Wer hart arbeitet, sollte seine Gesundheit stets im Blick behalten.
Wer hart arbeitet, sollte seine Gesundheit stets im Blick behalten.



Intervenieren, bevor es zu spät ist

Nennen wir ihn Markus Müller. Es gibt ihn nicht wirklich, aber jeder und jede kennt einen Herrn Müller. Herr ­Müller arbeitet seit vielen Jahren körperlich schwer. Sagen wir, er ist Maurer auf dem Bau. Als er anfängt, ist er jung und stark. In einer Schulung hat er zwar gelernt, wie man schwere Lasten richtig hebt, aber im Alltag wird das Wissen häufig verdrängt. Irgendwann, vielleicht mit 40, beginnt es im Rücken zu zwicken, daraus werden Schmerzen. Es folgen Krankschreibungen, Medikamente, Physiotherapie, bildgebende Untersuchungen, Röntgen und Kernspintomografie. Die Rückenschmerzen werden schlimmer. Als sie nicht nachlassen, überlegt er, ob er überhaupt noch arbeiten kann.

Als nichts mehr geht, absolviert Herr Müller auf Anraten seines Hausarztes eine dreiwöchige Rehabilitation. Dort kommt er zur Ruhe, lernt, worauf er bei der Arbeit achten muss, wie man rückenschonend hebt. Ende gut, alles gut? Dr. ­Harald ­Berger, Hauptabteilungsleiter bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Nordbayern, verneint. „Das Problem ist, dass die Rehabilitation in solchen Fällen wahrscheinlich zu spät kommt“, sagt er. Der Rehabilitand sei oft bereits entmutigt, hat Jobwechsel hinter sich oder schon lange nicht mehr gearbeitet. Sein Rückenleiden hat sich vielleicht schon zu einer chronischen Erkrankung ausgewachsen, die sich kaum mehr effektiv behandeln lässt.

Algorithmen und Daten

Hier setzt ein innovatives Modellprojekt der DRV Nordbayern an: „Zugangsoptimierte Arbeitsfähigkeitsorientierte Rehabilitation“, kurz ZAR. Es basiert auf „Smart Data“, auf Algorithmen, die vorhandene Gesundheits­daten auswerten. „Wir wollen mit ZAR beweisen, dass eine frühzeitige Reha das geeignete Mittel ist, um langfristig Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen“, erläutert Dr. ­Berger, der das Projekt leitet. Der gelernte Mediziner und MBA-Absolvent leitet bei der DRV Nordbayern die Bereiche Rehabilitation, Ärztlicher Dienst und die Kliniken. Lebensläufe wie den von Herrn Müller, sagt er, sieht er leider öfter. Seiner Überzeugung nach müsste es eine Möglichkeit geben, Arbeitnehmer durch einen früheren Zugang zu einer Rehabilitation vor einer Chronifizierung ihrer Beschwerden zu schützen. Da kam das Bundesprogramm „Innovative Wege zur Teilhabe am Arbeitsleben – ­rehapro“ gerade recht. Der Gesetzgeber fördert damit Modellvorhaben, um die Teilhabe am Arbeitsleben zu stärken.

ZAR ist eines von sechs rehapro-Projekten bei der DRV Nordbayern (siehe Infokasten), die gemeinsam mit den jeweiligen Partnern entwickelt wurden. „Die Grundfrage lautete stets: Wie können wir unsere Leistungen für unsere Versicherten noch passgenauer machen?“, erläutert ­Sandra ­Naether. Sie leitet die Abteilung Rehabilitation und Teilhabe, außerdem ist sie für zwei rehapro-­Projekte verantwortlich.

Bei ZAR funktioniert das so: Digitale Daten­sätze der Rentenversicherung von Arbeitnehmern und Gesundheitsdaten der Krankenkassen werden gemäß Datenschutzrecht anonymisiert, zusammengeführt und von einem Forschungsinstitut mit hoher Rechenleistung ausgewertet. Auf Basis von Krankengeldzahlungen, Ausfall­zeiten, Diagnosen, die einen Krankheitsverlauf zeigen, kann der daraus entwickelte Algorithmus das Chronifizierungsrisiko einer Erkrankung und damit auch das Risiko eines möglichen Arbeitsausfalls ermitteln.

„Bei einer erfolgreichen Reha gibt es am Ende nur Gewinner.“

Dr. Harald Berger,
Hauptabteilungsleitung für Rehabilitation, Kliniken und Ärztlicher Dienst, DRV Nordbayern

Vorteile für alle Seiten

Mitarbeiter der Krankenversicherung können aus den Daten ihrer Mitglieder potenzielle Rehabilitanden ermitteln und ihnen gezielte Vorschläge über Rehamaßnahmen und deren Beantragung bei der Rentenversicherung machen – und zwar, bevor es zu spät ist. Dies bietet Unternehmen wie ihren Angestellten gleich mehrere Vorteile: „Arbeitnehmer und Arbeitgeber können den optimalen Zeitraum für eine Reha vereinbaren“, so Dr. ­Berger. „Außerdem behält das Unternehmen einen erfahrenen Mitarbeiter, der sich sonst vielleicht gezwungen gesehen hätte, seinen Job zu wechseln.“

Das Projekt ist noch in der Forschungsphase. Doch Dr. ­Berger ist überzeugt, dass ZAR nicht nur wirksam ist, sondern das Potenzial hat, Rehabilitation neu zu definieren. Nicht als Reparaturmaßnahme, sondern als Frühintervention, die allen Seiten nützt. Denn, so Dr. ­Berger: „Bei einer erfolgreichen Reha gibt es am Ende nur Gewinner.“

Weitere rehapro-Projekte der DRV Nordbayern:

ZaTaB (Zeitlich angepasste Tätigkeit mit ambulanter berufsbezogener Begleit­intervention) Psychisch Erkrankten wird eine befristete Reduktion der Arbeitsbelastung mit begleitender psychotherapeutischer Behandlung angeboten. Der Lohnausgleich erfolgt über einen Arbeitgeberzuschuss.

ELAN (rEturn to LeArN) Langzeitarbeitlose Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen werden mit individuellen Maßnahmen bei der beruflichen Wiedereingliederung unterstützt. Eine Nach­sorge schließt sich an.

KiT (Koordination individueller Teilhabe) Bei komplexen Problemlagen werden den Versicherten Reha-Fallmanager zur Seite gestellt, die eine individuell abgestimmte Rehastrategie entwickeln.

BLAUFEUER Die Beratung für psychisch belastete Beschäftigte ermittelt individuelle Lösungswege hin zu verbesserter Arbeitsfähigkeit und mehr Lebensqualität.

DiNa4u (Digitale Nachsorge for you) Telenachsorgeangebote für Jugendliche, die an Adipositas erkrankt sind. Mit der Nachsorge wird die Nachhaltigkeit erzielter Therapieerfolge gesichert.

Weitere Infos unter: www.drv-nordbayern.de/rehapro