Erzieherin Mechthild Borkowski betreut Pauline und 22 Mitschüler.
Erzieherin Mechthild Borkowski betreut Pauline und 22 Mitschüler.



Schule für alle


Beim Wort „Papa“ wird es Pauline zu viel. Mit zusammengezogenen Augenbrauen sitzt sie vor dem Aufgabenheft, die Hände im Schoß gefaltet, und wendet ihr Gesicht demonstrativ ab. Es ist Zebra-Arbeitszeit, wie die Deutschstunde in der Klasse 2e heißt. Pauline soll eine Wortreihe einem Bild zuordnen. Doch bei der dritten Aufgabe ist für die Achtjährige Schluss. Sie will nicht mehr. „Ich weiß nicht, wo der Papa ist“, sagt sie und rutscht auf dem Stuhl herum.

„Konzentrier dich, schau genau hin“, sagt Sabine Ahrens-Nebelung, die Deutschlehrerin, ganz ruhig und zeigt auf das Heft: „Papa und Mama am Tisch.“ Dann noch mal langsamer: „Papa und Mama am Tisch.“ Doch Pauline hat in diesem Augenblick ihre Grenze erreicht und läuft ins Zimmer nebenan. Ahrens-Nebelung kennt dieses Verhalten und ist überhaupt nicht beunruhigt. „Pauline hat gerade ein Tief, sie kann nicht mehr“, sagt sie, „sie darf jetzt ein bisschen spielen.“

Dass Pauline im Nebenzimmer mit magnetischen Bauklötzen spielen darf, während die anderen weiter Deutsch lernen, hat einen Grund: Pauline hat von Geburt an ein sehr seltenes genetisches Syndrom. Ihre Entwicklung ist verzögert, ihre Intelligenz vermindert, ihre kognitiven Fähigkeiten sind eingeschränkt. Ein Gutachten der Schulbehörde bescheinigt ihr „sonderpädagogischen Förderbedarf“ – damit kann sie auf eine Sonderschule gehen, aber auch eine Regelschule besuchen.
 

»Pauline möchte so sein wie die anderen, sie schaut sich viel von ihnen ab.«

Sabine Ahrens-Nebelung, Deutschlehrerin an der Louise Schroeder Schule
 

Eine solche Förderung mit entsprechenden Unterstützungsangeboten bekommen Kinder und Jugendliche häufiger, seit Deutschland 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat. Das Ziel: Alle Schüler, ob mit oder ohne Behinderung, haben das Recht, eine „normale“ Schule zu besuchen. Sie sollen gemeinsam lernen, mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Seitdem steigt die Zahl der Schülerinnen mit Förderbedarf an regulären Schulen stetig an. Doch wie gut gelingt die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen im Schulalltag? Vorbildlich ist Hamburg: Der Stadtstaat hat das gemeinsame Lernen schneller und konsequenter umgesetzt als viele andere Bundesländer. Inzwischen sind an allen Schulen Kinder mit den Förderschwerpunkten „Lernen“, „Sprache“ und „emotionale und soziale Entwicklung“ zu finden. Für Kinder mit den speziellen Förderbedarfen „körperliche und motorische Entwicklung“, „geistige Entwicklung“, „Hören und Kommunikation“ sowie „Sehen und Autismus“ hat Hamburg inklusive Schwerpunktschulen eingerichtet. Jede sechste der allgemeinen Schulen darf sich bereits so nennen. Die Louise Schroeder Schule in Hamburg-Altona ist eine davon.
 

Olcay und Pauline lernen Deutsch bei Frau Ahrens- Nebelung (v.l.n. r.)

Vielfältige Förderung

Die Ganztagsgrundschule hat bereits seit 29 Jahren Erfahrung mit integrativem Lernen. Hierher kommen Kinder ohne Behinderung genauso wie Kinder, die im Rollstuhl sitzen, Diabetes haben, autistisch sind, nicht sprechen können oder Wutanfälle bekommen. „Unsere Klassen sind so ‚bunt‘ gemischt wie der Stadtteil um die Schule herum“, heißt es in einer Broschüre. Rund 70 Lehrkräfte unterrichten hier 550 Schüler, über 30 Kinder bedürfen sonderpädagogischer Förderung. Drei von ihnen sitzen im Klassenraum der Klasse 2e: Anthony mit einer autistischen Störung, Yusuf (der eigentlich anders heißt) mit einer geistigen Entwicklungsstörung  – und Pauline. Freundlich und offen begrüßt sie an diesem sonnigen Spätsommermorgen ihre 22 Mitschüler auf dem Schulhof. Dann nimmt sie spontan einen Jungen an die Hand und geht mit ihm durch die Eingangstür, die Treppen hinauf, hoch in den ersten Stock. Im Klassenraum stellt sie ihren Schulranzen neben ihren Stuhl und schaut sich erwartungsvoll um. Sie sitzt ganz vorne, vor der Tafel, an einem Tisch mit drei anderen Kindern, die keinen Förderbedarf haben. „Wir setzen die Kinder öfter mal um“, sagt die Deutschlehrerin, „das stärkt den Zusammenhalt.“
 

Hamburger Schifferklavier: Sabine Ahrens-Nebelung ist im Unterricht kreativ.
Pauline hat das Coffin-SirisSyndrom, eine seltene
Entwicklungsstörung. Trotzdem schafft sie die
Regelschule.

Intensivere Betreuung

Heute sitzt Pauline neben Olcay. Der Siebenjährige ist etwas verträumt und gemütlich und „braucht manchmal etwas, um in die Gänge zu kommen“, wie Ahrens-Nebelung es nennt. Trotzdem lernt er schneller als Pauline. Sie kann sich nicht so lange konzentrieren, ermüdet schneller, braucht öfter Pausen. Deshalb bekommt sie häufiger Arbeitsmaterial, das ihrem Tempo angepasst ist. Und leichtere Aufgaben, die sie lösen kann. Meist helfen die Lehrerinnen ihr dabei. Doch noch mehr lernt sie von ihren Mitschülern. „Pauline möchte so sein wie sie“, sagt Ahrens-Nebelung. „Sie schaut sich viel von ihnen ab.“

Seit einem Jahr ist Pauline Schülerin an der Louise Schroeder Schule. Seitdem hat sie große Fortschritte gemacht. Sie hat alle Buchstaben gelernt, kann kleine Silben lesen, ein bisschen rechnen. „Pauline ist sehr eifrig und möchte immer überall mitmachen“, sagt Angela Pfretzschner. „Aber sie ist dabei noch sehr kleinkindlich und stur. Wenn sie etwas nicht will, läuft sie weg oder wirft sich auf den Boden.“ Angela Pfretzschner ist eine von zehn Sonderpädagogen an der Schule. Sie unterrichtet die 2e im Wechsel mit der Klassenlehrerin Katrin Wilhelm, der Erzieherin Mechthild Borkowski und der Deutschlehrerin Sabine Ahrens-Nebelung. Sie alle achten auf die speziellen Bedürfnisse von Pauline, Anthony und Yusuf, lassen sie mit allen Sinnen lernen, bringen ihnen Gegenstände zum Anfassen und Begreifen mit. Soll Pauline Zahlen üben, lässt Pfretzschner sie gefüllte Wasserbomben in Eierkartons einsortieren. „Über solche Spielereien kann man sie gut motivieren“, sagt Pfretzschner. „Aber das geht bei uns nur im Team.“

Deshalb laufen die Lehrerinnen für gewöhnlich zu dritt zwischen den Tischen umher, mindestens zu zweit. Sie unterstützen sich gegenseitig, gestalten den Unterricht gemeinsam. Dadurch, sagt Pfretzschner, könnten sie allen gerecht werden, nicht nur den Kindern mit Lernschwierigkeiten. „Aufgrund unserer Tradition haben wir vergleichsweise viele Kinder mit besonderem Förderbedarf“, sagt Andrea Lübbe, die Förderkoordinatorin. „Deshalb sind wir personell gut aufgestellt.“ Sie weiß: Das ist nicht selbstverständlich.
 

Platzmangel an den Schulen

Denn nicht immer läuft es so glatt wie hier. Das zeigen die Erfahrungen der Hamburger Initiative Gute Inklusion. Sprecher Pit Katzer weiß genau, wo es auch in Hamburg noch hakt: Im vergangenen Jahr etwa häuften sich die Beschwerden von Eltern, deren Kinder mit Förderbedarf an ihrer Wunschschule abgelehnt wurden. Die Initiative forderte, das Schulwahlrecht für Kinder mit Behinderung zu stärken. Tatsächlich wurden die Bedingungen zum aktuellen Schuljahr verbessert. Statt 30 wurden nur noch zehn Prozent der Schulwünsche abgelehnt. Ein Gewinn für die Inklusion. Doch das heißt nicht, dass alles gut wäre. „Bei der Ressourcen- und Personalausstattung in den Schulen liegt Hamburg bundesweit weit vorne“, sagt Katzer, „aber trotzdem versucht die Schulbehörde immer wieder, den Förderbedarf in manchen Fällen zu drücken, um Kosten zu sparen.“
 

Olcay sitzt im Unterricht neben Pauline (oben). Auf dem Schulhof spielen sie zusammen mit anderen Kindern Verstecken.

Kampf um Fördergelder

Was das heißt, zeigt der Fall von Henri Haug. Der 20-Jährige geht in die Oberstufe einer Hamburger Ganztagsschule. Er hat das Asperger-Syndrom und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Er mag es, wenn es mit Recht und Ordnung zugeht. Und er braucht feste Routinen. Sechs Jahre lang hatte Henri aufgrund dieser Diagnose sonderpädagogischen Förderbedarf. Er konnte die Schulen besuchen, die er wollte, und er hatte einen festen Schulbegleiter.

Das änderte sich 2017. Im Briefkasten von Henris Familie lag ein Bescheid der Schulbehörde. Sie hatte Henris sonderpädagogischen Förderbedarf herabgestuft von Autismus auf „emotionale und soziale Entwicklung“. Das bedeutete: weniger Fördermittel für die Schule, kein Schulbegleiter mehr für Henri. „Für ihn war das ein Drama“, sagt sein Vater, Uwe Haug. Die Familie zog vor Gericht und bekam Recht.

 

3,2% - Die Inklusionsquote an Schulen bis Klasse 10 hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht.

 

Feste Bezugspersonen, klare Abläufe und Routinen – auch an der Louise Schroeder Schule weiß man, wie wichtig diese Dinge für Kinder mit Förderbedarf sind. Doch nicht nur sie, sondern alle Kinder profitieren vom inklusiven Schulalltag. „Für Kinder mit Förderbedarf muss man zum Beispiel Zusammenhänge sehr anschaulich erklären“, sagt Andrea Lübbe, die Förderkoordinatorin, „so wird der Unterricht insgesamt für alle Schüler einer Klasse besser.“ Auch sei der Anteil an Teamarbeit höher: Die Kinder lösen Aufgaben gemeinsam, helfen sich gegenseitig und lernen voneinander. Schließlich seien die Lehrerinnen und Lehrer auch dichter an den Kindern dran, sagt Lübbe. So werde jedes einzelne Kind individuell gefordert und gefördert.
 

Andrea Lübbe, Förderkoordinatorin der Louise Schroeder Schule
 

Und noch einen Vorteil hat der gemeinsame Unterricht: „Die Kinder lernen bei uns, dass es nichts Besonderes ist, wenn jemand im Rollstuhl sitzt, autistisch ist oder sich mal auf den Boden wirft, so wie Pauline“, sagt Lübbe. „Sie gehen sehr entspannt damit um, es fällt ihnen gar nicht auf.“ Was manchen Erwachsenen Angst macht oder unwohl fühlen lässt, ist für die Kinder der Klasse 2e völlig normal: Anderssein. Sie akzeptieren Anthony, Yusuf und Pauline so wie sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen.

Die inklusive Grundschule im Internet: louise-schroeder-schule.hamburg.de
 

Rechte: Teilhabe durch Reha

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) ist in Deutschland seit 2009 in Kraft. Die Deutsche Rentenversicherung trägt mit ihrem Aktionsprogramm zur Umsetzung der UN-BRK sowie mit ihren Rehaleistungen zur Inklusion bei. Spezifisch dient die Kinderreha dazu, Kinder und Jugendliche fit zu machen für Schule und Beruf. kinderreha.drv.info

33.421 Kindern hat die Rentenversicherung 2019 eine Reha ermöglicht.

Inklusion an deutschen Schulen


Bildung ist Ländersache – Inklusion in der Schule also auch. Daher sind die Unterschiede groß: Wie die Studie „Inklusive Bildung zwischen Licht und Schatten“ der Bertelsmann Stiftung zeigt, haben die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg sowie das Flächenland Schleswig-Holstein in den letzten zehn Jahren deutliche Fortschritte gemacht. In Ländern wie Baden-Württemberg oder Bayern gehen dagegen heute mehr Kinder mit Behinderungen auf Sonderschulen als 2008/09. Dieser Anteil wird „Exklusionsquote“ genannt und umfasst sehr unterschiedlichen Förderbedarf. Die Exklusionsquote liegt zwischen 0,9 Prozent in Bremen und 6,1 Prozent in Sachsen-Anhalt.

Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie: t1p.de/inklu-studie