Ursula Alexander absolviert in ihren Beratungswochen bis zu neun Termine pro Tag – ehrenamtlich.
Ursula Alexander absolviert in ihren Beratungswochen bis zu neun Termine pro Tag – ehrenamtlich.



„Dass ich helfen kann, das ist sehr schön“

 

Die 75 Jahre sind Ursula Alexander nicht anzusehen. Dafür kann es viele Ursachen geben. Langweilig war ihr jedenfalls nie. Ihre Karriere kann wechselhaft genannt werden. Nach dem Abitur arbeitete sie in dem Betrieb, der die Teile herstellte, aus denen später die Kugel des Berliner Fernsehturms wurde. An der Humboldt-Universität studierte sie dann Pädagogik mit Fachrichtung „Werken“ und „Polytechnik“, wie das in der DDR hieß. Anschließend unterrichtete sie erst Grundschüler, dann Schüler der 7. und 8. Klasse in einem MetallwarenBetrieb, danach ging es in einen Baubetrieb. Das Ende der DDR war auch das ihres Betriebes. Als Vorsitzende der Betriebs-Gewerkschaftsleitung wurde sie als Letzte entlassen.

Weiter nach der Wende

Dann lernte Ursula Alexander eben etwas Neues. Sie fing bei einem Reinigungsbetrieb an und arbeitete dort im Büro. „Lohnbuchhaltung, Sekretärin und alles, was dazugehört.“ Als die Tochter des Inhabers den Betrieb übernahm, war sie ihren Job wieder los. Als Gewerkschafterin hatte sie an einem der ersten deutsch-deutschen Gewerkschaftstreffen nach der Wiedervereinigung teilgenommen. Dort hatte ihr ein Kollege einen Tipp gegeben: Besser als Nichtstun sei eine Tätigkeit als Versichertenälteste. Berührungspunkte mit der Rentenversicherung hatte sie bis dahin nur wenige gehabt. „Aber warum nicht noch was anderes lernen?“, sagt sie. „Das macht mir auch heute noch Spaß.“

Sie bewarb sich, wurde 1991 vom Selbstverwaltungsgremium in das Amt gewählt und erst einmal geschult. Richtig los ging es 1993. „Die erste Zeit war sehr anstrengend“, berichtet sie. Viele der sogenannten „Werktätigen“ der früheren DDR hatten hohen Beratungsbedarf. Sie wollten sichergehen, dass ihre „Zeiten“ vom neuen Rentensystem der Bundesrepublik auch anerkannt wurden. „Ich habe oft bis zehn, elf Uhr abends dagesessen und gearbeitet. Mein Mann dachte schon, ich wäre irgendwo verschütt gegangen.“

„Ich habe immer gern dazugelernt, und das mache ich heute noch gern.“

Ursula Alexander, Versichertenälteste bei der DRV Berlin-Brandenburg

 

Aber es spielte sich ein, ihre Beratungszeiten wurden regelmäßiger. Das Rechtsgebiet Rentenversicherung ist speziell. Deshalb werden die Versichertenältesten regelmäßig geschult. Frau Alexander genießt das: „Der Erfahrungsaustausch mit den Kollegen ist enorm hilfreich.“ Ihre Freude an Neuem ließ sie auch früh zu den Versichertenältesten gehören, die für ihre Arbeit einen Laptop bekamen. „Ich bin immer ein bisschen neugierig. Ganz am Anfang war es schwieriger als gedacht, aber jetzt bin ich sehr zufrieden. Nur die Kunden wollen manchmal noch etwas ausgedruckt haben.“

Nicht alle kommen zu ihr, um einen Antrag bei der Rentenversicherung zu stellen. Viele wollen sich erst einmal beraten lassen. Manche verstehen ihre Rentenauskunft nicht oder sind sich nicht sicher. Andere haben eine telefonische Auskunft nicht verstanden. „Meine Klientel geht quer durch die Bank“, sagt sie. Schwierig werde es, wenn ein Arbeitsleben sehr unstet war, und es – häufig etwa bei Suchtkranken – keinerlei Unterlagen und zuweilen nicht einmal mehr eine Erinnerung an Schulzeit und Wohnorte gibt. Aber es gibt auch lustige Fälle. Einmal saß da ihr früherer Mathematiklehrer gegenüber. Die Freude des Wiedersehens machte seine Trauer – er beantragte eine Hinterbliebenenrente – etwas leichter.

Ursula Alexander versucht, auch anderweitig eine Stütze zu sein. „Viele, die einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellen, leiden unter Depressionen. Denen versuche ich erst einmal die Angst vor dem Antrag zu nehmen. Der ist sehr umfangreich.“ Manches geht ihr auch nahe, wenn etwa eine Witwe um ihren plötzlich verstorbenen Mann trauert. Wenn sie sich auskennt, gibt sie Tipps auch jenseits der Rente. „Wenn herauskommt, dass die Rente so niedrig ist, dass sie aufgestockt werden muss, mache ich mit den Kunden einen weiteren Termin.“ In dem füllen sie dann den Antrag auf Aufstockung gemeinsam aus. Dafür erhält sie ebenso wenig eine Entschädigung wie für ihre vielen Beratungstermine. Aber das ist ihr nicht so wichtig: „Ich schätze den Kontakt mit den Menschen, dass ich helfen kann. Das ist sehr schön.“

Mehrfache Großmutter ist sie auch

Ursula Alexander ist zweifache Mutter und inzwischen siebenfache Großmutter. „Meine Kinder waren schon längst erwachsen, als ich dieses Ehrenamt angefangen habe. Und für die Enkel musste ich nur einspringen, wenn jemand von den Eltern krank wurde.“ Auch wenn ihre Aufgabe zuweilen mit acht oder neun Terminen am Tag stressig sein kann – sie macht sie gern. Sie berät wochenweise in Berlin, lebt aber in Brandenburg, wo sie gern im Garten arbeitet. In ihren Beratungswochen wohnt sie in der Wohnung eines ihrer Kinder. „Solange ich es schaffe, den Koffer mit dem Computer und dem Drucker die vier Etagen in die Wohnung hochzuschleppen, mache ich weiter.“ Sie will sich 2023 für weitere sechs Jahre wählen lassen. 

Beratung gewünscht?

Wer sich persönlich in Rentensachen beraten lassen, einen Antrag stellen möchte oder Hilfe braucht, findet die Beratungsmöglichkeiten der DRV Berlin-Brandenburg auf der Internetseite unter „Services“. Auch die Mitarbeiter am kostenlosen Servicetelefon helfen gern weiter unter Tel. 0800 1000 48025.

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