Noor Zayed in einer Beratungssituation.
Noor Zayed in einer Beratungssituation.



Die Zukunft ist oft migrantisch

Deutschland würde ohne Zuwanderung schrumpfen. Laut dem Statistischen Bundesamt ist die Bevölkerungszahl 2021 um 82.000 gestiegen – die Nettozuwanderung lag bei etwa 317.000 Menschen. Berlin wuchs 2021 um 13.000 Einwohner, Brandenburg um 7.000. Zugleich hat Deutschland eine große demografische Herausforderung: Die Menschen der geburtenstarken 1960er-Jahrgänge werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Immer mehr Branchen klagen über Nachwuchsmangel. Das macht Zuwanderung zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit hat das untersucht. Es schätzt, dass bis 2060 eine Netto-Zuwanderung von etwa 400.000 Menschen nötig ist – jedes Jahr.

Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, auch das Arbeitskräftepotenzial, das schon im Land ist, möglichst fit für den Einstieg ins Berufsleben zu machen. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) will deshalb auch ihre RehaAngebote für Kinder und Jugendliche noch bekannter machen. 

Unter Kindern bis 15 Jahre haben in Berlin 45, in Brandenburg 16 und in ganz Deutschland 40 Prozent einen Migrationshintergrund, was bedeutet: Sie haben selbst oder mindestens ein Elternteil hat ab Geburt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach den Ergebnissen der zweiten Welle der sogenannten KiGGS-Studie des Robert Koch-­Instituts macht das diese Kinder weder kränker noch gesünder. Doch entspricht die Zahl der Anträge auf Kinder-Reha bei Weitem nicht ihrem Anteil an allen bis 15-Jährigen. Weniger als zehn Prozent aller etwa 32.000 Rehabilitanden der DRV Berlin-Brandenburg hatten 2020 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Um das zu ändern, fördert die DRV Berlin-Brandenburg gemeinsam mit der DRV Nord seit 2019 das Projekt MiMi-Reha Kids. Es soll die Zugangsbarrieren von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsbiografie zu medizinischen Rehabilitationen nachhaltig senken. Informationsmaterial in zwölf Sprachen hilft dabei. MiMi heißt „Mit Migranten für Migranten“. Etwa 20 migrantische Mediatoren, ganz überwiegend Frauen, wurden und werden jedes Jahr geschult. Anschließend informieren sie in ihren Communitys in den jeweiligen Herkunftssprachen über die Kinder-Reha und helfen bei der Antragstellung. Sie haben seit Projektbeginn in Berlin und Brandenburg etwa 130 Informationsveranstaltungen zum Thema Kinder-Reha mit jeweils zehn oder mehr Teilnehmenden veranstaltet, auch online. Das Interesse ist groß.

„Ich helfe gern, aber es ist ein ziemlicher Hürdenlauf.“

Noor Zayed,
Mediatorin im Projekt MiMi-Reha Kids

Einsatz für ein lohnendes Ziel

Noor Zayed ist eine der Mediatorinnen, sie arbeitet mit Info-Material auf Arabisch. Sie wurde in Jordanien geboren und lebt seit 17 Jahren in Deutschland. Als sogenannte Stadtteilmutter hilft sie in Berlin-Neukölln Familien, die sie zum Beispiel im Rahmen ihrer Sprechstunde oder in einem Eltern-Café um Rat und Hilfe bitten. „Ich helfe gern“, sagt sie, „aber bis ein Kind oder ein Jugendlicher eine Kinder-Reha macht, ist es ein ziemlicher Hürdenlauf.“
Die erste Hürde: Die meisten Eltern hören von den Mediatorinnen zum ersten Mal, dass es dieses Angebot gibt. Anschließend muss oft viel Zeit in Überzeugungsarbeit gesteckt, zuweilen jeder Schritt begleitet werden. Für den Antrag bei der Rentenversicherung braucht es zum Beispiel einen Befundbericht eines Arztes. Um diesen zu bekommen, muss Zayed die Familie oft selbst zum Arzt begleiten. Leider erlebt sie viele Ärztinnen und Ärzte als engagiert, aber überlastet. Deshalb stehe die Kinder-Reha häufig nicht im Fokus.

Die nächste Hürde sind die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen des Sozialgesetzbuchs. „Um eine Rehabilitation durch die Rentenversicherung bewilligt zu bekommen, ist eine Mindestzahl an Beitragsmonaten mindestens eines Elternteils notwendig. Das ist bei Menschen, die erst seit Kurzem in Deutschland sind, schwierig“, sagt Dr. Flaminia Bartolini, Gesamtkoordinatorin des Projekts. Wenn die Rentenversicherung den Antrag nicht bewilligen kann, reicht sie ihn an den zuständigen Sozialträger weiter.

Die DRV Berlin-Brandenburg hat 2021 über 90 Prozent der genehmigungsfähigen Anträge auf Kinder-Reha genehmigt. Auch danach haben die Familien oft noch Fragen oder sorgen sich hinsichtlich sprachlicher, kultureller oder religiöser Belange. Viele Einrichtungen haben begonnen, ihre Angebote den veränderten diversitätsgeprägten Erfordernissen anzupassen. Vegetarisches Essen, das auch die meisten kulturellen oder religiösen Regeln berücksichtigt, gibt es inzwischen überall. Mädchen und Jungen wurden schon immer in getrennten Zimmern untergebracht. Schwieriger zu lösen ist meist die Verständigung in der Reha-Klinik und wie der Rest der Familie umsorgt wird, wenn die Mutter mit dem Kind in der Reha ist. Kindern ab zwölf Jahren wird nicht immer zugetraut, allein in der Reha zu sein. Zuweilen ist ein Krankentransport zu organisieren.

Eine Erfolgsgeschichte

Geklappt hat alles bei der 17-jährigen, im kurdischen Teil des Irak geborenen Yara*. Ihr Gehirn wurde bei ihrer Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Deshalb leidet sie unter einer spastischen Cerebralparese: Sie ist in ihrer Mobilität stark eingeschränkt und braucht einen Rollstuhl. Sie konnte sich nicht allein an- und auskleiden, duschen oder die Zähne putzen. Mehrere Operationen an Knien und Hüftgelenken brachten keinen durchgreifenden Erfolg. Durch eine kurdischsprachige Mediatorin erfuhr die Familie von der Möglichkeit einer Kinder-Reha. Die Sorgen der Familie waren groß: Würde Yara es in der Reha allein schaffen? Die Klinik sicherte Unterstützung zu, die Reha wurde ein voller Erfolg: schon nach wenigen Tagen machte Yara große Fortschritte und ist seitdem im Alltag viel selbstständiger. Sie kann jetzt länger und weiter allein laufen – und ist darauf sehr stolz. Die Reha hat auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie hat einen Schulabschluss gemacht und sucht im Moment einen Ausbildungsplatz als Video-Editorin. 

Infos und Hilfe für chronisch kranke Kinder und Jugendliche – auch in persischer Sprache: www.mimi-reha-kids.de