Alma Evert berät Versicherte in ganz Berlin, wie hier in Gesundbrunnen.
Alma Evert berät Versicherte in ganz Berlin, wie hier in Gesundbrunnen.



Sie bauen Brücken


Wenn Alma Evert mittwochs in den Pavillon an der Berliner Brunnenstraße kommt, sind ihre Kunden oft erstaunt: „Sie sind ja viel jünger, als ich erwartet hatte“, sagen sie dann, bevor sie sich von der lebendigen Endfünfzigerin zum Thema Rente beraten lassen. Als eine der „Versichertenältesten“ der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg ist Evert solche Verwunderung gewohnt, klingt der Ehrenamtstitel doch tatsächlich nach weißem Haupthaar.

„Dabei ist das einfach nur ein traditioneller Ausdruck für die ehrenamtlichen Versichertenberater“, erläutert Evert. Die sind selbst Rentenversicherte mit mehr Fachwissen, sodass sie andere Versicherte beraten können (siehe Kasten). Ihr Alter spielt dabei keine Rolle, auch wenn Evert schelmisch ergänzt: „Bei den Schulungen fühle ich mich dann aber doch immer sehr jung.“
 

2,0 Millionen Beratungen pro Jahr leisten die ehrenamtlichen Versichertenältesten und Versichertenberaterinnen und -berater der Rentenversicherung.


Evert wünscht sich, dass mehr Jüngere das Ehrenamt übernehmen – ebenso wie mehr Menschen mit Migrationsgeschichte. Sie selbst stammt ursprünglich aus Kasachstan. Seit fast 20 Jahren ist sie freiberufliche Sozialberaterin. Als solche kümmert sie sich hauptberuflich darum, dass verschiedene Kulturen möglichst gut zusammenleben, berät Eingewanderte und hilft bei der Integration. Vor knapp zehn Jahren entschied sie sich, nebenher Menschen in Rentenfragen zu beraten und sie bei der Antragstellung zu unterstützen.

Heute ist Evert mal wieder im Brunnenkiez unterwegs. Das Viertel grenzt direkt nordwestlich an die ehemalige Berliner Mauer, zwei Drittel der Bewohner hier haben einen Migrationshintergrund. Die Beraterin spricht Russisch und Türkisch. So kann sie ihren Kunden die schwierigen Fachbegriffe besser erläutern: „Es erzeugt Vertrauen, sie fühlen sich gut aufgehoben bei mir.“ Russischstämmige Versicherte hätten dabei oft ganz andere Fragen als etwa türkisch- oder arabischstämmige. „Viele sind zum Beispiel noch nicht so lange in Deutschland und haben bei der Rentenkontenklärung Fragen zu Beitragszeiten, die sie in der Heimat geleistet haben.

Natürlich berate sie auch genauso viele Deutsche ohne Einwanderungsgeschichte, Menschen jeden Alters und mit Fragen zu allen Rentenarten. Die häufigsten Beratungen leistet Evert zu Erwerbsminderungsrenten, „die sind ziemlich kompliziert“.

Die Antragstellung werde immer digitaler, nicht nur wegen Corona. Von der Notwendigkeit eines Gesprächs – und sei es nur telefonisch – ist sie trotzdem überzeugt. „Die Menschen sind sehr, sehr dankbar, dass es uns gibt, wir nehmen ihnen die Angst vor den Behörden.“ Für Alma Evert sind die Berater deshalb keine „Ältesten“, sondern „Brückenbauer zur Deutschen Rentenversicherung“.
 

Mehrsprachigkeit und Geduld

Die meisten Versichertenältesten und Versichertenberaterinnen und -berater sind jedoch tatsächlich schon älteren Semesters. Dragan Pribic aus Frankfurt am Main ist einer von ihnen. Typisch deutsch ist der 70-Jährige dennoch nicht. Vor mehr als einem halben Jahrhundert kam der Serbe aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland, um hier als medizinisch-technischer Assistent (MTA) an einer Uni-Klinik zu arbeiten. Zu seinem Ehrenamt kam er vor fast 20 Jahren. Die Versichertenberaterinnen und -berater und Versichertenältesten werden im Rahmen der Sozialwahlen gewählt. Das Vorschlagsrecht haben Arbeitnehmervertretungen, etwa Gewerkschaften. Auch Pribic’ Sohn ist sozial engagiert. Er war es, der der Ausländervertretung damals vorschlug, gezielt um Migranten zu werben. Einer der ersten dieser neuen Ehrenamtler wurde dann sein Vater.
 

Älterer Herr in Lila Pullover guckt in die Kamera mit neutralem Gesichtsausdruck

»Wenn wir das in der Sprache der Leute erklären, dann klappt es auch.«

Dragan Pribic, Versichertenberater
 


„Vor allem für ältere Menschen, die schlecht Deutsch können, ist das sehr wichtig“, betont Pribic. „Mit den Anträgen haben ja selbst Deutsche mit Diplom manchmal Schwierigkeiten“, witzelt er, „aber wenn wir das erklären, dann klappt es auch.“ Von großem Vorteil seien Mehrsprachigkeit, Sachkenntnis aus fachspezifischen Schulungen und vor allem: Geduld.
 

Draht in die Gemeinschaften

„Bei Sprachproblemen kann eine Beratung manchmal länger dauern“, weiß auch Julia Langhammer, die Versicherte in Jena berät. „Es kann passieren, dass Versichterte mit Sprachschwierigkeiten nicht mitkommen“, sagt die 37-Jährige, die hauptberuflich beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) arbeitet. Sie selbst nehme sich in solchen Fällen besonders viel Zeit.
 

Frau (Ende 40) in grünem Pullover mit blauem Schal guckt neutral in die Kamera

»Termine mit Versicherten aus Russland mache ich mit Sprachmittlern.«

Julia Langhammer, Versichertenberaterin
 


„Berater mit Sprachkompetenzen sind natürlich ideal“, sagt Langhammer, die auch sehr viele Russlanddeutsche berät. Wenn es die nicht gibt, finde sie aber andere Lösungen: „Ich mache solche Termine immer mit Sprachmittlern, das sind oft die Kinder oder Berater der älteren Herrschaften.“ Wichtig sei, einen Draht in die kulturellen Gemeinschaften zu entwickeln: „Seitdem ich einen guten Kontakt in die russlanddeutsche Community aufgebaut habe, kommen die Leute gern zu mir“, sagt die Beraterin.

Bei der Sozialwahl, in der die Versichertenberater bestimmt werden, stellte sie der DGB auf. „Alles in allem ist das ein angenehmes Ehrenamt“, sagt Langhammer, die sich ihre Zeiten selbst einteilen kann. Ihr Engagement ist ein Beispiel dafür, dass die Beratung vielfältiger wird, in ihrem Fall jünger und weiblicher. Aber eben auch internationaler, wie Pribic und Evert zeigen.
 

SELBSTVERWALTUNG: 4.300 Ehrenamtliche in ganz Deutschland

Unabhängige Beratung ist oft schwer zu bekommen. Für die Rentenversicherung sorgen deshalb rund 4.300 Versichertenberaterinnen und -berater für eine ortsnahe und persönliche Beratung. In manchen Gegenden heißen sie unabhängig vom Alter „Versichertenälteste“. Als Teil der Selbstverwaltung arbeiten sie gegen eine geringe Aufwandsentschädigung ehrenamtlich. Vielfalt ist auch hier möglich, denn es kann sich jeder Versicherte bewerben. Da die Versichertenberater und Versichertenältesten selbst Versicherte oder Rentenbezieher sind und Schulungen erhalten, kennen sie sich bestens aus. Jährlich nehmen die Versichertenberater und Versichertenältesten mehr als 400.000 Anträge auf. Sie helfen den Rentenversicherten telefonisch oder treffen sich persönlich mit ihnen.

Information zur Selbstverwaltung: www.t1p.de/DRV-Berater

Suche nach Beratern: https://t1p.de/DRV-Beratungssuche