In der Höhenklinik Bischofsgrün lernen Patienten, mit Stress umzugehen.
In der Höhenklinik Bischofsgrün lernen Patienten, mit Stress umzugehen.



Lernen, mit Stress umzugehen

 

Herr Dr. Kirchmeier, wer ist besonders anfällig für Stress?
Jeder erlebt Stress unterschiedlich. Besonders anfällig aber sind Menschen, die mit einem sehr hohen idealistischen Anspruch und Leistungsdenken zu Werke gehen. Sie tun sich oft schwer, Grenzen zu setzen oder Aufgaben zu delegieren. Gefährdet sind zum Beispiel Ärzte, Sozialarbeiter und Pflegekräfte – also Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten. Gleichwohl ist jeder Arbeitnehmer heute viel stärker gefordert, auf sich zu achten.

Inwiefern hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren verändert?
Es gibt eine Entwicklung hin zu mehr kognitiven Belastungen, sodass Menschen mehr geistig gefordert werden. Gleichzeitig haben viele Berufstätige aufgrund von Arbeitsverdichtung weniger Möglichkeiten, die Belastungen abzufedern.

Bei welchen Beschwerden sollte man einen Arzt aufsuchen?
Vor allem dann, wenn man mehr als zwei Wochen gravierende Schlafstörungen hat und dadurch nur noch eingeschränkt leistungsfähig ist. Wer über einen längeren Zeitraum regelmäßig nachts wach wird, dann immer wieder grübelt und das Gedankenkarussell selbst nicht stoppen kann, sollte sich professionelle Hilfe holen. Denn das ist ein deutliches Signal, dass die seelische Balance in Unordnung gekommen ist. Bedenklich ist auch, wenn man gar nicht mehr abschalten kann, weil die Arbeit auch nach Feierabend die Gedanken bestimmt.

Wie kann man gegensteuern?
Manchen reicht es schon, dass sie mal länger Urlaub nehmen, sich mehr ihren Hobbys und sozialen Kontakten widmen. Andere kommen nicht alleine aus dem Gedankenkarussell raus. Wer das bei sich merkt, sollte sich schnell Unterstützung suchen, damit sich kein Burnout entwickelt. Die muss nicht immer von einem Arzt kommen. Vielen Menschen reichen regelmäßige Entspannungsübungen.
 

»Wer sich gestresst und überlastet fühlt, muss aktiv werden.«

Dr. Thomas Kirchmeier, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Höhenklinik Bischofsgrün
 


Können Medikamente helfen?
Zu Medikamenten würde ich nur bei sehr gravierenden Schlafstörungen raten, die wochenlang anhalten. Dann kann es sinnvoll sein, zwei Wochen ein modernes Schlafmedikament einzunehmen. Generell helfen Medikamente aber nicht, einem Burnout vorzubeugen. Wer sich gestresst und überlastet fühlt, muss aktiv werden. Es geht darum, mit Belastungen richtig umzugehen, sich selbst zu regulieren.

Es gibt bekanntlich gefühlten und tatsächlichen Stress. Welcher ist belastender?
Der gefühlte Stress, ganz eindeutig. Denn der hängt davon ab, wie man Situationen bewertet und emotional verarbeitet. Das kann ziemlich anstrengend sein, variiert aber von Mensch zu Mensch stark. Es gibt Berufstätige, die arbeiten jahrelang mehr als zehn Stunden pro Tag, ohne Beschwerden zu verspüren. Andere kommen schnell in einen Erschöpfungszustand. Hohen gefühlten Stress erleben häufig Menschen, die stark kontrolliert werden, wenig Handlungsspielraum haben, aber gleichzeitig hohe Anforderungen erfüllen müssen. Das betrifft besonders Arbeitnehmer in der Produktion oder Pflegekräfte.

Wie lässt sich gefühlter Stress reduzieren?
Generell geht es darum, eine gute Balance zwischen An- und Entspannung zu finden. Deshalb ist regelmäßige Entspannung sehr wichtig. Das bedeutet für jeden etwas anderes. Dem einen reicht ein achtsamer Spaziergang in der Natur, der andere macht lieber gezieltes Yogatraining, progressive Muskelentspannung oder übt sich in der chinesischen Meditationslehre Qigong. Manchmal reicht es schon, sich aufrecht hinzusetzen, die Augen zu schließen, einige Male tief durchzuatmen und sich dadurch bewusst wahrzunehmen. Generell hilft Bewegung und Sport – vor allem Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Sie fördern die Widerstandsfähigkeit und senken den Stress. Es hilft aber auch, wenn man mehrere Male pro Woche einen Spaziergang macht.

Kann auch Freizeit zum Stressfaktor werden?
Ja, definitiv. Gerade der Freizeitbereich hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Durch die Digitalisierung prasseln heute sehr viele Eindrücke auf uns ein. Zudem verbringen immer mehr Menschen ihre Freizeit sitzend, sind aber kognitiven Belastungen ausgesetzt. Das Smartphone etwa erleichtert den Alltag, aber manchmal sollte man es einfach mal ausmachen und weglegen, weil es sonst zum Stressfaktor werden kann. Manchen Menschen fällt es leicht, sich einen guten Ausgleich in der Freizeit zu suchen. Immer mehr Menschen tun sich aber schwer, den vielen Reizen etwas entgegenzusetzen. Deswegen ist es wichtig, Grenzen zu ziehen.

Was können Arbeitgeber tun?
Arbeitgeber sollten nicht zu viel unmittelbare Kontrolle und Druck ausüben, indem sie etwa sehr strikte Vorgaben machen. Ein gewisser Gestaltungsspielraum ist meistens leistungsfördernd und kann vor einem Burnout schützen.
 

...Höhenklinik Bischofsgrün

Die Fachklinik für Rehabilitation verfügt über 200 Betten und liegt im heilklimatischen Kurort Bischofsgrün im Fichtelgebirge.
Weitere Infos unter: www.hoehenklinik-bischofsgruen.de