Wird die Maschine den Menschen ersetzen?

 

 

JA

Frank Thelen ist Gründer der Risikokapital-Firma „Freigeist Capital“, die vorrangig in TechnologieStart-ups investiert, sowie Juror der TV-Gründershow „Die Höhle der Löwen“.
In seinem Buch „Startup-DNA“ beschäftigt er sich intensiv mit den Folgen Künstlicher Intelligenz.

»Es werden nicht alle Jobs wegfallen, aber es werden sehr viele sein. Man braucht dann kaum noch Menschen.«

Bei allen technischen Revolutionen gab es Menschen, die gesagt haben: Das wird ganz schlimm, das wird ganz viele Arbeitsplätze vernichten. Als Autos aufkamen, wurden Pferdesattlereien überflüssig. Computer verdrängten die Schreibmaschinenhersteller. Interessanterweise hat dann jede einzelne dieser Revolutionen mehr Arbeitsplätze geschaffen und mehr Wohlstand. Aber meine Einschätzung ist: Diesmal haben wir eine völlig andere Situation. Künstliche Intelligenz (KI) allein ist nicht das Thema. KI kann Dinge übernehmen wie Autos fahren oder Koffer am Flughafen durchleuchten. Und es macht auch keinen Sinn, für solche Aufgaben Menschen auszubilden. Ein Computer kann das einfach besser. Aber dadurch entfallen immer nur einzelne Aufgaben. Ganz anders wird es, wenn die Entwicklung in die Breite geht. Und das wird passieren, sobald wir großflächig KI mit Robotern und 3D-Druckern verknüpfen. Bislang kennen wir Roboter ja gar nicht in unserem alltäglichen Leben, höchstens mal als autonom fahrenden Staubsauger. Auch 3D-Drucker sind noch nicht wirklich in unserem Leben angekommen. Es sagt ja keiner: „Uns fehlt ein Stuhl in der Küche. Druck den doch mal schnell.“ Aber das wird kommen. Vielleicht sind es bis dahin noch 10 bis 15 Jahre – aber es wird kommen. Natürlich wird es eine geistige Elite geben, die das Ganze noch steuern wird. Und natürlich gibt es in vielen Berufen Vorteile, weil sie von monotonen Aufgaben befreit werden. Ein Arzt, der sich weniger um Dokumentation und Diagnosen kümmern muss, die auch KI erledigen kann, hat mehr Zeit, sich menschlich mit dem krebskranken Patienten zu beschäftigen. Aber in erster Linie brauchen Patienten eine Antwort auf die Frage: Habe ich Krebs oder nicht? Es werden nicht alle Jobs wegfallen, aber es werden sehr viele sein. Dann braucht man Menschen nur noch in Bereichen, in denen es besonders auf Intuition, Emotion oder Empathie ankommt. Wer tanzen, singen, begeistern oder Geschichten erzählen kann, hat wahrscheinlich bessere Zukunftschancen als ein Bauingenieur. Das birgt Gefahren. Große Teile der Bevölkerung können abgehängt werden. So entstehen Parallelgesellschaften und Gewalt. Meine Frau stammt aus Brasilien, dort sehe ich so etwas. Unsere Gesellschaft muss es hinbekommen, dass Menschen trotz Umbrüchen in der Arbeitswelt ein Leben in Würde führen können, mit einem Dach über dem Kopf, Bildung, Ernährung und Ausleben eines Hobbys, etwa der Mitgliedschaft im Sportverein. Ansonsten möchte ich mir unsere Zukunft lieber nicht vorstellen.
 

NEIN

Professor Enzo Weber leitet den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg. Er hält den Lehrstuhl für Empirische
Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg.

»Die Zahl der Jobs wird insgesamt nicht wesentlich niedriger sein. Es werden nur bessere Qualifizierungen gefragt sein.«

Wird Künstliche Intelligenz (KI) viele Arbeitsplätze vernichten? Ja. Jedenfalls Arbeitsplätze in der Form, wie wir sie heute kennen. Aber das bedeutet nicht, dass wir dadurch insgesamt eine geringere Anzahl von Jobs haben werden. Wäre es so, hätten wir in der Vergangenheit schon mehrfach sämtliche vorhandenen Jobs verloren. Aber so ist es nicht gekommen. Früher wurden Jobs ersetzt, die mit Muskelkraft ausgeübt wurden, jetzt werden Routineaufgaben wegfallen: Tätigkeiten, die auf einem klaren, logischen, vorherbestimmten Ablauf basieren. Dazu gehören viele Bereiche, in denen Material verarbeitet wird oder Maschinen gesteuert werden, aber auch Bürojobs wie im Rechnungswesen. Doch es betrifft nicht nur diese Bereiche, und es betrifft auch Akademiker. Aber kein Job besteht nur aus routinemäßigen Aufgaben. KI kann inzwischen standardmäßige Zeitungsberichte verfassen, aber keinen literarisch formulierten Artikel. Auch bei Ärzten gibt es Routineaufgaben, die KI übernehmen kann. Aber viele Ärzte klagen ja darüber, dass sie solche Aufgaben aufgebrummt bekommen, statt sich um ihre Patienten kümmern zu können. Da wäre Künstliche Intelligenz eine willkommene Hilfe. Und in Unternehmen erlauben es lernende Systeme, ganze betriebliche Abläufe digital zu vernetzen, das Marketing mit dem Management und der Produktion. Und dafür braucht es Menschen, die über einen Tätigkeitsbereich hinausdenken und die gesamten Abläufe durchblicken. Natürlich darf man nicht alles rosarot zeichnen. Noch gibt es ja Menschen, die diese Tätigkeiten ausführen, und die können wir nicht mit einem Fingerschnippen in andere Tätigkeiten befördern. Es muss einen effektiven Anpassungsprozess geben, sonst kann Arbeitslosigkeit entstehen. Nicht, weil nicht insgesamt genug Jobs vorhanden, sondern, weil viele Menschen für die neuen Jobs nicht qualifiziert wären. Das war in den 70er-Jahren ähnlich und ist alles andere als harmlos. Darum brauchen wir eine Weiterbildungspolitik, die den Namen verdient. Bislang gilt als selbstverständlich, dass wir eine Erstausbildung haben, die von Gesellschaft und Staat organisiert und bezahlt wird. Und eine Arbeitsmarktpolitik, die aktiv wird, wenn Menschen ihre Jobs verlieren. Eine Bildungspolitik für Beschäftigte ist hingegen kaum vorhanden. Dabei geht es nicht um das Ausbilden bei der Bedienung einer neuen Maschine; darum kümmert sich der Arbeitgeber. Wir brauchen vor allem Beratung und Fortbildung in übergreifenden Kompetenzen. Und das ist keine rein betriebliche, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe.