Die neuen Weitermacher

 

Endlich den Ruhestand antreten, sich um Liegengebliebenes kümmern, öfter mal Urlaub machen – viele Arbeitnehmer freuen sich, endlich nicht mehr arbeiten zu müssen.
Ingrid Wolfrum sieht das anders. Die 67-jährige Werkstoffanalytikerin war eigentlich vor knapp zwei Jahren in Rente gegangen. Trotzdem ist sie heute SeniorExpertin bei Bosch. Für ein Projekt und um jüngere Kollegen anzulernen, kommt sie zwei Mal die Woche in eines der Werke nach Stuttgart-Feuerbach. „Es ist die schönste Zeit in meinem Arbeitsleben“, schwärmt Wolfrum, „ich muss nichts mehr beweisen und mein fachliches Wissen wird gebraucht“. Ähnlich sieht es die Lehrerin Antonie Böttinger, die auch im vorgeblichen Ruhestand weiterhin an ihrer alten Schule unterrichtet. „Ich fühle mich total wertgeschätzt“, sagt sie.
Noch nicht in Rente, aber trotzdem hoch geschätzt wird Klaus Zander. Sein Arbeitgeber, die Firma Fahrion, wirbt schon seit 1999 gezielt um Personal, das älter als 50 ist. „Ich und andere ältere Kollegen erkennen Probleme und Zusammenhänge neuer Projekte viel schneller als Berufsanfänger“, sagt der 60-Jährige.
 

58,4 %: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 65-Jährigen war Ende 2017 mehr als doppelt so hoch wie 2005. Damals lag sie noch bei lediglich 28,1 Prozent.

Immer mehr Menschen ab 60 arbeiten. Die Gründe reichen vom steigenden Rentenalter bis zum Fachkräftemangel.


Immer mehr Unternehmen – darunter Konzerne wie Otto, Lufthansa, Daimler und Bosch – schicken die Fortgeschrittenen nicht in Frührente, sondern suchen gezielt nach langjähriger Arbeitserfahrung.
Für Ältere sind die Beschäftigungschancen in Deutschland in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Seit 2005 ist die Zahl der 55- bis 65-jährigen Arbeitnehmer um 83 Prozent auf gut acht Millionen gestiegen. Bei den 60- bis 65-Jährigen hat sich die Erwerbstätigenquote in dem Zeitraum sogar mehr als verdoppelt: 2017 gingen mehr als 58 Prozent dieser Altersgruppe einem Beruf nach. Auch nach Erreichen des 65. Lebensjahres ist ein steigender Anteil der Senioren noch berufstätig. 2017 waren es knapp 1,2 Millionen, mehr als doppelt so viele wie 2005. Die Gründe für den Sinneswandel sind vielfältig: Das Renteneintrittsalter steigt, die Menschen werden älter, überall fehlen Fachkräfte, gleichzeitig boomt die Wirtschaft, und immer mehr Unternehmen merken, dass das Wissen älterer Mitarbeiter oft Gold wert ist.

Eine von 1.500 Senior-Experten

Weitergemacht

Name: Ingrid Wolfrum
Alter: 67
Erfahrung: Als SeniorExpertin wird die Werkstoffanalytikerin von ihren Kollegen bei Bosch hoch geschätzt. Eigentlich ist sie in Rente, kommt aber zurzeit zwei Tage die Woche rein, um mit halb so alten Kollegen zu arbeiten.

Am Bosch-Standort Stuttgart-Feuerbach deutet Ingrid Wolfrum auf drei Computerbildschirme, vor denen ein junger Mann sitzt. „Das ist die zweite von vier Proben, die wir uns angucken müssen“, erklärt sie ihrem 31 Jahre jungen Kollegen Marcel Angst. Gemeinsam prüfen die beiden Teile von Dieselpumpen. Ihr wichtigstes Werkzeug: ein Raster-Elektronenmikroskop, das mit dem Bildschirm verbunden ist und über das sie winzige Bruchstellen, Risse, Materialfehler erkennen können.
„Sie sieht problematische Stellen viel schneller und hat häufig auch gleich eine Einschätzung über die Ursache parat“, erklärt Marcel Angst, der seit fünf Jahren bei Bosch ist. Seine Mentorin hingegen hatte bereits mehr als vier Jahrzehnte für die Firma gearbeitet, als sie 2016 in Rente ging. Heute gehört sie zu den reaktivierten Rentnern des Bosch-Projekts „Seniorexperten“, das ehemalige Mitarbeiter zurückholt – zur Beratung, für Projekte oder bei Engpässen. Bereits Ende der Neunzigerjahre gründeten die Stuttgarter eine Tochtergesellschaft, die Bosch Management Support GmbH (BMS), die sich weltweit um den Einsatz der Rentner kümmert. Waren es zu Beginn gerade einmal 30, sind heute mehr als 1.500 SeniorExperten bei BMS registriert. Allein im Jahr 2016 stemmten die Senior-Experten zusammen 65.000 Arbeitstage.
Einige von ihnen schätzen es, gebraucht zu werden, sich fachlich auf dem neusten Stand zu halten. Andere bessern ihre Rente auf, denn den Senior-Experten wird ein Honorar gezahlt, das sich an ihren früheren Gehältern orientiert. Zahl, Dauer und Inhalt der Einsätze werden individuell vereinbart. Dabei ist gesetzlich vorgegeben, dass eine kurzfristige befristete Beschäftigung im Laufe eines Kalenderjahres auf nicht mehr als drei Monate oder insgesamt 70 Arbeitstage kommen darf. Wer länger arbeitet, muss von seinem Verdienst Sozialabgaben bezahlen. Neue Möglichkeiten bietet hier seit vergangenem Jahr die Flexirente (Kasten links). Ingrid Wolfrum jedenfalls hat ihre ganz eigene Motivation, ihren Ruhestand für zwei Tage die Woche zu unterbrechen: „Ich möchte mir mit dem Geld einen Traum erfüllen: eine Reise nach Nepal.“

Mit Gelassenheit im Klassenraum

Wiedergeholt

Name: Antonie Böttinger
Alter: 67
Erfahrung: Die Musikund Religionslehrerin hatte sich schon mehrfach aus ihrer Schule in Waiblingen verabschiedet. Aber dann entschied sie sich immer wieder dafür, doch noch eine neue erste Klasse zu übernehmen.

Im Musiksaal der Wolfgang-Zacher-Schule im schwäbischen Waiblingen halten zwölf Kinder Triangeln, Trommeln und Rasseln in den Händen und gucken auf ihre Lehrerin, die jetzt zwei Klanghölzer gegeneinander schlägt und zu singen beginnt: „Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch?“ – Alle Kinder stimmen ein.
Eigentlich könnte die 67-jährige Antonie Böttinger bereits seit drei Jahren zu Hause bleiben. Stattdessen kommt sie weiter in die Schule und unterrichtet die Klasse 2a in Musik und Religion. Seit 37 Jahren arbeitet sie an der Schule, hat drei Schulleiter miterlebt und acht Klassen vom ersten Schuljahr an begleitet. „Mir war es immer wichtig, zuerst eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen. Wenn sie das Gefühl haben, dass man sie mag und sie einen mögen, fällt das Lernen einfacher“, beschreibt sie ihre Philosophie. Diesen Ansatz versuche sie auch den Jüngeren im Kollegium näherzubringen: „Frisch von der Universität, schauen sie häufig noch zu sehr auf den Lehrplan, aber erst einmal muss man die Kinder erreichen. Das mache ich meist übers Singen, ein Gedicht oder ein Fingerspiel.“

»Ich probiere neue Texte, andere Lieder aus, das beflügelt mich!«

Antonie Böttinger, Lehrerin mit 67

Deutschland mangelt es an Lehrern. Laut Deutschem Lehrerverband bleiben in diesem Jahr bundesweit 10.000 Stellen unbesetzt, weitere 30.000 Stellen müssen durch Quereinsteiger oder zurückgeholte Lehrer abgedeckt werden. In Baden-Württemberg stehen allein an den Grundschulen 800 „Weitermacher“ vor den Schülern. Böttinger ist eine von ihnen. Darum bitten musste man sie nicht. Bereits vor drei Jahren hätte sie aufhören können. Jahr für Jahr hat sie sich dagegen entschieden. Dann wurde sie offiziell verabschiedet – und ist trotzdem geblieben. Ihr heutiges Pensum: sechs Stunden Unterricht pro Woche und eine AG für textiles Handwerken.
„Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt ne kleine Wanze ...“ Im Musikraum ist das nächste Lied an der Reihe. Eine Schülerin stellt sich auf Zehenspitzen und wischt den letzten Buchstaben des Wortes „WANZE“ von der Tafel. „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ne kleine Wanz ...“ Die 24 Kinder singen, klatschen, schnipsen. Zwei Jungs schubsen sich kreischend ihre Federtaschen zu. Böttinger bleibt gelassen. „Mich hat Unterrichten noch nie gestresst, der Umgang mit Kindern hält mich jung.“
Sich beim Unterrichtsinhalt auf dem Stoff vergangener Jahrzehnte auszuruhen, kommt für sie nicht infrage: „Ich probiere neue Texte, andere Lieder aus, das beflügelt mich.“ Und das mit fast 70 Jahren? Kein Problem für Böttinger: Als Ausgleich fährt sie viel Rad, nimmt Stimmtraining und Klavierunterricht. So halte sie sich „geistig fit“. Fit für ihre nächste Stunde mit der 2a.

Ingenieure bis 65 Jahre gesucht

Wertgeschätzt

Name: Klaus Zander
Alter: 60
Erfahrung: Bei den schwäbischen Ingenieuren von Fahrion plant er Werkhallen für Auto-, Flugzeug- oder Bootsbauer. Sein Arbeitgeber sucht schon seit knapp 20 Jahren gezielt nach älteren Mitarbeitern jenseits der 55.

Eine Halle für zwanzig Maschinen planen – das war Klaus Zanders erste größere Aufgabe bei der Fahrion Engineering GmbH im schwäbischen Kornwestheim. Das war Mitte der Achtzigerjahre, Zander hatte eine Ausbildung bei Porsche, eine Weiterbildung zum Maschinenbautechniker und erste Arbeitserfahrungen hinter sich. „Ich hatte mich damals auf die Planung der Halle gestürzt und dabei überhaupt nicht an eine möglichst gute Einbindung in das Werksgelände gedacht“, erinnert sich der 60-Jährige mit einem wissenden Lächeln.
Heute arbeitet Zander als Projektleiter bei Fahrion. Der Mittelständler mit knapp 100 Mitarbeitern plant Produktionsanlagen und Fabriken für Autokonzerne, Luftfahrtunternehmen und Werften im In- und Ausland. Zander gehört zu dem einen Drittel der Belegschaft, das älter als 55 Jahre ist. Dass das Unternehmen bis heute gezielt Mitarbeiter über 50 Jahre anwirbt, hat den Ursprung in einer Firmenkrise Ende der Neunzigerjahre. Als plötzlich viele Projektleiter kündigten, musste Otmar Fahrion, Vater der heutigen Geschäftsführer Jens und Eric Fahrion, schnell reagieren, um Aufträge und letztlich sein Unternehmen zu retten. Per Annonce suchte er nach Ingenieuren. Dies blieb überraschenderweise zunächst erfolglos, weil die Bewerber seinen Ansprüchen nicht genügten.
Einer Studie der Beisheim School of Management und der Universität Konstanz zufolge fühlen sich ältere Mitarbeiter unwohl mit jüngeren Chefs. Grund könnte die fehlende Erfahrung im Umgang mit Mitarbeitern sein, aber auch mit Kunden: „Neben den reinen Ingenieur- und Technikkenntnissen muss ein Projektleiter bei uns auch was von Betriebswirtschaft, Jura und EDV verstehen und mit den Kunden auf Augenhöhe verhandeln können“, erklärt Geschäftsführer Jens Fahrion. „Meinem Vater wurde klar, dass diese Voraussetzungen vor allem ältere Arbeitnehmer mit Arbeitserfahrung erfüllen.“ Der heute 78-jährige Seniorchef Otmar Fahrion versuchte es erneut, diesmal mit einer ungewöhnlichen Jobausschreibung: „Mit 45 zu alt – mit 55 überflüssig. Wir suchen Ingenieure, Techniker und Meister bis 65.“ Nun landete eine Menge Bewerbungen guter Fachkräfte auf seinem Schreibtisch. „Uns kam zugute, dass damals viele große Unternehmen ältere Mitarbeiter in Frührente geschickt hatten, um Geld zu sparen“, erinnert sich Jens Fahrion. „Viele unserer Bewerber hatten zuvor bereits resigniert. Erst unsere provozierende Annonce hatte sie ermutigt, sich zu melden.“
Auch Klaus Zander fand, nachdem er zehn Jahre in anderen Unternehmen gearbeitet und sich in Abendkursen zum technischen Betriebswirt weiterbilden ließ, wieder zurück ins Kornwestheimer Unternehmen – mit Anfang 50. „Die Chefs kannten mich ja und ich passte von meinen Voraussetzungen und Alter in ihr Suchprofil.“
„Eines meiner größten Projekte war die Planung und Umsetzung einer U-Boot-Werft in Athen“, erinnert er sich. Auch eine Halle für die Wartung und Lackierung von Jumbojets in Peking leitete er damals. In Deutschland betreut er heute den ersten Arbeitgeber seiner Karriere: Porsche in Zuffenhausen.
„Viele Aufträge könnten wir ohne erfahrene Mitarbeiter gar nicht durchführen“, betont Jens Fahrion, der heute selbst 47 Jahre alt ist. Dabei räumt er auch gleich mit dem Vorurteil auf, dass ältere Mitarbeiter viel Geld kosteten. Im Gegenteil: Innerhalb von ein bis zwei Jahren könne man ihnen große Projekte zuteilen. Einen Mitarbeiter von der Pike auf zum Projektleiter auszubilden dauere eher zehn bis zwölf Jahre. Viel Zeit und Geld. Je nach Auftrag stellt sich Zander ein Team zusammen: Spezialisten, technische Zeichner, Mitarbeiter mittleren Alters und Jüngere. „Sich bei einem großen Auftrag in Details zu verlieren, passiert jüngeren Kollegen heute so wie mir früher“, stellt er fest. Manchmal fühle er sich schon als „Ein-Mann-Ausbildungszentrum“, aber in EDV-Trends und neueren Computerprogrammen kennen sich die jüngeren Kollegen besser aus. „Ihr modernes Know-how und meine Erfahrung ergänzen sich da sehr gut.“ Nach 45 Berufsjahren dürfte der erfahrene Projektleiter in vier Jahre in Rente gehen. „Darüber mache ich mir aber noch gar keine Gedanken“, sagt Zander. Er sieht dabei sehr zufrieden und selbstsicher aus.

 

Info: Flexibel in Rente gehen

Sanfter Übergang vom Job in den Ruhestand – mit dem Flexirentengesetz ist das einfacher. Wenn Sie vor Erreichen der Regelaltersgrenze in Ruhestand gehen, können Sie 6.300 Euro ohne Rentenkürzung dazuverdienen. Das ist derselbe Betrag wie vorher, doch er darf flexibler übers Jahr verteilt verdient werden. Auch starre Stufen, nach denen die Rente zuvor bei Überschreiten der Grenze gekürzt wurde, fallen weg. Eine weitere Neuerung: Wer nach regulärem Rentenalter arbeitet, sollte wie der Arbeitgeber in die Rente einzahlen. Denn die Rentenbeiträge für den Verdienst erhöhen dann die Rente.

Beratung vor der Rente: Gute Tipps von nebenan

Die Rentenversicherung bietet vielerorts Sprechtage an. Zusätzlich beraten ehrenamtliche Versichertenberater und Versichertenälteste.
Beratungsstellen findet man online: kurzlink.de/ beratungsorte.
Kostenloses Servicetelefon: 0800 1000 4800.

Alle Fakten und ein Film zur Flexirenten-Regelung online: flexirente.drv.info.