Die Rehabilitationsklinik Hohenelse in Rheinsberg.
Die Rehabilitationsklinik Hohenelse in Rheinsberg.



Kontinuität und Wandel

 

 

Die Klinik bei der Eröffnung 1904.


Die Rente ist sicher“, dieses geflügelte Wort hat schon immer Anhänger wie Zweifler mobilisiert. Das war auch 1890 so, als die beiden Versicherungsanstalten in Berlin und in Brandenburg gegründet wurden. Über Kontinuität und Wandel, über Bewährtes und Neues in den vergangenen 130 Jahren erzählt das Buch „Geschichte und Geschichten seit 1890“, das die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Berlin-Brandenburg nun veröffentlicht hat. Ergänzt wird der Blick in die Vergangenheit durch persönliche Berichte früherer und heutiger Mitarbeitender.
 

Von Beginn an selbstverwaltet

Der erste Teil des Buches widmet sich dem Grundsätzlichen, den Zahlen, Daten und Fakten. Die Historikerin Dr. Carolin Wiethoff berichtet, dass die beiden Anstalten von Anfang an selbstverwaltet waren. Sie erklärt, warum die Invalidenrenten gegenüber den Altersrenten zunächst deutlich im Vordergrund standen und warum die Altersrente beliebt war, obwohl sie weit unter den Leistungen der „Armenfürsorge“ lag. Sie beschreibt das langlebige System von Quittungskarten und Beitragsmarken. Spannend zu erfahren ist, dass der Grundsatz „Reha vor Rente“ schon weit über 100 Jahre alt ist. Auch die „Genesungsheime“, wie die Rehakliniken früher hießen, können auf eine lange Geschichte verweisen. 1901 wurde das Gelände in Rheinsberg gekauft, wo sich bis heute die Rehabilitationsklinik Hohenelse der DRV Berlin-Brandenburg befindet.
 

Weltkriege und Nationalsozialismus

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen stürzten beide Träger in große wirtschaftliche Nöte. Die einsetzende Hyperinflation in den Jahren 1923/24 machte ihre Situation dann so kritisch, dass ihre Existenz nur durch das Einspringen der Reichsregierung, die Umstellung auf das als Notlösung gedachte Umlageverfahren und durch Einheitsrenten gesichert werden konnte. Einer kurzen Phase der Stabilisierung folgten dann die Weltwirtschaftskrise und die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Juden und angebliche „Staatsfeinde“ wurden vom Rentenbezug ausgeschlossen. An die Stelle medizinischer Notwendigkeit von Heilbehandlungen traten rassistische und politische Vorgaben. Auch die lange Tradition der Selbstverwaltung wurde durch das Führerprinzip abgelöst. Angestellte wurden wegen „nichtarischer Abstammung“ oder aus politischen Gründen entlassen. Die Rentenkassen wurden ein zweites Mal zur Kriegsfinanzierung geplündert.
 

»Jede Epoche hat die Rentenversicherung auf besondere Weise geprägt.«

Dr. Carolin Wiethoff, Historikerin
 

Teilung und Wiedervereinigung

Mit der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden zwei unterschiedliche Rentenversicherungssysteme. In der DDR, anfangs auch in ganz Berlin, wurde die Einheits-Sozialversicherung praktiziert. 1956 ging sie in der DDR und Ost-Berlin in die Trägerschaft des Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) über, des Dachverbands der etwa 15 Einzelgewerkschaften. Die wirtschaftliche Situation von DDR-Rentnern war oft prekär. Noch 1989 gingen zehn Prozent von ihnen einer Erwerbsarbeit nach, wahrscheinlich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Angesichts der offiziell klassenlosen DDR-Gesellschaft erstaunt im Rückblick, dass es zuletzt vier Sonder- und 27 Zusatz-Versorgungssysteme gab. Zwei Millionen Menschen genossen auf diese Weise besondere Privilegien. In der Bundesrepublik wurde die Selbstverwaltung wieder eingeführt, ab 1953 gab es auch wieder Sozialwahlen. Die Rentenreform 1957 brachte unter anderem das Umlageverfahren zurück, die neue Rentenformel die dynamische Rente und mit ihr eine spürbare Verbesserung für Rentenbezieher. Der Fall der Mauer bedeutete neue Herausforderungen für die Rentenversicherung in Ost und West. Die Landesversicherungsanstalt (LVA) in Berlin (West) dehnte sich in den Ostteil der Stadt aus, die LVA Brandenburg wurde ganz neu gegründet. Die Bedingungen hierfür waren überwiegend schwierig. Computer und selbst Telefone fehlten häufig.
 

Zeitzeugen kommen zu Wort

Im zweiten Teil des Buches kommen ehemalige und aktive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Wort. Sie schildern ihre ersten Arbeitstage, die Übergangszeit von der DDR zur Bundesrepublik, den Aufbau der LVA Brandenburg und die Fusion der Träger. Eindrucksvoll liest sich, wie Aufbruchsstimmung, Pragmatismus und Pioniergeist auf „gut ausgehärteten Behördenbeton“ prallten. Und wie gut es war, dass die 2006 vollzogene Fusion beider Träger einen langen Vorlauf hatte – und ihren Ursprung in der Selbstverwaltung, nicht in der Politik. „Mich fasziniert, wie sehr die Geschichte der DRV Berlin-Brandenburg durch die Zeitgeschichte beeinflusst worden ist, vor allem durch die Teilung Berlins“, sagt Dr. Carolin Wiethoff. „Jede Epoche hat die Rentenversicherung auf besondere Weise geprägt.“ Die Themen der Sozial- und Rentenpolitik blieben trotzdem durch die Jahrzehnte dieselben, sie haben etwas Zeitloses. Auch davon erzählt das Buch.
 

„Geschichte und Geschichten seit 1890“


Das Buch ist kostenlos erhältlich über: pressestelle@drvberlin-brandenburg.de