Es braucht ein Dorf...

 

Manchmal bricht er aus mir heraus, der Neid. Wenn eine Freundin ihr Telefon zückt, um die eigene Mutter oder Schwiegermutter anzurufen. „Bin unterwegs, könntest du ihn kurz … danke!“ Und dann kann Oma kurz, schwingt sich aufs Rad oder ins Auto und holt das Kind von der Kita ab. So wäre das, wenn meine Eltern bei mir wohnten, denke ich. Auf der anderen Seite würden sie dann auch bei mir wohnen und ich bekomme schon Panik, wenn meine Mutter nur einen kurzen Besuch ankündigt, weil mir ein neuer Vortrag über Ordnungs- und Reinigungsmethoden droht. Ein weiteres Problem bei dem Gedanken daran, dass meine Eltern bei mir wohnen würden, ergibt sich schon durch unsere Wohnsituation. In unserer gemieteten Altbauwohnung ist kein Platz für noch mehr Generationen. Auch wenn das Kind sich sehnlichst wünscht, Oma und Opa würden hier mal übernachten, und in Gedanken schon die Zimmerverteilung erledigt: „Oma schläft bei Mama und du, Papa, du schläfst einfach auf der Matratze in Mamas Arbeitszimmer.“

Eine Wahlfamilie im eigenen Haus

Meine Eltern besitzen nur ein Reihenhäuschen, da stellt sich nicht die Frage nach einem demografischen Selbstexperiment. Aber die Grenzen des Sich-Kümmerns und Aufeinander-Einstellens werden ja nicht um die eigene Familie gezogen. Und so habe ich diese kleine Utopie vom Leben in der Stadt, wie wir es jetzt haben, aber mit einer Hausgemeinschaft, die sich kennt. Nicht so, dass man nur die Pakete des anderen annimmt, sondern so, dass man die Türen offen lassen kann. Dass es Gemeinschaftsräume und -flächen gibt, in denen man sich trifft und austauscht. Eine große Wahlfamilie auf verschiedenen Stockwerken.

Und dann kann Gisela aus dem Vierten den Kuchen fürs Kitafest backen und Jenny aus dem EG sie dafür zum Amt begleiten. Doch so etwas entwickelt sich nicht, wenn ein Vermieter wild Menschen zusammenwürfelt. Dafür braucht es entsprechende Bauvorhaben und vor allem den Willen, Egozentrik etwas zurückzustellen. Während der Pandemie wehte ein leichter Wind davon durch die Gesellschaft  – als die Jüngeren den Älteren anboten, für sie einzukaufen. Viel ist davon leider nicht übrig geblieben. „Es braucht ein Dorf …“ sollte nicht nur ein Sprichwort in Sachen Kindererziehung sein, sondern das Motto einer ganzen funktionierenden Gesellschaft – ganz unabhängig von den eigenen Wohn- und Familienverhältnissen.

Ninia LaGrande

Die Moderatorin und Autorin lebt mit Mann und Kind in Hannover. Ihr Buch „Von mir hat es das nicht!“ (Blaulicht, 2019) handelt von den Herausforderungen des Elternseins.