was im Haus barrierefrei sein muss. „Da schau ich genau hin“, lacht der Blinde mit einem Schuss Selbstironie. Bei der Prüfung auf Barrierefreiheit kommt dem gelernten Programmierer seine langjährige Tätigkeit bei einem großen Hersteller von Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderungen zugute. Bei Programmumstellungen der DRV prüft er die Software auf Behindertentauglichkeit und testet sie auf Bedienbarkeit. Auch um die Webseite der DRV Baden-Württemberg kümmert er sich regelmäßig und kontrolliert die Barrierefreiheit. Kann alles auch vorgelesen werden? Sind die Bilder verständlich beschrieben? Ist die Navigation nachvollziehbar und intuitiv?
 

»Eine absolut barrierefreie Welt wird es wohl nie geben. Aber wir müssen ihr so nahe wie möglich kommen. Dafür arbeite ich.«

Günter Hanke, Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg
 

„Der Google-Suchroboter ist eine Maschine und die ist auch blind“, lächelt Hanke und will damit sagen, dass auch Suchmaschinen Webseiten besser finden, wenn sie möglichst barrierefrei sind. Bei Gebärdensprache muss er aber passen. Da unterstützen ihn dann hörgeschädigte Kollegen. Die Webseite der DRV ist für Ratsuchende Informationsquelle Nummer eins, „da können und wollen wir niemanden außen vor lassen.“ Optimierungsbedarf sieht Hanke noch bei den Formularen der Rentenversicherung: „Je einfacher, desto besser, sollte hier die Regel lauten. Die Rentenversicherung ist aber auch da dran.“
 

Barrierefreiheit hilft allen

„Wir sind auf einem guten Weg“, stellt Günter Hanke fest und verweist auf die vielen bereits funktionierenden barrierefreien Angebote. Am Ziel sei die Rentenversicherung aber noch nicht, „wenn das überhaupt möglich ist.“ Denn ein Ziel in Sachen Barrierefreiheit sei schwer zu beschreiben und ändere sich auch stetig. „Stillstand bedeutet auch hier Rückschritt“, ist sich Hanke sicher. Er freut sich aber, dass insbesondere im öffentlichen Dienst die Antennen für Inklusion inzwischen ziemlich genau ausgerichtet sind und Behörden bei dem Thema oft weiter sind als die private Wirtschaft. Denn es gehe halt bei Inklusion nicht um „höher, schneller, weiter“, sondern um „teilhaben, verstehen und mitmachen können“. „Da sind wir inzwischen schon ganz gut sensibilisiert und gehen mit gutem Beispiel voran“, freut sich Hanke. Die DRV Baden-Württemberg hat den Dienstleistungsgedanken als ihr oberstes Ziel festgelegt. Umgesetzt hat sie dies mit ihrer dezentralen Unternehmensphilosophie auf der Grundlage des Gedankens „In der Region – für die Region“. Keine langen Wege zur Rentenversicherung – das kommt auch Menschen mit Behinderungen zugute. Das neue Videoberatungsangebot der DRV kann beispielsweise bequem von zu Hause aus genutzt werden. Hanke trägt dazu bei, dass Menschen mit Handicap an den umfassenden und vielfältigen Leistungen der Rentenversicherung teilhaben können.
 

Inklusion, eine Daueraufgabe

Um das zu ermöglichen, ist die DRV Baden-Württemberg beispielsweise auch dabei, ihre Angebote in Leichter Sprache vorzustellen. Davon profitieren alle, die die deutsche Sprache schwer verstehen, oder Migranten, deren Deutsch noch nicht so gut ist, dass sie beispielsweise eine Broschüre oder ein Info-Faltblatt verstehen können. Inklusion, weiß Günter Hanke, findet auf vielerlei Ebenen statt. Und was für die einen hilfreich ist, kann andere orientierungslos machen: Komplett abgesenkte Bordsteine beispielsweise sind gut für Rollstuhlfahrer, Blinde verlieren dadurch ihre Orientierungshilfen. „Eine hundertprozentige Barrierefreiheit für alle gibt es also nicht“, sagt Hanke. Inklusion bedeutet, einen guten Kompromiss für alle zu finden. Aber Inklusion ist für einen Sozialversicherungsträger ohne Alternative und bleibt eine Daueraufgabe für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Die DRV Baden-Württemberg hat das verstanden. Sie will die Menschen im Land dafür sensibilisieren. „Wir sind da beispielgebend“, freut sich Günter Hanke. Und seine Finger huschen über die Braille-­Zeile seiner Tastatur.

 

Quote: Mit gutem Beispiel voran

Hans-Peter Schaal, Vertrauensmann der Schwerbehinderten bei der DRV Baden Württemberg


„Wir als Rentenversicherung nehmen unsere sozialpolitische Vorbildfunktion in Bezug auf die Behindertenquote ernst. Bei uns arbeiten über 310 schwerbehinderte oder gleichgestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das sind über vier Prozent mehr als die fünf Prozent, die der Gesetzgeber als Behindertenquote vorschreibt. In unserem Haus sind fünf Blinde und etwa zehn hochgradig Sehbehinderte tätig. Daneben acht Beschäftigte, die auf einen Rollstuhl oder eine Gehhilfe angewiesen sind. Bei vielen sieht man die Behinderung aber nicht auf den ersten Blick, so bei inneren oder orthopädischen Erkrankungen. Nicht selten liegen auch mehrere Einschränkungen vor, sodass neben einer organischen Erkrankung auch eine psychische Beeinträchtigung hinzukommt. Technische Hilfsmittel unterstützen, wo es geht. Immer öfter sind auch organisatorische Regelungen nötig. Denn auch die Arbeitszeit spielt eine wichtige Rolle, damit Menschen mit Handicap weiter im Arbeitsprozess bleiben können. Inklusion geht alle Arbeitgeber an!