Das Mehrgenerationenhaus in Essen-Rüttenscheid: Hier leben seit 2018 junge und alte Menschen in 26 Wohnungen – und einer Kita.
Das Mehrgenerationenhaus in Essen-Rüttenscheid: Hier leben seit 2018 junge und alte Menschen in 26 Wohnungen – und einer Kita.



Gemeinsam statt einsam

Hartnäckiger Nieselregen, keine Wolkenlücke in Sicht. Wolfgang Krenz schaut aus einem Fenster des weißen, dreistöckigen Mietshauses und schüttelt den Kopf: Heute ist wirklich kein Gartenwetter. Krenz, groß, graue Haare, verschmitztes Lächeln, schaut auf braune Matsche dort, wo er sonst mittwochs immer mit den KitaKindern von unten gärtnern geht. Der 71-Jährige wohnt gemeinsam mit seiner Frau in einem Mehrgenerationenhaus in Essen-Rüttenscheid. Seit 2018 leben hier Menschen aller Altersstufen miteinander – verteilt über 26 Wohnungen und eine Kita. Für die Kinder dort spielt Krenz gern ab und zu den „Garten-Onkel“, denn im Mehrgenerationenhaus geht es ums Miteinander. Man will nicht nebeneinanderher leben. Deshalb hat Krenz auf der Rückseite des Hauses mit den Kindern Beete angelegt. „Das wird heute nichts“, sagt der Rentner, dann lässt er sich auf ein braunes Ledersofa fallen und greift zu einem Kinderbuch. Sechs Kinder setzen sich zu ihm und hören gespannt zu, als er ihnen vom „König Elch“ vorliest. „Eigentlich sind fürs Vorlesen zwei Damen aus dem Haus zuständig, immer montags“, erklärt er. Aber manchmal müsse man eben improvisieren, sagt Krenz, der mit seiner Garten-Gruppe auch bastelt, spielt und Ausflüge ins Grüne unternimmt. „Herr Krenz engagiert sich wirklich vorbildlich. Er und die anderen ehrenamtlichen Helfer aus dem Haus sind ein großer Schatz“, lobt Katharina Quittek, Kindergärtnerin und stellvertretende Leiterin des „Kinderhaus Miteinander“ auf zwei Stockwerken im Haus. Der „Verein für Kinder und Jugendarbeit in sozialen Brennpunkten“, Träger der Kita, ist einer der vielen Kooperationspartner des Mehrgenerationenhauses. Initiator war die Anneliese-BrostStiftung, die sich der lokalen Förderung der Jugend- und Altenhilfe widmet. Hinzu kommt die Anbro Immobilien GmbH; ihr gehört der Neubau, in dem es Wohnungen von 45 bis 150 Quadratmeter Größe gibt. Außerdem ist die Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit im Boot, der Kreisverband Essen kümmert sich um die Haus- und Wohnungsverwaltung sowie die soziale Betreuung der Mieter.
 

1 Wolfgang Krenz, 71

Basteln, gärtnern, vorlesen: Erzieherin Katharina Quittek und Nachbar Wolfgang Krenz mit Kindern der Essener Kita „Miteinander“.

Der Essener hat „in vielen Berufen gearbeitet“ und ist nun seit mehreren Jahren in Rente, aber weiter als Feng-Shui-Berater selbstständig. Im Mehrgenerationenhaus kennen ihn alle als vorbildlich engagierten „Garten-Onkel“. Krenz ist froh, sein Wissen an Kinder weitergeben zu können.
 

Alt und Jung unter einem Dach

„Die Kita im Haus ist eine wirklich tolle Sache“, finden Gabi und Peter Dinkelmann. Das Rentnerpaar gehört zu den ersten Mietern, sie bewohnen eine 85 Quadratmeter große Wohnung im zweiten Stock. Dass die Kita nur eine Aufzugfahrt entfernt ist, ist für die Dinkelmanns ein großes Plus: Zwei ihrer Enkelkinder gehen in die Einrichtung, in der rund 60 Kinder im Alter von drei Monaten bis sechs Jahren betreut werden. Während das „natürlich ein wichtiger Grund war, hierher zu ziehen“, so die ehemalige Chemielaborantin, war etwas anderes für den Umzug ausschlaggebend: Die neue Wohnung ist barrierefrei – wie alle anderen Wohnungen und die Gemeinschaftsflächen im Haus. Peter Dinkelmann hat Probleme mit den Knien. Der 69-Jährige konnte die Treppen zur drei Straßen entfernten alten Wohnung nicht mehr bewältigen. „Ich kann nur jedem raten, sich rechtzeitig um eine altersgerechte Wohnung zu kümmern“, sagt er. 2018 betrug der Anteil der Bevölkerung im Alter von 65 Jahren und älter an der Gesamtbevölkerung in Nordrhein-Westfalen 21 Prozent – das entspricht in etwa dem Bundesdurchschnitt. Im Jahr 2060 werden rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland 65 Jahre oder älter sein, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Der Anteil der Älteren wächst also, wenn auch nicht so stark wie noch vor einigen Jahren vermutet. MehrgenerationenProjekte wie das in Essen sind für die Generation 60plus besonders attraktiv, weiß Nicole Müller, Referentin der Abteilung Liegenschaften bei der AWO: „Hier kann man aktiv und selbstbestimmt alt werden.“ Der größte Teil der Wohnungen in der Wittenbergstraße sei an Paare oder Alleinstehende vermietet, die über 60 Jahre alt seien. Zusätzlich zum Mietvertrag schließt jeder Mieter einen Vertrag über eine Servicepauschale ab. Damit finanziert die AWO eine soziale Betreuung. Sozialarbeiterin Jennifer Wallrad bietet unter anderem einmal im Monat eine Sprechstunde für die Mieter an. „Wird zum Beispiel ambulante Hilfe benötigt, kann ich entsprechende Angebote empfehlen oder vermitteln“, erläutert die Sozialpädagogin. Dauerhaft Pflegebedürftige müssten allerdings in eine entsprechende Einrichtung umziehen.
 

Gruppenbild mit Mops: Verwalterin Nicole Müller, Mieterin Suse Seel und Jennifer Wallrad, die
das Gemeinschaftsleben organisiert (v.l.).

2 Suse Seel, 68

Renteneintritt mit 67Jahren. Wohnt auf 45 Quadratmetern im 2. Stock. Seel hat viele Jahre im Raum Leipzig gelebt. Nun ist sie in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Im Haus für Alt und Jung schätzt sie den Austausch der Mieter untereinander und dass ihr Mops Ignatz die KitaKinder mag – und sie ihn!
 

»Die Initiative für gemeinschaftliche Aktionen geht von den Mietern selbst aus.«

Jennifer Wallrad, AWO Sozialarbeiterin
 

Natürlich wohnen auch Menschen mittleren Alters in der Anlage. Zum Beispiel die 46-jährige Babette Verbiesen. „Ich habe vorher in einer sehr ruhigen Gegend gewohnt und hatte das Gefühl, dort zu vereinsamen“, erzählt sie. In ihrer neuen Wohnung im ersten Stock ist das anders. Verbiesen arbeitet Teilzeit als Servicekraft an der Essener Uniklinik, und wenn sie Feierabend hat, schaut sie gerne von ihrem Balkon aus den Kita-Kindern beim Spielen im Garten zu. Auch den Kreativnachmittag besucht sie regelmäßig. Sehr praktisch findet sie, dass im Haus ein Mittagstisch angeboten wird: Die Kita beschäftigt eine eigene Köchin, die montags bis freitags ein Mittagessen zubereitet, das sich die Mieter des Mehrgenerationenhauses nach Vorbestellung abholen können. „Alles ganz unkompliziert“, lobt Verbiesen. Damit aus dem Nebeneinander ein Miteinander wird, braucht es immer wieder Impulse, ist Sozialarbeiterin Wallrad überzeugt. „Beispielsweise das gemeinsame Dekorieren durch die Mieter zu Ostern, Lesungen oder ein Yoga-Kurs, der ebenfalls im Gemeinschaftsraum stattfindet.“ Es sei dabei wichtig, nichts von außen überzustülpen, die Initiative müsse von den Bewohnern selbst ausgehen – „und das funktioniert hier nach relativ kurzer Zeit sehr gut.“ Dreh- und Angelpunkt für die gemeinsamen Aktivitäten im Haus ist der Gemeinschaftsraum, der mit Tischen, Stühlen, bequemen Sitzgelegenheiten und bunten Bildern eingerichtet ist. Hier ist jeden Freitag „Kreativnachmittag“, dann duftet es aus der Küche nach Kaffee. Das Treffen hat eine Gruppe von Mietern ins Leben gerufen. Seitdem wird einmal die Woche gebastelt, gegessen, getrunken – und natürlich gequatscht. Ebenfalls von den Mietern organisiert: ein monatlicher Filmabend, „zu dem auch Leute aus dem Haus kommen, die man sonst nicht so oft sieht“, erzählt Peter Dinkelmann.
 

Gabi und Peter Dinkelmann, 68, 69

Der Kommunalpolitiker und Sachverständige ging mit 65 in Rente. Damals hörte auch seine Frau auf, als Chemielaborantin zu arbeiten. Gabi Dinkelmann engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich – nun auch im Mehrgenerationenhaus. Ihr fiel der Umzug schwer; er ist „froh, den Schritt rechtzeitig getan zu haben“.
 

» Hier kann man aktiv und selbstbestimmt alt werden.«

Nicole Müller, AWO Liegenschaftsleiterin des Mehrgenerationenhauses
 

Kurze Wege, schneller Anschluss

Auf Dinkelmanns Stockwerk liegt vor einer benachbarten Wohnungstür ein Mops. Hinter dem kleinen Hund öffnet sich jetzt eine geschmackvoll eingerichtete Zweizimmerwohnung. „Das ist Ignatz, der wohnt auch hier“, sagt Suse Seel und bittet herein. „Das Einleben fiel ihm und mir zum Glück gar nicht schwer“, sagt die kleine, rothaarige Frau. Die 68-Jährige, viele Jahre als Pharmareferentin in der Region Halle-Leipzig tätig, wollte unbedingt in ihre alte Heimat zurück. Vom Mehrgenerationenprojekt an der Wittenbergstraße hatte sie durch eine Essener Freundin erfahren. „Ich habe das Bauprojekt sehr interessiert verfolgt und mehrmals die Baustelle besucht“, erzählt sie. Seel, im Februar 2018 eingezogen, schätzt die hochwertige Ausstattung der Wohnungen mit Echtholz-Boden, Fußbodenheizung und Dreifach-Verglasung. Ein Pluspunkt sei auch die zentrale Lage: der Weg zu Kunst und Kultur, zu Einkaufsmöglichkeiten und Ärzten ist nicht weit. Anschluss im Haus hat sie problemlos gefunden – dank Mops Ignatz auch zur jüngeren Generation: „Die Kita-Kinder lieben ihn und er liebt sie.“ So ist es auch mit Wolfgang Krenz, der zufrieden das Kinderbuch zuklappt. „Das ist alles ganz locker hier“, freut sich der freiwillige Vorlese-Onkel. Niemand müsse irgendwo mitmachen, aber alle seien stets willkommen, betont Krenz, der in sein Ehrenamt „mehr so reingerutscht“ ist, aber inzwischen mit Feuer und Flamme bei der Sache ist: Aus zwei Beeten im Kita-Garten sollen noch viel mehr werden. „Die Kinder müssen schließlich möglichst viele Gemüsesorten kennenlernen“, sagt der Rentner und steht auf, um einen Blick nach draußen zu werfen. Endlich: Der Regen hat aufgehört, jetzt geht’s in den Garten!
 

Babette Verbiesen, 46

Die ausgebildete Krankenschwester arbeitet in Teilzeit in der Uniklinik. Aus gesundheitlichen Gründen bezieht sie seit 2009 eine Teilerwerbsminderungsrente. Sie ist gern unter Menschen und liebt ihren großen Balkon, von dem aus sie den Kita-Kindern beim Spielen zusehen kann.
 

Der Experte: „Freude und Stolz auf das Erreichte“

1 Für wen eignet sich das Konzept generationsübergreifendes Wohnen?
Man muss bereit sein, sich auf Gemeinschaft einzulassen. Toleranz, gegenseitige Rücksichtnahme und die Bereitschaft, sich zu engagieren, gehören auch dazu. Im Gegenzug kann es viel Freude und Stolz auf das Erreichte bringen.

2 Was sind die größten Herausforderungen?
Egal, um welche Formen des gemeinschaftlichen Wohnens es geht, die großen Herausforderungen sind Finanzierung, Organisation und Betrieb sowie die Einbindung in das soziale Umfeld. Dafür gibt es vielfältige Beratung und Unterstützung.

3 Wie lassen sich solche Wohnanlagen gut ins Stadtviertel einbinden?
Durch gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit mit Vereinen und Initiativen. Die Wohnanlagen können Begegnungsräume werden, Orte für Sport, Kultur oder Rentenberatung.
 

Prof. Peter Dehne erforscht an der Hochschule Neubrandenburg die Auswirkungen des demografischen Wandels.

Wissen: Was ist Mehrgenerationenwohnen?

„Begegnungsorte, an denen das Miteinander der Generationen aktiv gelebt wird“ – diese Definition für Mehrgenerationenhäuser gibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). An seinem Bundesprogramm „Mehrgenerationenhaus“ nehmen deutschlandweit 540 Häuser teil, von denen viele aber lediglich Treffpunkte und Tagesprogramm bieten, kein gemeinsames Wohnen. Mehrgenerationenwohnen ist daher die intensivste Form eines generationsübergreifenden Hauses. Die Projekte sind vielfältig: Es gibt große Wohngemeinschaften mit gemeinsamer Küche, aber auch eigenständige Wohneinheiten, die ihr Zusammenleben in einer großen Gemeinschaft organisieren. Wieder andere ähneln kleinen Dörfern. Größe und Bewohneranzahl können ganz unterschiedlich sein. Das Potenzial von Mehrgenerationenhäusern haben neben Initiativen von Privatpersonen auch Wohnungsunternehmen, soziale Dienstleister und Kommunen erkannt und gehen – wie im MGH Essen – erweiterte Kooperationen ein. Das Forum Gemeinschaftliches Wohnen e.V. berät und vernetzt Akteure.

Mehr Infos unter:
t1p.de/mgh-program
fgw-ev.de