Mut zum Risiko: Ines Vorberg hat den Schritt von der Erwerbsminderungsrente zurück ins Erwerbsleben geschafft.
Mut zum Risiko: Ines Vorberg hat den Schritt von der Erwerbsminderungsrente zurück ins Erwerbsleben geschafft.



Beruf und Berufung

 

Viel braucht Ines Vorberg nicht, um viel zu bewegen. Ein Telefon, einen Computer und einen Schreibtisch, der für eine kleinwüchsige Rollstuhlfahrerin geeignet ist. Das reicht der 51-Jährigen, um andere Menschen mit einer Körperbehinderung durch den behördlichen Dschungel zu lotsen, ihnen bei den Anträgen zu helfen und sie in allen Dingen zu beraten, die ein Leben mit Beeinträchtigungen verbessern könnten. Sie lächelt viel, denn es macht sie zufrieden, dass sie gebraucht wird und andere von ihrer Erfahrung profitieren können. Ines Vorberg wurde mit diastrophischer Dysplasie geboren, einer speziellen Form des Kleinwuchses. Sie ist 1,10 Meter groß. Alle ihre Gliedmaßen sind verkürzt und versteift. Ihre Arme und Beine kann sie nicht ganz strecken. Jede Bewegung ist für sie dreimal so anstrengend wie für einen gesunden Menschen. Das verschleißt. „Meine Knochen sind älter als ich“, sagt sie. Seit rund 15 Jahren sitzt sie in einem elektrischen Rollstuhl, den sie nur zu Hause verlässt.
 

» ­Menschen mit Behinderung können oft viel mehr, als ihnen zugetraut wird.«

Ines Vorberg, Koordinatorin und Beraterin
 

Dass sie arbeitet, ist alles andere als selbstverständlich. Denn schon mit 39 Jahren beantragte Vorberg wegen ihres sich verschlechternden Gesundheitszustands eine volle Erwerbsminderungsrente und führte zehn Jahre lang ein Leben als Rentnerin – bis sie sich wegen ihres Engagements für andere Menschen mit Körperbehinderung zu einer Rückkehr ins Erwerbsleben entschloss.

Ines Vorbergs Leben ist nie ganz gradlinig verlaufen, sondern ist von Kurven, Abkürzungen und auch Sackgassen geprägt. Sie wächst im sächsischen Karl-Marx-Stadt auf, dem heutigen Chemnitz, und zieht als Teenager mit ihren Eltern nach Esslingen in Baden-Württemberg. Als sie an einer Schule für Menschen mit Körperbehinderung den Realschulabschluss macht, rät das Arbeitsamt ihr zu einer „ausbildungsähnlichen Qualifikation“ in einem Berufsförderungswerk. Doch Vorberg möchte sich auf dem ersten Arbeitsmarkt bewähren und bewirbt sich auf eine Ausbildungsstelle zur Verwaltungsfachangestellten in Esslingen.
 

»Es ist eine Riesensache, dass Frau Vorberg wieder am Erwerbsleben teilnimmt.«

Hubert Seiter, Ehemaliger Direktor der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg
 

Vom Ehrenamt zum neuen Job

Sie schafft den Abschluss und arbeitet anschließend sogar in Hamburg und Mannheim. Doch es fällt Ines Vorberg zunehmend schwerer, sich zu bewegen. Sie übersteht den Arbeitstag nur mit äußerster Anstrengung. Als ihre Eltern ihr anbieten, in eine barrierefreie Wohnung nach Althütte zwischen Stuttgart und Schwäbisch Hall zu ziehen, zögert sie nicht lange. Schon bald lernt sie ihren Lebensgefährten Hermann kennen und findet eine Stelle bei einem Internet-Versandhandel. Die Arbeitstage sind mühsam. Treppen und Kanten machen ihr überall das Leben schwer. Ein barrierefreier Umbau des Arbeitsplatzes lässt auf sich warten. Nach einem halben Jahr kann Vorberg nicht mehr. „Ich wollte mich nicht für die Arbeit kaputtmachen.“ Ihr Hausarzt schreibt sie krank. Sie macht eine Reha, doch der Versuch, ihre Erwerbsfähigkeit zu erhalten, gelingt nicht. Sie bekommt einen elektrischen Rollstuhl und erhält aufgrund ihrer Erkrankung eine volle Erwerbsminderungsrente.

Ines Vorberg ist nun 39 Jahre alt und im Ruhestand. Ein Jahr später, an Weihnachten Alle Informationen zum Thema finden Sie auf der Website der DRV: t1p.de/DRV-Inklusionshilfe TEILHABE 2009, stirbt ihr Lebensgefährte an einem Schlaganfall. Vorberg ist nun alleine und beginnt, sich wieder ehrenamtlich für andere Menschen mit einer Körperbehinderung zu engagieren. Als sie an der Volkshochschule einen Malkurs besucht, kommt ihr der Gedanke, dass sie eine Selbsthilfegruppe anbieten könnte. In Althütte gründet Vorberg eine solche Gruppe, die Teil des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderte wird.

Über die ehrenamtliche Arbeit lernt Vorberg die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (LAG) kennen, einen Dachverband vieler Selbsthilfeverbände, und wird ehrenamtliches Vorstandsmitglied. Zwei Jahre später verabschiedet die Bundesregierung das Gesetz für „Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“, die Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen unterstützt und unentgeltlich berät. Selbsthilfevereine in ganz Deutschland bewerben sich, um vor Ort solche Beratungsstellen zu schaffen. Die LAG erhält den Zuschlag für eine Reihe von Städten. Mehrere Beratungsstellen müssen von nun an koordiniert werden. Doch wer übernimmt die Leitung?
 

Ines Vorberg in ihrem behindertengerechten Van.
An ihrem Unterarm trägt sie das Schriftzeichen für „Unendlichkeit“.


Ines Vorberg ist zu diesem Zeitpunkt seit zehn Jahren Rentnerin und denkt sich: „Warum machst du es nicht – hauptberuflich?“ Die Aufgabe traut sie sich zu, und sie ist sogar bereit, ihre Erwerbsminderungsrente aufzugeben. Denn ein Arbeitsplatz bedeutet Rentenbeiträge, und mehr Beiträge führen in den meisten Fällen zu einer höheren Rente. „Ich wollte auch nicht den Rest meines Lebens auf dem Existenzminimum leben, das mir meine Rente sicherte.“

Dass Ines Vorberg nun „trotz ihres Handicaps wieder am Erwerbsleben teilnimmt und Beiträge zahlt, ist eine Riesensache“, sagt Hubert Seiter. Der ehemalige Direktor der Deutschen Rentenversicherung BadenWürttemberg ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Landesverbandes der LAG.
 


Infos zum Reha-Beratungsdienst der Rentenversicherung: t1p.de/ Reha-Beratungsdienst
 

Die eigene Erfahrung hilft

Mit 65 Prozent Teilzeit ist Ines Vorberg vor zwei Jahren gestartet. „Sie macht das blendend“, sagt Hubert Seiter. „Frau Vorberg ist mit ihrem persönlichen Hintergrund und ihren Erfahrungen exakt die richtige Person für so eine Beratungsstelle.“ Sie unterstützt Menschen wie die 27-jährige Rollstuhlfahrerin mit einer spastischen Erkrankung, die sich vollkommen entmündigt fühlte. Die junge Frau wollte selbstständiger wohnen. Vorberg kümmerte sich darum, dass der Betreuungsgrad vor Gericht neu geprüft wurde und nicht mehr die Mutter, sondern ein unabhängiger Betreuer zuständig wurde. Heute kümmert er sich nur noch um die Finanzen der Frau. Sie lebt jetzt in einem Wohnzentrum für Menschen mit Behinderung, hat viel Freiraum dazugewonnen und wird gut gefördert. „Die Frau konnte viel mehr, als man ihr zutraute“, sagt Vorberg.

Sie habe sich nie davon beeinflussen lassen, was andere über sie denken, sagt Ines Vorberg. Auf ihrem rechten Unterarm ist ein altchinesische Zeichen tätowiert. Es bedeutet „Unendlichkeit“. Was auch kommt, Vorberg will weitermachen. Am Ende eines Arbeitstages fährt sie mit ihrem elektrischen Rollstuhl zu ihrem Van, lässt die hydraulische Rampe hinunter und sich mit dem Rollstuhl ins Auto heben. Morgen wird sie wieder im Büro sitzen und anderen helfen.